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Reise
02.08.2022

Radurlaub in Dänemark: Wenn über Grenzen Blumen wachsen

Die deutsch-dänische Grenzregion ist bekannt für ihre schmalen Meeresbuchten. Nach vielen Kilometern in den Pedalen gibt es kaum etwas Wohltuenderes für die Füße, als durch den feinen Sand in das kühle Wasser zu tippeln.
Foto: Visit Denmark

"Moin", sagen die Norddeutschen, aber auch die Süddänen. Beim Radeln in der Grenzregion lässt sich nicht nur in die Fjord-Landschaft, sondern auch in die gemeinsame Geschichte der Länder eintauchen.

Wer zum Fahrradurlaub an die deutsch-dänische Grenze aufbricht, glaubt zu wissen, was einen erwartet: Auf ebenen Strecken mit dem Radl rollen, Seeluft einatmen und zwischendurch durch Museen zur Schifffahrtsgeschichte schlendern. Oder? Wer dorthin gereist ist, wem Ostseeluft beim Radeln (und sonst in fast jedem Moment) durch das Haar geweht ist und wer das erste Mal mit einer Fahrradfähre unterwegs war, weiß: Diese Vorstellungen stimmen größtenteils – aber den Reiz der Region macht noch etwas anderes aus.

Flach ist die Grenzregion mit den zahlreichen Förden, den schmalen Meeresbuchten, nicht nur. Das E-Bike wird der beste Freund, wenn man über hügelige Dorfstraßen, von rotem Mohn übersäte Felder oder durch schattige Waldabschnitte radelt. Auch das Eintauchen in die Schifffahrtsgeschichte oder das Bestaunen der dänischen Fahrrad-Infrastruktur gehören zum Programm dazu. Landschaft und ein wenig Bewegung also?

Da gibt es noch eine ganz andere Seite, die die Grenzregion spannend macht: die historischen Verflechtungen zwischen den beiden Ländern. Was heute Deutschland ist, war Dänemark, und natürlich andersherum. Die Folge: eine dänische Minderheit auf deutscher Seite, eine deutsche auf dänischer. Lange Zeit gab es deshalb Auseinandersetzungen zwischen den Bürgerinnen und Bürgern auf beiden Seiten. Heute herrscht ein harmonisches Miteinander zwischen zwei Kulturen, das sich in der Mentalität der Menschen widerspiegelt.

Flensburg: Nicht nur "Punkte" für Autofahrer und Bier mit "Plopp"

"Dem Flensburger ist es schietegal, ob man Deutscher oder Däne ist", sagt Stadtführer Bert Jacobsen in trockenem Norddeutsch, während er durch die holprigen Kopfsteinpflaster-Gassen Flensburgs führt. "Hier herrscht ein friedliches Kuddelmuddel." In der ehemaligen Handelsstadt beginnt der Radurlaub durch die Grenzregion. Zweistöckige Häuser, die bunt gestrichenen Fassen von blühenden Rosen bekleidet, prägen das Bild der Altstadt. Durch die Hanglage glitzert beim Schlendern durch die historischen Hinterhöfe das glatte Hafenwasser hindurch.

Weil die Flensburger Altstadt im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde, lässt sich die historische Architektur mitsamt liebevoll hergerichteter Hinterhöfe noch wie im Original bewundern.
Foto: Victoria Schmitz

Aber der Reihe nach. Etwa fünf Kilometer nördlich von Flensburg liegt die 67 Kilometer lange Grenze, die Deutschland und Dänemark trennt. Wer die Region mit Natur, Historie und Kultur erleben möchte, dem stehen mit dem Radwanderweg "Flensburg Fjord Route" rund 307 Kilometer entlang der Ostseeküste zur Verfügung. Sechs Tagesetappen zwischen 30 und 60 Kilometer führen von Flensburg bis nach Apenrade in Dänemark. Weil es sich dabei um einen Rundweg handelt, lässt es sich aber auch von einem freigewählten Ausgangspunkt oder in die umgekehrte Richtung losradeln.

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Beschildert ist die Route zwar nicht. Dafür gibt eine GPX-Datei, die sich auf das Smartphone herunterladen lässt und den Weg vorgibt. Ein E-Bike anstelle eines normalen Rads zu wählen, bietet sich an. Denn gerade auf dem östlichen Teil der Route fallen durch die hügelige Landschaft Höhenmeter an. Ob "Kunst und Kultur", "Blumen und Gärten" oder Geschichte – je nach Interesse können schwerpunktmäßig unterschiedliche Stopps auf den jeweiligen Etappen eingelegt werden.

Die Flensburg Fjord Route führt rund 300 Kilometer an der Ostsee entlang

Entstanden ist die "Flensburg Fjord Route" im Rahmen eines gemeinsamen Projekts von Deutschland und Dänemark: "Blumen bauen Brücken". Die Idee der deutschen und dänischen Tourismusagenturen, die das von der EU-geförderte Projekt auf die Beine gestellt haben: Das Konzept von deutschen Gartenschauen mit dänischem Aktivurlaub auf dem Rad zu verbinden. So soll die Region als ein grenzübergreifendes Urlaubsziel wahrgenommen werden.

Aus Ästen und Stroh gebastelte Fahrräder, kleine Blumengärten, Sitzflächen aus roten Holzpaletten – verschiedene Installationen schmücken die Route und sollen an die grenzübergreifende Idee erinnern. Am Flensburger Hafen führt Jacobsen etwa an schwimmenden Blumeninseln vorbei. Dabei erklärt der Stadtführer, wie die Verflechtungen von Deutschland und Dänemark in der Vergangenheit aussahen.

1920 war das entscheidende Jahr für die Grenzregion. Einst erstreckte sich das Herzogtum Schleswig vom heutigen deutschen Rendsburg bis zum dänischen Kolding. In diesem Jahr stimmten die Bürgerinnen und Bürger darüber ab, ob sie Teil Deutschlands oder Dänemarks sein möchten. 75 Prozent der Flensburger stimmten damals dafür, zu Deutschland zu gehören. Die Staatsgrenze verläuft seitdem etwa durch die Mitte des ehemaligen Herzogtums und unterteilt es in Nord- und Südschleswig..

1920 wurde die heutige Grenze zwischen Deutschland und Dänemark gezogen

Wie viele Menschen heute Teil der beiden Minderheiten sind, ist offiziell nicht erfasst. Nach Schätzwerten fühlen sich etwa 50.000 Menschen in Deutschland der dänischen Minderheit zugehörig und zwischen 12.000 bis 20.000 der Deutschen in Dänemark. "Minderheit nach Gesinnung", wie die Projektleiterin von "Blumen bauen Brücken", Iris Uehllendahl, es nennt. Durch das Prinzip der Bekenntnisfreiheit, die in der Schleswig-Holsteinischen Landessatzung verankert ist, darf die Entscheidung, einer Minderheit anzugehören, nicht überprüft und damit nicht statistisch festgehalten werden.

Wie ist es ist, heute Teil einer der beiden Minderheiten zu sein, lässt sich dann im Deutschen Museum Nordschleswig im dänischen Sonderburg erfahren. Museumsleiter Hauke Grella ist selbst Teil der deutschen Minderheit. Eine Frage, die den ruhigen Mann mit dunklen Haaren und schwarzem Brillengestell von Schülergruppen deshalb wieder gestellt wird: "Wenn Deutschland gegen Dänemark Fußspiel spielt, für welche Mannschaft bist du denn dann?" "Am liebsten ist es mir, wenn sie gar nicht gegeneinander spielen", antwortet er dann ganz nüchtern. Sich für ein Land zu entscheiden – das möchte er nicht. Zur Minderheit gehören, bedeutet, beide Kulturen in sich zu tragen. Kulturen, die sich laut Grella gar nicht so stark voneinander unterscheiden.

Wie die dänischen und deutschen Minderheiten die Region prägen

Weiter geht es. Das Fahrrad ruckelt über kiesige Schotterwege nur wenige Meter neben dem Ostseestrand, gleitet über asphaltierte Straßen durch Wohngebiete und rollt auf federndem Waldboden. Schließlich strahlt in der Mitte eines riesigen Teichs ein weißes, eckiges, von Türmen bewachtes Gebäude hervor: Schloss Glücksburg. Das romantische Wasserschloss beherbergt heute ein Museum, zeitweise residierte dort die dänische Königsfamilie. Sowohl das historische Interieur mit bei Sonne glitzernden Ledertapeten, als auch die deutsch-dänische (Adels-)Geschichte lassen sich bei einer Führung erleben.

"Gott, gebe Glück mit Frieden": Abgeleitet von dem Wahlspruch des Hauses haben das Wasserschloss und auch die anliegende Kleinstadt den Namen Glücksburg erhalten.
Foto: Victoria Schmitz

Sowieso kommt bei der Route auf seine Kosten, wer sich für das dänische Königshaus interessiert. Neben Glücksburg liegt auch Schloss Gravenstein auf der Strecke: die Sommerresidenz der dänischen Royals. Der Schlosspark ist immer geöffnet, außer von Ende Juni bis Mitte August, wenn die Residenz bezogen wird. Der royale Tennisplatz, ein Pool und ordentlich angelegte, aber dennoch natürliche Beete säumen das Schlossareal. Schattige Bäume laden zu einem Picknick darunter ein.

Schloss Glücksburg und Gravenstein: für Fans des dänischen Königshauses

Auch wer kein Proviant dabei hat und sich nicht für die Krone, sondern für Kulinarik oder Botanik interessiert, ist bei Gravenstein bedient. Hinter dem Schloss liegt der "Königliche Küchengarten": Liebevoll angelegte Quadrate und voller aromatischer Kräuter und duftenden Blumen, aber auch Gemüse und Obstbäume, sind dort für jedermann zugänglich und dürfen zum Verkosten gepflückt werden.

Der Köngliche Küchengarten von Schloss Graasten wurde erst im Sommer 2020 eröffnet.
Foto: Visit Denmark

Pfirsiche und Nektarinen aus alten und neuen Züchtungen, die so langsam ein sanftes Orange annehmen; duftende Schattierungen an Grüntönen, von silbrig türkisen Salbei bis hin zum gelblichen Zitronenthymian, wachsen in der königlichen Gärtnerei. Der Ertrag landet bei der dänischen Königsfamilie auf dem Teller. Das radelnde Volk kann im Küchengarten eigenen Café eine dänische Kaffeetafel genießen.

Gut gestärkt lässt es sich wieder auf dem Sattel schwingen. Allerdings: Nicht die ganze "Flensburg Fjord Route" entlang gibt es mit dem Zweirad mehr oder wenigen festen Boden unter den Füßen. Vom kleinen, maritimen Dörfchen Langballigau in Deutschland geht es per Fahrradfähre in das dänische Sonderburg. Die Räder werden vorne auf das Heck geschnallt, die Radler nehmen für knappe eine Stunde auf dem etwa 15 Meter langen Dampfer am Bug Platz.

Die Fahrradfähre ist nicht der einzige Komfort, der von dem hohen Stellenwert des Zweirads in Dänemark zeugt. Plötzlich einen Platten? Die Bremse schleift? Auf der Strecke gibt es seit Kurzem mehrere gelb leuchtende Fahrrad-Servicestationen mit Luftpumpe und Werkzeug. Gelb, in Anlehnung an die Farbe der Tour de France, denn die hat heuer auf drei Etappen durch Dänemark geführt, abschnittsweise auch auf der Flensburger Fjord Route entlang. Mehr als ein bisschen Landschaft und Bewegung also.

Gut zu wissen:

  • Die Anreise nach Flensburg dauert in etwa zehn Stunden: sowohl mit dem Auto über die A9, A14, A2 und A7 als auch mit dem ICE und der Regionalbahn mit Umstieg in Hamburg und Kiel.
  • Weitere Infos, wie die GPX-Daten der Route, alle Sehenswürdigkeiten und ein Radweghandbuch zur "Flensburg Fjord Route" zum Downloaden gibt es unter www.visitsonderjylland.de/flensburgfjordroute.
  • Mehr über das grenzüberschreitende Projekt "Blumen bauen Brücken" erfährt man unter www.bbbprojekt.eu. Auch einen digitalen Tourenplaner findet man auf der Website.

Diese Recherche wurde unterstützt von Visit Denmark.

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