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Reise
03.05.2022

Leben unter Dolomitenzinnen

Instagrammable: Um das Ranui-Kirchlein vor der Geisler-Gruppe zu fotografieren, nehmen Touristen oft weite Wege auf sich und lassen sich vor Ort auch nicht von Zäunen abschrecken.
Foto: Lilo Solcher

Ins Villnöss-Tal, wo Reinhold Messner aufwuchs und Dorfbewohner die Tradition hochhalten, kommen heute Menschen aus aller Welt, um ein Kirchlein zu fotografieren. Was das Bild eines japanischen Fotografen damit zu tun hat.

Hier also, im Schatten der so malerisch zerklüfteten Geislerspitzen, ist Reinhold Messner aufgewachsen. Eine Bilderbuch-Kindheit? Beileibe nicht. Der weltberühmte Extrem-Bergsteiger, der im Tal mit sieben Brüdern und einer Schwester aufwuchs, wehrte sich schon bald gegen die väterliche Strenge und die Enge des Tals. Nur die Sommerferien liebte er – oben auf der Gschnagenhardt Alm zu Füßen der Felszinnen. Hier genossen die Messner-Kinder die Freiheit, die ihnen im Tal, im Örtchen St. Peter, verwehrt war.

Messner lebte eine Zeit lang im ehemaligen Schulgebäude

Sie alle haben das Tal verlassen - auch Reinhold Messner, der mit seiner damaligen Frau Uschi Demeter noch eine Zeit lang im ehemaligen Schulgebäude von St. Magdalena lebte. Inzwischen gehört das große Haus neben der Kirche einer Frau aus New York, die es vorbildlich saniert hat. Nur ein Buddha-Relief erinnert noch an den berühmten Vorbesitzer. Und Reinhold Messner? Wohnt inzwischen auf Schloss Juval, in Meran und München.

Josef Fischnaller ist im Villnösstal geblieben, als Bauer und Bergführer. Der 67-jährige Witwer und Vater von vier Kindern hat Reinhold Messner und seinen Bruder Günter beim Klettern kennengelernt. „Ich hab’ ihn in allen Lebenssituationen erlebt“, sagt der drahtige, braun gebrannte Bergführer mit dem grauen Haarschopf, „nach Erfolgen und Misserfolgen“. Auch nach dem Tod von Günter am Nanga Parbat. „Da hat der Reinhold geweint wie ein Kind“, erinnert sich der Freund, der aus seiner Bewunderung für die Leistungen Messners kein Hehl macht. Nur im Villnöss habe man es nicht so recht geschätzt, „was der Reinhold geleistet hat“. Deshalb sei es ihm auch nicht gelungen, im Tal einen Hof zu erwerben. „Und heute sind die Preise einfach zu hoch“, ärgert sich Fischnaller und verweist auf das Sprichwort, dass der Prophet im eigenen Land nichts gelte.

Ein Hingucker ist das Kirchlein von Sankt Magdalena mit den fantastischen Geislerspitzen im Hintergrund. Als Motiv einer Telefonkarte ging das Motiv um die Welt und bescherte dem Villnösstal einen Besucheransturm.
Foto: Lilo Solcher

Wer nach Reinhold Messners Spuren im Tal sucht, wird im Friedhof von St. Peter fündig. Hier, direkt an der Kirche, ist das Familiengrab, in dem auch Günter begraben liegt. Nach 35 Jahren hatte der Nanga Parbat 2005 die Überreste des Toten aus dem Eis freigegeben.

Seit 280 Jahren verarbeiten sie in Pardell die Wolle der Brillenschafe

Im nächsten Ort lebt und arbeitet einer, den es nicht hinauszieht in die weite Welt. Seine Welt passt in ein eher unauffälliges Häuschen am Straßenrand. Valentin Niederwolfsgruber macht das, was schon der Vater und der Großvater machten: Er verarbeitet die Wolle des Brillenschafs, der ältesten Schafrasse Tirols. Die Tradition der Wollverarbeitung in Pardell gibt es seit 280 Jahren, und fast so alt ist die Kardiermaschine, welche die Wolle zu Vlies verarbeitet, das dann versponnen oder gefilzt wird.

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Valentin Niederwolfsgruber ist stolz auf seinen antiquarischen Maschinenpark im oberen Stockwerk des Hauses, auch auf die Spinn- und Webmaschinen. Die widerstandsfähige Wolle der Brillenschafe ist für ihn ein Geschenk der Natur, hautfreundlich und Schmutz abstoßend, dazu giftfrei und biologisch abbaubar. Der 51-jährige Vater von zwei Söhnen hängt zwar an der Tradition und arbeitet nur mit Naturfarben. Aber er ist auch offen für Neues und bietet im kleinen Laden oder über den Onlineshop auch witzige Brillenschafkissen oder Bettdecken mit Vliesfüllung an. Ob die Söhne später in seine Fußstapfen treten werden? Der große Mann zuckt mit den Schultern. 16 und 19 sind die beiden. Da weiß man noch nicht, was die Zukunft bringt.

Im rundum aufgefrischten Hotel Tyrol versucht die Familie Senoner-Eisendle den Spagat zwischen Tradition und Zukunft. Für den markanten Bau wurden einheimisches unbehandeltes Lärchenholz und Zirbenholz verwendet. Auch die Wollteppiche in den Zimmern, Leinen und Loden sind Ausdruck der Verbundenheit mit der Region. Der Ökostrom kommt aus dem Villnösser Wasserkraftwerk, die Küche setzt auf Hausgemachtes und Regionales. Das ganze Design wirkt klar und eher urban. Und dann das: In einer Stube stehen auf einem Bord Büsten der Großfamilie. Geschaffen hat sie der Seniorchef Oswald Senoner, einige stammen auch von Wilhelm Senoner, dem Bruder Oswalds, der sich als Bildhauer einen Namen gemacht hat. Geht man mit offenen Augen durch Haus und Garten, stößt man immer wieder auf Senoner-Schnitzereien und Plastiken.

"Die Kinder fühlen sich nicht mehr verwurzelt"

Der 15-jährige Enkel Laurin scheint das Talent des Großvaters geerbt zu haben und dessen Begeisterung für die Kunst. Er besucht ein Kunstgymnasium. Die älteste Tochter Nina Maria ist zwar im Hotelgewerbe tätig, lebt aber in Wien. Und was die beiden anderen Kinder angeht – die 19-jährige Eva Maria und der achtjährige Elia – wissen die Eltern noch nicht, ob sie Lust auf das Hotel im Villnösstal haben.

Vor fünf Jahren haben sie das Haus mit viel Geld und noch mehr Engagement für die Bedürfnisse der heutigen Zeit und mit Rücksicht auf die Umwelt ausgebaut. Was ihnen immerhin den Nachhaltigkeitspreis von Südtirol einbrachte. Doch Michael Einsendle sieht mit Sorge die Abwanderung vom Tal, die Zweitwohnungen der reichen Städter. „In den Dörfern gibt es kaum mehr Schulen“, sagt er, „die Kinder sind schon früh draußen in einer anderen Welt und fühlen sich nicht mehr verwurzelt im Tal wie wir oder unsere Eltern.“ Seine Frau Birgit Senoner nickt. Für ihren Vater wäre es nie infrage gekommen, das Hotel zu verkaufen: „Er hat es geliebt hier.“

"Schnell essen, schnell fotografieren und wieder weg"

Inzwischen kommt die Welt ins kleine Dorf St. Magdalena. Und schuld daran, weiß der 48-jährige Hotelier, ist ein Japaner, der das Kirchlein auf dem Hügel vor der Kulisse der Geislerspitzen fotografiert und einer japanischen Telefongesellschaft gegeben hatte. Über die Telefonkarte fand es den Weg in die Welt. Michael Einsendle schüttelt den Kopf. „Die Leute kommen aus China und Südamerika, haben keine Ahnung von Südtirol, aber sie wollen diesen Blick sehen und selbst fotografieren.“ Ganze Busladungen aus China hätten sie vor Jahren schon verköstigt, erinnert sich Einsendle. Bis es irgendwann zu viel wurde. „Die wollten nur schnell, schnell essen, schnell, schnell fotografieren und wieder weg.“

Droben an der Kirche hat man sich auf diese neue Art von Pilgern eingestellt. „Keine Drohnenfotografie“ steht da, und dass man bitte nicht über die Felder trampeln soll, um das beste Foto zu schießen. Ein stilisierter Fotoapparat markiert den besten Foto-Point. Auch der andere Instagram-Blickfang ist ein Kirchlein mit den Geislerspitzen – die Johanniskapelle auf dem Ranuihof. Auch hier mussten sich die Bauern der Fotografiersüchtigen erwehren, die für ihr Foto nicht nur über die Felder, sondern auch mitten durch den Garten marschierten.

Im Villnösstal wird vor allem gewandert. Auf den Bergbauernwegen, vorbei an Wegkreuzen und Bauernhöfen, kommt man den Menschen und der Geschichte des Tals nahe.
Foto: Lilo Solcher

Man kann es ja verstehen: So großartig, so malerisch und so unberührt wirken die Dolomiten selten. Hier gibt es keine störenden Liftanlagen. Im Villnösstal geht man zu Fuß - zumindest vom Wanderparkplatz Zanser Alm aus. Beliebt ist die Wanderung von hier aus über einen Forstweg und den Adolf-Munkel-Steig zur Geisleralm. Auch die „Bergbauernwege“ sind eine Einladung für Wanderer, die sich an den Geislerspitzen nicht sattsehen können. Die alten Wege und Steige haben immer schon die Höfe im Tal mit den Wiesen und Almen weiter droben verbunden und die Orte untereinander. Von St. Peter aus führt der Bergbauernweg in rund drei Stunden an der Sonnenseite des Tals entlang von Feldern. Man kommt vorbei an uralten Bauernhöfen, an Wegkreuzen und Bildstöcken und denkt vielleicht daran, dass vormals die Schulkinder zu Fuß von den entlegenen Höfen über solche Wege in die Dorfschule laufen mussten. Eine Kindheit wie im Bilderbuch? Im Märchen vielleicht.

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