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Weihnachtsansprache
24.12.2021

Steinmeier: "Es kommt auf uns an, auf jeden Einzelnen!"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue.
Foto: Kay Nietfeld, dpa

Der Bundespräsident dankt allen, die sich für die Gesellschaft engagieren und sie zusammenhalten. Die Weihnachtsansprache 2021 von Frank-Walter Steinmeier im Wortlaut.

Schon seit 1970 wendet sich Deutschlands Staatsoberhaupt am ersten Weihnachtsfeiertag an das Volk. Zum fünften Mal hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in diesem Jahr die Weihnachtsansprache. Es ist das zweite Weihnachtsfest in der Corona-Pandemie. Lesen Sie hier die Ansprache im Wortlaut.

Weihnachtsansprache von Steinmeier im Wortlaut

Liebe Landsleute, zu Weihnachten grüßen meine Frau und ich Sie alle sehr herzlich! Ob Sie diese Stunden alleine verbringen oder in der Familie, ob in einer festlich geschmückten Wohnung oder auf Nachtschicht, ob im Zimmer eines Seniorenheims, als Pfleger oder Ärztin auf Station oder als Diensthabender auf der Wache, wo auch immer Sie gerade sind: Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Fest!

Wenn wir auf dieses Jahr zurückschauen, sehen wir vieles, das uns Kummer bereitet, vieles auch, was uns Angst gemacht hat. Wir denken an die schreckliche Flutkatastrophe im Sommer. Wir denken an unsere Soldatinnen und Soldaten, die aus Afghanistan heimgekehrt sind, und auch an die Menschen, die dort in Not und Hunger zurückgeblieben sind. Wir machen uns Sorgen über das, was wir aus vielen Teilen unserer unruhigen Welt hören, gerade auch aus Osteuropa.

Der Fluss Ahr fließt durch das Ahrtal an dem zerstörten Ort Marienthal und den Weinbergen vorbei.
Foto: Philipp von Ditfurth, dpa

Zugleich war da vieles in diesem Jahr, was uns Hoffnung macht: Ich denke an die riesige Solidarität mit den Flutopfern, an Spenden und vor allem ganz viel tatkräftige Hilfe. Ich denke an die vielen – jungen und nicht so jungen – Menschen, die sich für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen. Und ich denke an Sie alle, die ihre Stimme abgegeben haben in wichtigen Wahlen, und an die Art und Weise eines demokratischen Übergangs in gegenseitigem Respekt. Viele Menschen schauen jetzt mit Neugier, auch mit Hoffnung auf eine neue Bundesregierung, die sich viel vorgenommen hat für unser Land.

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Vor allem aber denke ich an das ehrenamtliche Engagement in allen Winkeln unserer Gesellschaft. So vieles geschieht ja Tag für Tag im Stillen, so viele packen ganz selbstverständlich mit an. Sie alle knüpfen Tag für Tag das Netz, das unsere Gesellschaft im Guten verbindet und zusammenhält.

Ja, und dann ist da Corona. Seit bald zwei Jahren bestimmt die Pandemie unser Leben, hier und auf der ganzen Welt. Selten haben wir so hautnah erfahren, wie gefährdet unser menschliches Leben und wie unvorhersehbar die Zukunft ist – der nächste Monat, die nächste Woche, ja der nächste Tag. Auch ganz aktuell müssen wir uns wieder stärker einschränken zum Schutz vor einer neuen Virusvariante.

Aber wir haben doch auch erfahren, dass wir nicht machtlos sind. Wir können uns selbst und andere schützen! Ich bin froh, dass die allermeisten die Chance erkannt haben, die in der Impfung liegt. Wie viel schweres Leid, wie viele Todesfälle konnten dadurch bis heute schon verhindert werden.

Unser Staat war selten so gefordert, Leib und Leben seiner Bürger zu schützen. Er braucht dazu die kompetenten Wissenschaftler, die Ärztinnen und Pfleger, verantwortungsvolle Ordnungskräfte und Mitarbeiter in den Ämtern. Sie alle tun ihr Bestes. Und sie alle gewinnen neue Erkenntnisse, korrigieren Annahmen, die sich als falsch erwiesen haben, und passen Maßnahmen an. Menschen können irren, sie lernen aber auch.

 

Der Staat also ist gefordert, er muss handeln, aber nicht er allein. Der Staat kann sich nicht für uns die Schutzmaske aufsetzen, er kann sich auch nicht für uns impfen lassen. Nein, es kommt auf uns an, auf jeden Einzelnen!

Ich möchte aus vollem Herzen der großen, oft stillen Mehrheit in unserem Lande danken, die seit Monaten umsichtig und verantwortungsvoll handelt. Weil sie erkannt hat: Mehr denn je sind wir aufeinander angewiesen – ich auf andere und andere auf mich.

Natürlich gibt es dabei auch Streit. Natürlich gibt es Unsicherheiten und Ängste, und es ist wichtig, sie auszusprechen. Daran wird bei uns niemand gehindert. Entscheidend ist, wie wir darüber sprechen – in der Familie, im Freundeskreis, in der Öffentlichkeit. Wir spüren: Nach zwei Jahren macht sich Frust breit, Gereiztheit, Entfremdung und leider auch offene Aggression. Es stimmt: In der Demokratie müssen wir nicht alle einer Meinung sein. Aber bitte denken wir daran: Wir sind ein Land! Wir müssen uns auch nach der Pandemie noch in die Augen schauen können. Und wir wollen auch nach der Pandemie noch miteinander leben.

 

Die Pandemie wird nicht eines Tages plötzlich vorbei sein. Sie wird uns noch lange beschäftigen. Und sie verändert uns schon heute, bis in unsere alltägliche Sprache hinein. Da sind nicht nur neue Begriffe hinzugekommen, von Inzidenz bis 2G+. Auch unsere alten, kostbaren Worte erhalten ein neues, dringliches Gewicht:

Was, zum Beispiel, bedeutet Vertrauen? Natürlich nicht „blindes Vertrauen“. Aber heißt Vertrauen nicht womöglich auch, dass ich mich auf kompetenten Rat verlasse, selbst wenn meine eigenen Zweifel nicht gänzlich besiegt sind? Oder Freiheit: Ist Freiheit der laute Protest gegen jede Vorschrift? Oder bedeutet Freiheit manchmal nicht auch, mich selbst einzuschränken, um die Freiheit anderer zu schützen? Was bedeutet Verantwortung? Sagen wir einfach: „Das muss jeder für sich selbst entscheiden“? Oder betrifft meine Entscheidung nicht in Wahrheit viele andere mit?

Freiheit, Vertrauen, Verantwortung: Darüber, was das bedeutet, werden wir uns verständigen müssen – auch in Zukunft und auch in anderen großen Fragen wie etwa dem Klimaschutz. Auch da wird es nicht nur die eine richtige Antwort geben, die alle überzeugt. Sondern immer wieder werden wir uns neu verständigen müssen. Und ich bin sicher: Wir können uns verständigen. Das haben wir doch in Wahrheit schon oft miteinander bewiesen.

Liebe Landsleute, es war an Weihnachten vor mehr als fünfzig Jahren, als zum ersten Mal Menschen den Mond umkreisten. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an die Bilder: Da oben im All, in diesem Moment des größten menschlichen Fortschritts, gerade da wurde unsere kleine, verwundbare Erde sichtbar wie nie zuvor. Von ihr hatte all der Fortschritt seinen Anfang genommen – und auf ihr leben wir alle, mit unseren Sorgen und Hoffnungen, mit unserem Leid und unserem Glück.

Damals lasen die drei Astronauten von Apollo 8 den Anfang der biblischen Schöpfungsgeschichte vor, und sie beschlossen ihre weihnachtliche Botschaft mit den Worten: „Gott segne euch alle auf der guten Erde.“

Liebe Landsleute: Dass es für uns alle die gute Erde bleibe, dass es für uns alle eine gute Zukunft gebe, das wünschen meine Frau und ich Ihnen und uns heute Abend. Frohe Weihnachten!

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