Es ist nicht zu übersehen. Im Stilwerk am Hafen regiert für die nächsten Monate Panikrocker Lindenberg. Auf drei Stockwerken breitet sich das Udoversum aus. In zwei Monaten und vielen schlaflosen Nächten habe man die Ausstellung auf die Beine gestellt, sagt Frank Bartsch, dunkelblonder Pony über der kantigen Brille. Die Ausstellung, die vor kurzem eröffnet hat, nimmt Besucherinnen und Besucher mit auf eine Zeitreise durch das Leben Udo Lindenbergs. Bartsch, Archivar und Kurator, hat dazu Fotos aus verschiedenen Jahrzehnten zusammengetragen. Man sieht den jungen, den ganz jungen und den alten Udo, der am 17. Mai seinen 80. Geburtstag feiern kann.
Eine Karte zeigt die Wohnorte Udo Lindenbergs in Hamburg
Dass Hamburg zu seiner Wahlheimat werden würde, war dem am 17. Mai 1946 im westfälischen Gronau geborenen Udo Gerhard Lindenberg nicht in die Wiege gelegt. Lange träumte er von einem Leben auf See, doch er machte auch gern Lärm, wurde Schlagzeuger, unter anderem bei den City Preachers und in Klaus Doldingers Jazz-Rock-Formation Passport. Doch Udo zog es zum Rock‘n Roll. 1973 gründete er das Panikorchester im westfälischen Münster. Was dann kam, ist bekannt. Als Sänger machte Udo Lindenberg den deutschsprachigen Rock massentauglich, und mit „Alles klar auf der Andrea Doria“ gelang ihm der Durchbruch.
Auf einer Karte gleich am Eingang zur Ausstellung zeigt Frank Bartsch die Wohn- und Auftrittsorte des Künstlers in Hamburg, der seine Karriere als „Trommelmozart von Gronau“ begonnen hatte: Das Rondeel 29 in Winterhude, wo sich Lindenberg in der „Villa Kunterbunt” eine WG mit Otto Waalkes, Marius Müller-Westernhagen und anderen teilte. Oder das „Onkel Pö”, ein in ganz Deutschland bekanntes Jazzlokal, wo laut Udo eine Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland spielt - aber eigentlich alle Jazz-Größen gastierten. Und dann natürlich das Atlantic, wo Udo im dritten Stock in einer eigenen Suite residiert, „für beide eine Win-win-Situation”, so Bartsch.
In der Panikzentrale entstanden die Songs von Udo Lindenberg
Hier in der „Panikzentrale“ entstanden und entstehen Udos Songs, seine Bilder, seine Mythen. Und in Hamburg zwischen Reeperbahn und dem Atlantic wurde Udo zu der Kunstfigur, die alle kennen – mit Hut, Sonnenbrille und einer ganz eigenen, nuscheligen Sprache. Für die Karte hat der Kurator sich mit Udo durch dessen Erinnerungen „gehangelt” und zur Klärung auch „einige Telefonate“ getätigt. So kommt es, dass auch ganz private Ausstellungsstücke den Weg in die Ausstellung fanden wie ein Kinderbild oder die Porträts der Eltern.
In einer Vitrine hängt die Lederjacke, die Udo 1987 in die damalige DDR geschickt hat. Die deutsche Ost-West-Geschichte ist eines seiner großen Anliegen. Bereits in den 1970ern hat er von einer „Rock´n´Roll-Arena in Jena” gesungen, die er mit seiner „Paniktournee” besuchen möchte. Das Udoversum lädt dazu ein, alle Facetten der Udo-Geschichte zu entdecken. Auch die bildende Kunst. Da hängen Udos berühmte „Likörelle“, die er mit bunten Likören malt. Unter anderem erotische Motive, laut Beschreibung „spielerisch ironische Grenzüberschreitungen”. Zu sehen sind aber auch größere Gemälde, die Udo in seinen schlaflosen Nächten gemalt hat, dazu Skizzenbücher und einige bislang ungesehene Arbeiten aus seinem Atelier.
Udos Lebensgeschichte weit über Hamburg hinaus
Man kann sich die Ausstellungsstücke in aller Ruhe anschauen - von Stockwerk zu Stockwerk. Man kann aber auch mit dem eigens produzierten Audio-Guide „Radio Udoversum“ durch die Räume gehen. Der renommierte Synchron-Sprecher Stefan Kaminski hat darauf Udos Lebensgeschichte spannend wie ein Hörspiel eingesprochen.
Denn natürlich gab es in Udos bald 80-jährigem Leben nicht nur Erfolge. Zwischendurch ging es auch steil bergab. Er verlor Millionen und den Vertrag mit seiner Plattenfirma. Auf der Bühne vergaß er seinen Text, war zugedröhnt. Auch von solchen Brüchen, von Exzessen und Abstürzen, erzählt die Ausstellung – und von der Wiederauferstehung, dem großen Comeback.
„Ich bin gerast durch dieses Leben, bin geflogen aus den Kurven, hab‘ mich selber ausgeknockt und immer weiter gezockt“, singt Udo 2008 auf dem Album „Stark wie Zwei“, mit dem er an den plötzlichen Tod des älteren Bruders erinnert. Aber auch davon, dass dessen „Power“ voll auf ihn überging. Tatsächlich sorgten der Schock und die Trauer über den Verlust für einen Wendepunkt und leiteten das erstaunliche Comeback ein. Das Album stürmte auf Platz eins der Charts – am Ende des Jahres wurden über 600.000 Stück verkauft.
Da hängen Erinnerungen, Umwege, Abstürze, Aufbrüche
2010 erhielt Udo ein Bambi für sein Lebenswerk und 2016 gleich noch einmal eins für sein Album „Stärker als die Zeit“. Er sammelt Goldene Schallplatten und immer neue Fans. 2023 steht die Single Komet, die in Zusammenarbeit mit Apache 207 entstanden ist, 21 Wochen auf Platz 1 der offiziellen deutschen Single-Charts und ist damit der erfolgreichste Nummer-1-Hit der deutschen Chartgeschichte. Jetzt, mit 80, ist der Panikrocker erfolgreicher denn je. Auch das kann man im Udoversum nachvollziehen, während man so durch die Schau schlendert.
Udo Lindenberg nennt das Udoversum eine „Erlebniszentrale für Musik, Malerei, Chaos und Lindiismus“, wie er seine künstlerischen Arbeiten gerne nennt. Da hängen nicht einfach nur Bilder an der Wand – da hängen Erinnerungen, Umwege, Abstürze, Aufbrüche und „jede Menge Panikpower.“ Und die teilt Udo großzügig mit dem Publikum. „Er ist sehr kontaktfreudig”, sagt Frank Bartsch, ganz Fan. „Gar nicht abgehoben.”
Udo Lindenberg ist in Hamburg längst Ehrenbürger
In der Stadt, in der seine Karriere begann, hat der 2022 zum Hamburger Ehrenbürger ernannte Lindenberg nun ein ganzes „Udoversum“ geschaffen - als Ergänzung zur Panik City, der interaktiven Multimedia-Ausstellung auf der Reeperbahn: „Songs, Skizzen, Likörelle, Klamotten, Zettel, Träume – alles, was mich so durch die Zeit getragen hat. Der große Traum von Action, im Leben, auf der Bühne, die größten Shows, die grellsten Bilder. Schock’n‘Roll.”
Zur Eröffnung sang Udo sich selbst das Ständchen und verriet dem NDR, dass er noch lange nicht daran denkt abzutreten: Er will in den Club der Hundertjährigen und plant schon die Party zu seinem 100. Geburtstag.
Info. Die Ausstellung „UDOVERSUm“ ist bis zum 4. Oktober in Hamburg im Stilwerk, Große Elbstr. 68, zu sehen. Eintritt 18 Euro für Erwachsene, Kinder zahlen 12 Euro: www.eventim.de, www.semmel.de
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