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Scholz kündigt weitere Entlastungen für Bürger an
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Krieg in der Ukraine
01.04.2022

Energie aus Russland – seit Adenauer ein unmoralisches Geschäft

Zwei Kanzler, die den Öl- und Gashandel mit Russland wesentlich prägten: Konrad Adenauer (2. v. l.) und Willy Brandt.
Foto: Kurt Rohwedder, dpa

Seit sechs Jahrzehnten macht Deutschland Energiegeschäfte mit Russland. Die Beziehung überdauerte schwerste Krisen und Kriege. Letztlich ist es so bis heute.

Das Gas aus Russland fließt zu uns, während die Bomben auf die Ukraine fallen. Die Bundesnetzagentur meldet leicht steigende Speicherstände. „Die Gasversorgung ist stabil“, erklärte die Behörde, nachdem es ein rhetorisches Gefecht über die Zahlung in Rubel oder Euro gegeben hatte. Auch die deutschen Raffinerien verarbeiten weiter russisches Öl zu Benzin und Diesel, während die Gewehre rattern. Es kommt über die „Freundschafts-Pipeline“ aus dem Osten, auf Russisch „Druschba“.

Der Krieg in der Ukraine ist nicht der erste Feldzug, die erste weltpolitische Krise, die das deutsche Energiegeschäft übersteht. Im Jahr 1958 erpresste Sowjetführer Nikita Chruschtschow in der zweiten Berlin-Krise die West-Alliierten und forderte den Abzug der amerikanischen, britischen und französischen Soldaten aus der Frontstadt des Kalten Krieges. Dennoch begannen quasi zeitgleich Unternehmen wie Mannesmann, Ferrostaal und Hoechst Röhren an die Sowjetunion zu liefern. Das rote Imperium setzte an, seine Öl- und Gasvorkommen in Sibirien auszubeuten.

Historiker Bösch: "Erhard war stark dafür, Adenauer auch"

Zunächst sollte damit der Ostblock versorgt werden - auch die Brüder und Schwestern in der DDR -, später auch Westdeutschland. Es ging natürlich ums Geschäft. Es ging aber auch darum, über wirtschaftliche Kontakte die noch zarten diplomatischen Beziehungen zu stärken – anderthalb Jahrzehnte nach der deutschen Barbarei in der Sowjetunion und mitten im Ost-West-Konflikt. „Wirtschaftsminister Erhard war stark dafür, Adenauer auch, wenngleich er mehr Rücksicht auf die Amerikaner nahm“, sagt der Historiker Frank Bösch. Er ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und arbeitet zur deutschen Energiepolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Vier Jahre später musste der Alte aus Bonn dem großen Bruder von der anderen Seite des Atlantiks nachgeben. Wegen der Kuba-Krise verlangten die Amerikaner den Stopp des Röhrengeschäfts.

Seit knapp 60 Jahren sprudelt russisches Öl durch die "Druschba-Röhre".
Foto: Patrick Pleul, dpa

60 Jahre später muss der Nachfolger Adenauers ebenfalls eine Röhre stoppen. Bundeskanzler Olaf Scholz legte die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 auf Eis. Lange hatte er sich dagegen gesträubt, der US-Präsident hatte Druck gemacht, die Osteuropäer hatten gefleht. Zwei Tage vor dem Einmarsch Russlands in der Ukraine rang sich Scholz schließlich durch und erklärte die fertige Leitung für tot.

In den 60er Jahren dauerte es vier Jahre, bis die Nato-Staaten das Röhren-Embargo aufhoben. Außenminister und Kanzler in Lauerstellung Willy Brandt erwärmte sich sehr für die Idee, der Sowjetunion Pipelines nach Sibirien vorzufinanzieren, die dann durch Öl- und Gaslieferungen abgestottert wurden. 1968 walzten sowjetische Panzer den Frühling in Prag nieder. Die Wirtschaftsbeziehungen zu Westdeutschland störte das nicht nachhaltig.

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Als Brandt schließlich Kanzler wurde und seine heute legendäre Ost-Politik unter dem Rubrum „Wandel durch Annäherung“ erfand, machte der Handel mit der Sowjetunion einen Sprung. „Diese Geschäfte flankierten die Ostpolitik, stützten sie und nahmen natürlich zu, weil die Ostpolitik erfolgreich war“, sagt Frank Bösch. Und dann kam der Ölpreisschock 1973. Die Golfmonarchien drehten dem Westen den Hahn ab. Brandts Strategie, auf Russland zu setzen, erschien goldrichtig. Wie heute lautet das Zauberwort „Diversifizierung“. Weg von den Scheichs, hin zu Großbritannien, Norwegen und der Sowjetunion.

Kanzler Schmidt waren Arbeitsplätze wichtiger

Der nächste Prüfstein dieser Wirtschaftsbeziehung zur UdSSR war deren Besetzung Afghanistans Ende der 70er Jahre. Wieder forderten die Amerikaner Sanktionen. Doch die zweite Ölkrise rüttelte gerade die Weltwirtschaft durch und Bundeskanzler Helmut Schmidt waren Arbeitsplätze wichtiger als das Völkerrecht. Westdeutschland begnügte sich mit dem symbolischen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau.

Leere Autobahnen: Der autofreie Sonntag war eine Reaktion auf die Ölkrise.
Foto: Klaus Heirler, dpa (Archiv)

Der östliche Teil Deutschlands hing bei der Versorgung mit Öl und Gas schwer von der Vormacht im eigenen Block ab. 10.000 Arbeiter aus der DDR und einige Studenten bauten in der Ukraine ab Mitte der 70er Jahre eine Erdgastrasse, auch sie hört auf den Namen Druschba. Das Unternehmen hat im Osten heute noch einen legendären Klang. Doch in den 80er Jahren brauchte Moskau dringend Geld, erhöhte die Preise für die sozialistischen Bruderstaaten und lieferte mehr Brennstoffe an die Kapitalisten gegen harte Devisen. Ostberlin war deshalb gezwungen, noch stärker auf die dreckige Braunkohle auszuweichen – mit desaströsen Folgen für die Umwelt in den Revieren. Der Umweltschutz war eine Keimzelle der DDR-Opposition, die schließlich das SED-Regime hinwegfegte.

Geblieben ist die enge Verflechtung Ost- und Westdeutschlands mit der russischen Erdölindustrie. Der Überfall Wladimir Putins auf die Ukraine leuchtet die Abhängigkeit in grellem Licht aus. Der Krieg um Kiew hat eine längere Vorgeschichte. Im Jahre 2014 besetzte der russische Präsident die Krim, ließ im Donbass die Kontrolle durch Abspalter übernehmen. Im Jahr danach wurde der Vertrag über den Bau von Nord Stream 2 geschlossen. Die Partei Willy Brandts – die SPD – war Garant und Herold des Projekts, die CDU-Kanzlerin Angela Merkel kämpfte es gegen die Widerstände der Amerikaner und Osteuropäer durch.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei Scheich Al Thani, Minister für Handel und Industrie des Emirats Katar.
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Und heute, im schalen Gefühl des Erwachens, will Deutschland nur noch weg von Öl, Gas und Kohle aus Russland. Das Zauberwort heißt wieder „Diversifizierung“. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) ist deshalb nach Norwegen gereist. Und an den Golf zum Emir von Katar. „Die Bundesrepublik hat immer einen regen Handel mit Diktaturen und Autokratien getrieben“, sagt Frank Bösch, wenn er auf die vergangenen Jahrzehnte schaut. Jetzt, mit der von Scholz ausgerufenen Zeitenwende, soll das anders werden. Energiesparen ist Bürgerpflicht und Windräder auf jedem Hügel liefern Freiheitsenergie. Der Historiker aus Potsdam fragt sich, wie lange diese Phase anhält.

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Die Diskussion ist geschlossen.

05.04.2022

Wir haben fast nur mit unmoralischen Geschäften mit Nationen zutun, die fast alle Dreck an Stecken haben.

Nicht nur Russland begeht Kriegsverbrechen. Das können die USA (Irak, Atombomben auf zwei Städte in Japan, Vietnam, etc.), Saudi Arabien, Great Britain, die Grande Nation u. a. schon auch.

Das soll nichts relativieren. Allerdings muss man schon mal alles objektiv betrachten und dabei stellen sich nicht nur Russland, sondern auch viele andere als fragwürdig heraus.

Wir müssen auch schauen wo wir bleiben. Es nützt ja auch nichts zu einem Verbrecher zu sagen: Hör auf, sonst spring ich aus dem Fenster...

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03.04.2022

Richtigerweise hätte die Überschrift lauten müssen: Gas - seit Adenauer ein "unmoralisches" Geschäft?
Damit wäre man beim Lesen des nachfolgende Beitrag zu einem ganz anderen Fazit gekommen.
Russland ist ein zuverlässiger Lieferant und hat wesentlich zum deutschen Wirtschaftswunder beigetragen.
Und ... mit freundschaftlichen / verantwortungsbewussten Beziehungen lassen sich auch unterschiedliche Gesellschaftssysteme zum gegenseitigen Nutzen überbrücken. Und ... durch Kriege leidet immer "nur" die unterste Schicht der Bevölkerung.

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03.04.2022

Tatsache ist doch, das Russland 60 Jahre immer ein zuverlässiger Partner für Energie war und ist, wenn die deutschen Politiker nicht am spinnen sind.

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02.04.2022

Da zu Adenauers Zeiten als Kanzler Deutschland geteilt war, fragte ich mich, wie damals die Energie aus Russland in die BRD gelangte. Meine Recherche hierzu:

1. Erste Erdölleitung aus Russland
„Am 17. Juli 1963 erreichte die (erste) Erdölleitung das EVW (Erdölverarbeitungswerk, die heutige PCK-Raffinerie) in Schwedt/Oder. Am 18. Dezember 1963 eröffnete Walter Ulbricht die Leitung offiziell.“ (Erdölleitung Freundschaft – Wikipedia)

2. Erste Gasleitung aus Russland
Als erste große Trasse wurde im Jahr 1967 die Pipeline „Bruderschaft“ fertiggestellt, die vom sibirischen Gasfeld Urengoi östlich von Nadym über eine Strecke von etwa 4500 km bis nach Uschhorod in der Ukraine verläuft. (Transgas-Pipeline - Wikipedia)

Dwight D. Eisenhower (US-Präsident von 1953 bis 1961) erkannte damals eine andere Abhängigkeit: „Solange das Öl aus dem Nahen Osten so billig ist wie es ist, können wir wahrscheinlich wenig tun, um die Abhängigkeit Westeuropas vom Nahen Osten zu verringern.“ (Ölpreiskrise – Wikipedia)

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02.04.2022

Ein gewisser goodwill war bei dem ehemaligem Kriegsgegner SU mit 24 Mio zivilen und militärischen Opfern angebracht !!!

Bzgl. der hohen Zahl hat Stalin zwar eine mächtige Mitverantwortung, aber der Angegriffene ist trotzdem erst mal Opfer.

https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article140655354/Wie-die-hohen-Verluste-der-Roten-Armee-entstanden.html

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03.04.2022

Herr P., ich stimme Ihnen zu.
Mit meinem Kommentar wollte ich auch darauf hinweisen, dass
1. Adenauer als Kanzler der BRD nicht wie es die Überschrift „Energie aus Russland – seit Adenauer ein unmoralisches Geschäft“ vermuten lässt, für den Import großartiger Energiemengen aus Russland verantwortlich ist. (Der Energieimport in großen Mengen aus Russland kam erst nach der Ölkrise in den 70er als die Ölscheichs den Westen mit ausbleibenden Öllieferungen bestraften. – Die damalige Ölkrise bedeutete das Ende des Wirtschaftswunders in der BRD, weil auch die USA nicht mal ansatzweise bereit waren, die entstandene Versorgungslücke in Deutschland zu schließen.)
Zu Adenauers Zeiten wurde der BRD allerdings von den USA auferlegt, das Röhrengeschäft mit Russland zu beenden. („Durch intensiven Druck brachten wir einen NATO-Beschluss zustande, dass die 200.000 t Röhren, die die deutschen Firmen versprochen hatten, ein ,strategisches Gut‘ seien. Und unser beständiges ,Armdrehen‘ überzeugte den zögerlichen Kanzler Konrad Adenauer letztendlich, ein Röhrenembargo anzuordnen.“, so unter MOE-JB-2020_DRUCK.indd (ost-ausschuss.de auf Seite 22.)
2. auch in den 60er Jahren es den USA missfiel, wenn Europa und insbesondere der Kriegsverlierer Deutschland eigene Interessen verfolgten. Zwar kauften damals auch die Amerikaner entgegen der Interessen der texanischen Ölriesen im Nahen Osten das billige Öl, der amerikanischen Politik war dieser Bezug aber ein Dorn im Auge. – siehe auch Eisenhower-Zitat

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02.04.2022

Hier wird wieder einmal der zahlende deutsche Steuerzahler mit falscher Ursache & gefälschter Wirkung verblödet und zur Kasse gebeten.

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02.04.2022

Nach neuester Lesart das Öl- und Gasgeschäft mit der UDSSR /RU von Anfang an "ein unmoralisches Geschäft", das den westl Werten zuwider lief bzw noch läuft. Wer so hohe moralische Maßstäbe anlegt, darf auch kein Gas und Öl aus den Golf Staaten beziehen von Waren aus China ganz abgesehen. Aber es steht ja jedem Bürger frei die Heizung abzustellen, zu Fuss zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren - vollkommen umweltbewusst. Aber was passiert wenn am Ende auch noch der Arbeitsplatz ohne Ersatz verschwindet? Was wird dann aus den Idealen?

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02.04.2022

Seit Adenauer.

Ohne günstige Energie aus Russland wäre es nichts geworden mit dem Wirtschaftswunder.

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02.04.2022

>> Es ging aber auch darum, über wirtschaftliche Kontakte die noch zarten diplomatischen Beziehungen zu stärken – anderthalb Jahrzehnte nach der deutschen Barbarei in der Sowjetunion... <<

Dieser Aspekt kommt mir aktuell in der Diskussion und auch bei der Überschrift des Artikels zu kurz!

Man könnte bei dieser alltäglichen Besserwisserei fast meinen, dass Deutschland niemals die SU überfallen hat...

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01.04.2022

Wer moralische Bedenken hat, kann ohne weiteres sofort die eigene Heizung abstellen. Das ist ein Knopfdruck. Das kann man sofort machen. Die meisten aber maulen nur und heizen schön weiter. Ich lasse die Heizung an.

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02.04.2022

Ja. Wollte Deutschland auf "unmoralische" Geschäfte, was immer das auch sein soll, verzichten, müsste in einigen Fällen selbst der innerdeutsche Handel gestoppt werden - vom Handel mit dem Ausland gar nicht erst zu reden.

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01.04.2022

Sobald sich die Wogen des UA Krieges geglättet haben, wird Erdöl und Fertigprodukte wie Diesel wie gewohnt aus Ru importiert werden. Und von Nord Stream 1 redet derzeit niemand; dort läuft der Betrieb weiter wie gewohnt ausserhalb der direkten Einflussnahme der EU . Alle starren nur auf den Gasfluß durch die Ukraine, aber auch der ist stabil. Bis deu LNG Ports fertig sind vergehen noch 2-3 Jahre- noch niemals die Planung steht fix- das ist die Realität.

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01.04.2022

>>Sobald sich die Wogen des UA Krieges geglättet haben, ...<<

Schreckliche Banalisierung dieses Krieges. Auch ist es kein "UA-Krieg", sondern ein russischer Angriffskrieg mit schlimmen Bombardierungen der Zivilbevölkerung in den Städten.

Schreiben Sie solche Kommentare aus eigenem Antrieb oder sind Sie Meinungssöldner?

Raimund Kamm

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02.04.2022

Bei Herrn Putin und Herrn Kamm ist das Wort "Krieg" verboten ;-)

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02.04.2022

Leistungsträger erkennen, daß sich Herr Kamm an der Bezeichnung "UA-Krieg" störte, nicht am Begriff "Krieg" ansich. Nein, es ist kein Krieg der Ukraine, sondern ein von den Russen angefachter Angriffskrieg.

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02.04.2022

Mir scheint da mancher eher im Team Sprechverbote als im Team Demokratie und Meinungsfreiheit unterwegs zu sein!

Dieses Diskussion ob nun ein UA-Krieg, Krieg oder "Russen angefachter Angriffskrieg" vorliegt ist schlicht absurd. Im Grunde geht es doch nur darum, dass Kamm und M. den H. wegen anderer Äußerungen angehen und dafür halt einen Casus Belli suchen ;-)

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