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In Mulegns in Graubünden steht das welthöchste Gebäude aus einem 3D-Drucker

Schweiz

Der Leuchtturm aus dem 3D-Drucker: Ein Schweizer Dorf und seine rekordverdächtige Idee

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    Ein weißer Turm aus dem 3D-Drucker im Zuckerbäcker-Stil ist die neue Attraktion von Mulegns.
    Ein weißer Turm aus dem 3D-Drucker im Zuckerbäcker-Stil ist die neue Attraktion von Mulegns. Foto: Origens

    Der weiße Turm steht im Vollmond. Längst ist die Sonne hinter den Bergen untergegangen, glimmt der Himmel noch stahlblau nach und taucht die wunderliche Silhouette des Dorfes in unwirkliches Licht. Es duftet kühl nach Wiesengrün und Flieder in Mulegns und ein ganz klein wenig auch nach Stein, dort wo der Fallerbach durch sein felsiges Bett rauscht. Von wilden Margeriten flankiert schäumt und tost er über grünes Gestein durch das kleine Dorf.

    Viel stiller ist jetzt die alte Passstraße über den Julier (2284m), die sich durch eng stehende Häuser windet. Wo sich früher die Pferde vor den Kutschen die Straße bergabwärts in die Deichseln stemmten, brummen jetzt tagsüber jede Menge Autos und Motorräder durch. Auf den Terrassen des Post Hotel Löwen sitzen die Gäste und nehmen die Parade ab. Fährt ein Lkw durch, spüren sie einen leisen Ruck unter den Füßen.

    Das welthöchste Gebäude aus einem 3D-Drucker steht in Mulegns

    Die Vorbeifahrenden drehen ihre Hälse, um einen Blick auf den weißen Turm zu erhaschen, der irgendwie fremd und knochenhaft zwischen den Dächern aufragt. Die Stiftung Origen, eine Kulturinstitution in den Schweizer Hochalpen, hat ihn im 3D-Druckverfahren in Zusammenarbeit mit der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule) Zürich entwickelt. Ein Beispiel für digitale Baukultur. Es ist das welthöchste Gebäude aus einem 3D-Drucker. Die nächsten fünf Jahre wird er der „Leuchtturm“ von Mulegns sein.

    Giovanni Netzer von der Stiftung Origen ist auf den Turm von Mulegns gestiegen.
    Giovanni Netzer von der Stiftung Origen ist auf den Turm von Mulegns gestiegen. Foto: Origens

    Wir sind in Graubündens Gemeinde Surses, auf 1500 Metern Höhe und gerade mal eine halbe Autobusstunde von St. Moritz entfernt. So nah am touristischen Getriebe, und doch lag Mulegns bis vor Kurzem noch irgendwie hinter den Bergen bei den sieben Zwergen. Davon kann keine Rede mehr sein. Das Dorf mit dem herausragenden Hingucker zieht Gäste an. Sie wollen den Turm erobern, Theater und Musik auf der temporären Bühne und im alten Speisesaal des Hotels erleben und liebsten über Nacht bleiben.

    Alles hatte vor 20 Jahren mit einem Kunst- und Theaterturm auf dem Julierpass begonnen. Wie ein sattrotes Fanal stand er fünf Jahre lang in der steinigen, mit bunten Flechten überwachsenen Landschaft. Bei so viel Natur und spektakulärer Bühne konnte sich die Kultur entfalten. Der ländliche Raum lebte auf. Der Turm wurde zum Aushängeschild von Origen und ihrem Gründer und Intendanten Giovanni Netzer.

    „Zuerst war Mulegns da und dann die Idee“

    Netzer, der als Kind schon am liebsten Theater spielte und später Theologie, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften studierte. „Regisseur war ich schon immer“, verrät er. Der jungenhafte 58-Jährige ist in seinem Element und hält die Fäden der erfolgreichen und ausgezeichneten Stiftung mit vierzig festen und unzähligen freien Mitarbeitern in der Hand. Spenden sichern ihren Fortbestand.

    „Zuerst war Mulegns da und dann die Idee“, erzählt Giovanni Netzer. Die Stiftung kaufte die alte Herberge mit allem, was drin war und bald auch den ganzen kleinen Hotelstaat samt verschiedener Gebäude der einstigen Besitzer. Alles sei noch da gewesen: das Mobiliar, die historischen Gästebücher, die Kassenbelege. Dornröschen schlief bloß.

    „Am Anfang war es ein Rettungsmanöver für die Gebäude“, so Netzer. Und noch immer entstehe vieles aus der Notwendigkeit. Der weiße Turm signalisiert: Hier ist was los! Seine organischen Formen sollen an die legendären Süßigkeiten und damit an die Geschichte der aus Not emigrierten Bündner Zuckerbäcker erinnern. Allein in Mulegns schuftete im Jahr 1835 jeder siebte Bauernbub in der Fremde um sein Überleben.

    Der durchlässige Turm ist 30 Meter hoch. 32 Säulen tragen eine Kuppel. Auf 20 Metern kann man sitzen und über die Dächer von Mulegns schauen. Armierungen im Beton und die Anordnung der X-Y-Säulen sorgen für Stabilität. Der Turm sei ein spielerisch gedachter Vorschlag von ihm, so Netzer. Er möchte damit die Dorfgeschichte weiter erzählen. In der liege schließlich auch die Zukunft.

    Da war die Blütezeit des Posthotels, das einst zu den traditionellsten Gasthäusern Graubündens gehört hatte und nach dem Tod der letzten Hotelière Donata Willi langsam verfiel. Postkutschen hatten noch bis zur Jahrhundertwende Persönlichkeiten wie Albert Schweitzer, eine russische Großfürstin samt Gefolge, eine Geliebte des Zaren und sogar Albert Einstein nach Mulegns gebracht, der nur darum kein Stammgast wurde, weil ihm der polternde Bach auf die Nerven ging.

    Alte Deckenmalereien wurden im Hotel Post Löwen freigelegt

    „Mulegns ist von Pionieren erbaut“, schreibt der Historiker Basil Vollenweider in seinem Buch über das Post Hotel. „Wer sich hier niederlässt, hat Pläne.“ Die Familie Balzer hatte 1836 den Anfang gemacht und das Hotel gebaut, das Telegrafenamt und eine Kutschenremise erworben. Schließlich wollten nicht nur die Pferde, sondern vor allem die Menschen, die mit der Postkutsche kamen, versorgt sein. Das goldene Zeitalter des Alpinismus brach an. Da wollte man dabei sein.

    1902 wurde die Albula-Bahn (heute Rhätische Bahn) gebaut, die fortan Thusis und St. Moritz mit Tunnels und Brücken verband. Der Erste Weltkrieges begann. Die Gäste blieben aus. Heute wohnen im Dorf gerade noch 13 Menschen. Die Stiftung Origen sah die Chance für eine Belebung dieser strukturschwachen Region durch Kultur. Historische Gebäude seien schließlich auch ein kulturelles Erbe. Im Hotel legte sie alte Böden und Deckenmalereien frei. Und der für die Innengestaltung gewonnene Schweizer Stoffdesigner Martin Leuthold ließ sich von den goldenen Zeiten inspirieren.

    Die neuen Teppiche beziehen sich in Farben und Mustern jetzt auf die Deckenmalereien. Fensterglas ist mit dem Löwen-Motiv ziseliert. Im Gastraum schließen sich die weißen Vorhänge zu einem Geranien-Bouquet. Eine Referenz an Donata Willi und ihre Lieblingsblumen. Sieben Zimmer und Suiten tragen Namen internationaler Destinationen und sollen an die weit gereisten illustren Gäste von früher erinnern.

    Die Räume sind barocke und moderne Inszenierungen zugleich. Die Wände im ausladenden Treppenhaus wurden in sattes Rosa, Dottergelb oder Bergseegrün getaucht. Das ganze Haus ist eine Farboper. Hatte Giovanni Netzer nicht gesagt, alles sei aus „einer theatralisch-spielerischen Haltung heraus entstanden“? Schließlich ist er der oberste kreative Kopf. Da darf ein wenig Theater gerne sein.

    „Geschichte weiter erzählen“, das ist ihm immer wichtig. Zum Beispiel die der Bündner Emigranten, von denen nur wenige als Zuckerbäcker Karriere machten. Die noch der Renovierung harrende weiße Villa des in sein Heimatdorf zurückgekehrten Mulegners Jean Jeghers, der erfolgreich ein Kaffeehaus in Bordeaux betrieben hatte, trägt die Handschrift eines französischen Architekten.

    Zuckerbäckerleckereien gab es dort allerdings nie. Kehrte man zurück aus der Fremde, zeigte man bloß gern, dass man es zu etwas gebracht hatte. Das soll bald anders werden. Dann wird man erleben können, wie ein erfolgreicher Zuckerbäcker einst wohnte. Besucher dürfen hausgemachte Preziosen in der eigenen Konditorei kaufen oder gleich im angeschlossenen Café kosten.

    Die Gäste des Hotel Post Löwen sitzen früh beim Abendessen in den puderrosa und blassblauen Stuben. Es ist noch hell. Wir machen einen Spaziergang auf dem Sandweg zum Dorf hinaus und folgen dem Bach in die kniehoch blühenden Sommerwiesen. Klee, Akeleien, Schleierkraut, gelbe Taubnesseln und Stiefmütterchen duften. Auf halber Höhe, bevor der Weg nach einer Biegung im Wald verschwindet, steht eine Bank zum Seufzen bei so viel natürlicher Schönheit

    In fünf Jahren ist der Turm von Mulegns wieder Geschichte

    Vor uns das Panorama des Dorfes. Mulegns mag klein sein, hat aber noch Großes vor. Der weiße Turm wird in fünf Jahren allerdings Geschichte sein. Bis dahin kann man in der Kutschenremise noch was über digitale Bautechnologie lernen, das eine oder andere Theaterstück besuchen, im Hotel zu Mittag essen oder eine Wanderung in die Landschaft machen.

    Die Bushaltestelle am Telegrafenamt wird immer da sein und an den Hingucker erinnern. Sie ist aus demselben Material wie der Turm und sieht mit ihren üppigen Stelen tatsächlich aus wie aus dem Spritzbeutel eines Konditors geronnen. „Mulegns Vischnanca“. Hier muss man aussteigen.

    Wissenswertes zu Mulegns in Graubünden

    Übernachten: Post Hotel Löwe. CH-7455 Mulegns, Reservierungen: Tel. +41/81/659 15 11, CHF 290,-- inkl. Frühstück, www.origen.ch

    Fremdenverkehrsamt: www.switzerland.com (für Deutschland), www.valsurses.ch (Savognin).

    Anreise: Ab Zürich mit dem Zug und einer letzten Etappe mit dem Bus dauert es in etwa drei Stunden.

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