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Österreich
20.01.2022

In Hochgurgl nach dem Einkehrschwung ins brandneue Museum

Am Crosspoint treffen sich Skifahrer und Snowboarderinnen, aber auch Menschen, die leidenschaftliche Fans von Motorrädern sind. An der Mautstation Timmelsjoch ist Europas höchstes Motorradmuseum untergebracht.
Foto: Alexander Maria Lohmann

Ein verheerendes Feuer zerstörte vor einem Jahr das Motorradmuseum am Timmelsjoch. Jetzt wurde es größer und umfangreicher als zuvor wieder aufgebaut. Dies lockt nicht nur Skifahrer und Skifahrerinnen an.

Die Idylle könnte größer nicht sein. Wer in Hochgurgl auf der Hotelterrasse sitzt, sieht in den Wintermonaten reihum auf schneebedeckte Dreitausender. Rund um Ober- und Hochgurgl schließt sich das Ötztal. Sölden ist samt seiner Partymeile nur etwa 20 Minuten mit dem Auto entfernt. Wer das Stück nach Hochgurgl weiterfährt, ist aber weniger auf der Suche nach Clubs und Bars, sondern will vielmehr den Luxus einer schneesicheren Umgebung und nicht allzu überfüllte Pisten genießen. Weiter geht es an dieser Stelle im Winter nicht: Die Mautstation Timmelsjoch, die einige hundert Meter hinter Hochgurgl liegt, ist von November bis mindestens Ende Mai geschlossen.

Über 300 Bikes und 15 Autos verglühten bei dem Brand

Vor genau einem Jahr jedoch – in der Nacht auf den 18. Januar 2021 – ereignete sich mitten in dieser Idylle eine Katastrophe. Attila Scheiber, der gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Alban Hotelier, Skischulbetreiber, Seilbahnunternehmer und Besitzer der Mautstraße ist, erhielt in den frühen Morgenstunden einen Anruf: Im Motorradmuseum, das 2016 in die neu gebaute Mautstation integriert worden war, brannte es lichterloh. Hohe Flammen schlugen aus dem Top Mountain Crosspoint, wie das moderne multifunktionale Gebäude genannt wird, das sich auf 2175 Metern Höhe befindet. Der Crosspoint ist ein Kreuzungspunkt zwischen Motorenleidenschaft und Skisport. Aufgrund eines technischen Defekts fiel er beinahe den Flammen zum Opfer. Der Schaden war immens: Er ging in den zweistelligen Millionenbereich.

Zwar habe die in das Gebäude integrierte Talstation der Kirchenkarbahn sowie das Restaurant gerettet werden können, erzählt Attila Scheiber sichtlich getroffen, die Sammlung von Motorrädern und anderen Fahrzeugen, der er gemeinsam mit seinem Bruder Alban zusammengetragen hatte – samt Leihgaben von Privatpersonen und anderen Museen – in weiten Teilen aber nicht: Über 300 Bikes und 15 Autos verglühten in der Hitze. Noch am selben Tag schworen sich die Brüder, alles wieder aufzubauen.

Vom Großbrand ist ein Jahr später nichts mehr zu sehen. Mit Schwung geht es die letzten Pistenmeter auf den Skiern um den Crossspoint. Jetzt nur keinen Fehler mehr machen – schließlich genießen die vielen Wintersportler auf der Sonnenterrasse nicht nur das schöne Tiroler Alpenpanorama, sondern verfolgen meist hinter ihren Sonnenbrillen auch genau, was auf der Piste geboten ist. Im Vergleich zur vergangenen Saison ist jede Menge los: Kleine und große Skifahrer und Snowboarder gleiten über den Schnee, Skischulen sind unterwegs und bilden lange Schlangen, die sich im Pflug vorsichtig nach unten bewegen. Skitourengeher erklimmen am Rand die Piste und zwischendrin ertönt das Signal eines Ski-doos, eines Motorschlittens, das den präparierten Hang hinauffährt. Es ist das Winter-Wimmelbild, das Wintersportler kennen. Normal fühlt es sich nach der vergangenen Saison aber noch nicht an. Die Wintersaison 2020/21 war für viele Österreicher ein Totalausfall, weil Deutsche und andere Ausländer aufgrund der coronabedingten Einreiseeinschränkungen fern blieben. Normal sieht es bei genauerem Hinsehen auch noch nicht aus.

Seit Dezember läuft der Skitourismus in Hochgurgl wieder

Skifahrerinnen und Snowboarder tragen teils ihre Masken auf der Fahrt unter das Kinn gezogen, damit sie am Lift nur hochgeklappt werden müssen – andere lassen sie zur Fahrt gleich ganz auf. Die Saison startete hier pünktlich am 18. November – nur vier Tage später ging es in einen 20-tägigen Lockdown. Seit Dezember läuft der Skitourismus aber wieder – es gilt die 2G-Regel ab zwölf Jahren (geimpft oder genesen) und FFP2-Maskenpflicht in Gondeln und Sesselliften.

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Genau vor einem Jahr brannte das Museum. Zahlreiche Bikes und Oldtimer wurden zerstört. Betreiber Attila und Alban Scheiber begutachteten die Ruine. Sie ließen alles wieder aufbauen.
Foto: Alexander Maria Lohmann

Attila Scheiber ist erleichtert, dass Bahnen und Lifte wieder fahren, Skifahrer und Snowboarderinnen über die Pisten gleiten. „1,5 Jahre hatte ich Zeit. Ich habe mich sehr gefreut, aufsperren zu dürfen und wieder ein Gastgeber sein zu können“, betont er. Aufgrund der Corona-Situation blieb Zeit für den Wiederaufbau des Crosspoints. Vor dem großen Tor des Gebäudes heißt es jetzt abschnallen. An dieser Stelle bieten sich Besucherinnen und Besuchern drei Möglichkeiten: Geradeaus geht es direkt in die Zehner-Kabinenbahn. Sie befördert die Wintersportler in wenigen Minuten auf 2839 Meter Höhe. Wer sich für den Einkehrschwung entscheidet, geht rechts in das Restaurant oder auf die Terrasse. Linkerhand befindet sich das Motorradmuseum.

2016 eröffneten die geschäftstüchtigen Brüder den Crosspoint – denn die frühere Mautstelle habe ohnehin modernisiert werden müssen. Die Mautstraße verbindet das österreichische Ötztal und das Passeiertal in Südtirol. Das Timmelsjoch ist die tiefste unvergletscherte Kerbe im Alpenhauptkamm zwischen dem Reschen- und Brennerpass. Diese Verbindungsachse ist bei Auto- und Motorradfahrern beliebt. In der Saison nutzen etliche tausend Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer den Weg, der sie vorbei an satten Almwiesen und blühenden Almrosen bis hin zu karger Hochgebirgslandschaft mit Schneefeldern selbst noch im Hochsommer führt.

So entstand das Motorradmuseum am Crosspoint

Als die Corona-Pandemie 2019 diesen Fleck der Erde noch nicht in Atem hielt, wurden hier allein knapp 80.000 Motorräder gezählt, die die zahlreichen Kehren dieser Strecke in der Saison passierten. „An der Mautstation am Crosspoint müssen sie ohnehin stehen bleiben. So kamen wir auf die Idee, dort das Motorradmuseum zu eröffnen.“

Das Museum wurde zum Saisonstart am im November neu eröffnet und bietet Besuchern und Besucherinnen nun eine größere Ausstellungsfläche und mehr Motorräder und Fahrzeuge.
Foto: Alexander Maria Lohmann

Über Jahre hinweg hatten sein Bruder und er leidenschaftlich Motorräder gesammelt. Ihr Vater, Alban Scheiber sen., war ein Auto-Rennfahrer, legte ihnen die Passion für PS sozusagen in die Wiege. Zu den Höhepunkten zählten unter anderem eine Brough Superior aus dem Jahr 1939, eine 1905er Laurin & Klement oder eine Zweizylinder-Indian von 1912 oder die MV Augusta von Rekordweltmeister Giacomo Agostini.

Das Museum ist heute größer als vor dem verheerenden Brand

Attila Scheiber blickt nach vorne. Das Motorradmuseum war und ist für ihn das „i-Tüpfelchen“ im Crosspoint. Gemeinsam mit seinem Bruder Alban hat er das Museum bis zum Saisonstart wieder mit Leben gefüllt – heute ist es größer und präsentiert mehr Ausstellungsstücke als zuvor. „Jetzt sind es aber auch viel mehr Leihgaben“, sagt Attila Scheiber beim Rundgang durch die Ausstellung, die sich von 2500 auf 4500 Quadratmeter ausgedehnt hat – Platz genug für 450 Bikes, die als begehbare Motorradgeschichte aufgereiht sind: Angefangen von ersten hölzernen Modellen aus 1885 geht es durch alle Epochen bis hin zu aktuellen Moto-GP Weltmeister-Maschinen. Schwerpunkte liegen laut den Zwillingsbrüdern auf den Entwicklungen der englischen und italienischen Hersteller, aber auch der großen amerikanische Zweirad-Ikonen sowie österreichischen Motorradpionieren. Kleine knuffige Schneemobile finden dort genauso Platz wie eine Reihe von Porsche-Rennfahrzeugen. An einen weißen Porsche 911 Targa (Baujahr 1967) mit Softwindow ist ein Skiträger samt Ski montiert. „Den Porsche habe ich im Sommer in Augsburg gekauft“, sagt Attila Scheiber.

In der Ausstellung geht die Liebe ins Detail. In einer Sonderschau werden Puch-Motorräder und Expeditionsfahrzeuge, sowie die historische Ausrüstung des Tiroler Forschers und Verkehrspioniers Prof. Dr. Maximilian Reisch gezeigt. Sein Sohn Peter streift durch die Schau und bleibt bei einem Puch-Motorrad aus dem Jahr 1926 stehen. Damit habe schon der Großvater das Mittelmeer bereist, erzählt er. Die Reiselust schwappt sofort über: Vom Timmelsjoch aus ist Italien nicht mehr fern. Zumindest ab Mai.

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