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Zeitgeschichte: "Ihr Völker der Welt": Als Ernst Reuter Geschichte schrieb

Zeitgeschichte

"Ihr Völker der Welt": Als Ernst Reuter Geschichte schrieb

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    Vor weit mehr als 300.000 Berlinerinnen und Berlinern appelliert Oberbürgermeister Ernst Reuter auf einer Kundgebung vor dem Reichstag am 9. September 1948 an die Welt, die Stadt nicht aufzugeben.
    Vor weit mehr als 300.000 Berlinerinnen und Berlinern appelliert Oberbürgermeister Ernst Reuter auf einer Kundgebung vor dem Reichstag am 9. September 1948 an die Welt, die Stadt nicht aufzugeben. Foto: Akg-images, dpa

    Die Stimme, der Anlass, der Ort, die Masse begeisterter Menschen - alles schien zu verschmelzen. Der Sogwirkung, die Ernst Reuter am 9. September 1948 auslöste, kann man sich auch 75 Jahre später kaum entziehen.

    Die schwarz-weißen Sequenzen der weltberühmten Rede des zu dieser Zeit noch inoffiziellen Berliner Oberbürgermeisters haben bis heute nichts von ihrer Faszination und Dynamik eingebüßt: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“ Diese Worte, erst mit sich überschlagender Stimme herausgeschleudert, dann mit Timbre gesprochen, lösen noch heute Schauer aus.

    Die Wucht der Rede entfaltete sich erst mit Verzögerung

    Dabei entfaltete sich die Wucht der Ansprache vor weit mehr als 300.000 Menschen auf dem Platz vor dem zerschossenen Reichstagsgebäude erst mit Verzögerung. Viele Berichterstatter erkannten zunächst nicht die Bedeutung des flammenden Appells des SPD-Politikers an die Welt, obgleich die Zuhörer die heute ikonischen zwei Sätze der Rede besonders enthusiastisch bejubelt hatten. Reuter wollte nicht zulassen, dass Berlin an die Sowjetunion und die aus der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im Ostsektor im Jahr 1946 hervorgegangenen SED ausgeliefert wird. 

    Reuter selbst war, wie auch die Alliierten, überrascht davon, dass Hunderttausende zu der Kundgebung in der Stadt zusammenkamen, die seit der Absperrung durch die Sowjetunion am 24. Juni 1948 zu großen Teilen von den „Rosinenbombern“ aus der Luft versorgt wurde. Hart seine Kritik an Ostberlin: „Wir möchten der SED nur einen Rat geben: Wenn sie ein neues Symbol braucht, bitte, nicht den Druck der Hände, sondern die Handschellen, die sie den Berlinern anlegten.“ Jetzt aber sei der Tag gekommen, an dem das „Volk seine Stimme erhebt“.

    West-Berliner Jungen, die auf einem Trümmerberg stehen, begrüßen winkend ein US-amerikanisches Transportflugzeug, das Versorgungsgüter nach West-Berlin bringt.
    West-Berliner Jungen, die auf einem Trümmerberg stehen, begrüßen winkend ein US-amerikanisches Transportflugzeug, das Versorgungsgüter nach West-Berlin bringt. Foto: dpa (Archivbild)

    Reuter, dessen offizieller Amtsantritt nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister im Jahr 1947 von der sowjetischen Militäradministration verhindert worden war, hatte bei seiner Ansprache gleich mehrere Adressaten im Blick. Zunächst die Berlinerinnen und Berliner, die in ständiger Angst lebten, dass die USA, Großbritannien und Frankreich die Luftbrücke zur Versorgung Westberlins nicht über längere Zeit durchhalten würden. Dann Moskau, dem der unbedingte Wille der Berliner Bevölkerung demonstriert werden sollte, der Blockade zu trotzen. Nicht zuletzt hatte er natürlich die Alliierten im Blick, denen er zeigen wollte, dass sie diese tapferen Berliner nicht ihrem Schicksal überlassen dürften. Die Rechnung ging auf, und zwar in alle Richtungen. 

    In den USA löste die Rede Reuters und der Durchhaltewille der abgeriegelten Stadt eine Welle der Sympathie aus - erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das Ende des menschenverachtenden Nazi-Reiches erst gut drei Jahre zurücklag. Ein Titelbild des Time Magazin aus dem Jahr 1950 mit dem Konterfei Reuters zeugt von dem hohen Ansehen, das er in den USA hatte. Sein Versprechen, dass Moskaus Plan nicht aufgehen werde, wurde wahr: Am 12. Mai 1948, nach 322 Tagen und mehr als 270.000 Versorgungsflügen in die Stadt, gab Moskau die Blockade auf. Westberlin blieb bis zum Mauerfall 1989 eine freie, demokratisch regierte Stadt, umgeben von der DDR.

    Ernst Reuter war als junger Mann selbst Kommunist

    Wer war der Mann, der mit seiner Ansprache an einem sonnigen Septembertag eine solch phänomenale Wirkung erzielte? "Schaut auf dieses Leben", dieser Gedanke drängt sich auf, wenn man auf die bewegte Vita Reuters blickt. Oft wird vergessen, dass der 1889 geborene Sohn einer bürgerlichen Familie aus Schleswig-Holstein, der den Kommunisten Ende der 1940er Jahre so energisch die Stirn bot, selbst einmal Kommunist war.

    Als junger Mann schloss sich Reuter zum Entsetzen seiner Familie der SPD an. Dann zog er in den Ersten Weltkrieg, geriet in sowjetische Gefangenschaft. Dort lernte er Russisch und begeisterte sich für die Ideen der revolutionären Bolschewiki. Das machte Eindruck. Der Kreml beauftragte ihn, eine Verwaltung für Deutschstämmige aufzubauen, die an der Wolga angesiedelt wurden.

    Die Nazis misshandelten Reuter im KZ Lichtenburg bei Torgau

    Zurück in der Heimat überwarf sich Reuter, zunehmend im Bann von humanistischen und demokratischen Idealen, 1922 mit der KPD. Nun geriet er ins Visier der Nazis. Zweimal wurde der Magdeburger Oberbürgermeister und spätere SPD-Reichstagsabgeordnete verhaftet und im KZ Lichtenburg bei Torgau misshandelt. Die Emigration in die Türkei dürfte sein Leben gerettet haben. Nach dem Krieg stieg er in Berlin zum dominierenden Politiker auf.

    Als Ernst Reuter am 29. September 1953 starb, stellten die trauernden Berliner Kerzen in ihre Fenster.

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