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Reise
26.04.2022

Und immer wieder der Ätna: Rund um Siziliens heiß geliebten Vulkan

Manchmal pafft er nur. Der Vulkan Ätna ist noch immer sehr aktiv.
Foto: Birgit Müller-Bardorff

Feuerspeiendes Ungeheuer oder „fürsorglich wie eine Mama“? Der imposante Vulkan scheint allgegenwärtig auf der Insel. Wer ihm folgt, lernt auch die mystische Seite Siziliens kennen.

Meistens pafft er nur ein bisschen. Wie ein älterer Herr, der genüsslich den Rauch seiner Zigarre in kleinen Wölkchen ausstößt. Aber man weiß ja, er kann auch ganz anders, der Ätna, den sie hier in Sizilien „Mongibello“ – „der schöne Berg“ – nennen. Erst im Februar hat der mit 3350 Metern höchste aktive Vulkan Europas wieder einmal gezeigt, wozu er fähig ist. Da dachte man dann nicht so sehr an Altherrengemütlichkeit, sondern eher an Hephaistos, den Gott des Feuers. Der soll nach griechischem Mythos im Inneren des Ätna wohnen und seine Schwerter schmieden, wenn er mal wieder einen Wutausbruch hat, weil ihn Gattin Aphrodite betrogen hat. Dunkle Schwaden ziehen dann über seinem Gipfel auf, aus einem der Krater spuckt es feurige Lavasteine, und die Dörfer und Felder ringsumher überzieht eine dicke Schicht aus Staub.

Für Jahrzehnte ist Brachland, wo der Lavastrom des Ätna sich breitgemacht hat.
Foto: Birgit Müller-Bardorff

Wenn es ganz schlimm kommt und sich der Lavastrom ins Tal zieht, dann ist dort Brachland für die nächsten Jahrzehnte. Das kleine Städtchen Randazzo am Nordhang des Ätna mit seinem schönen mittelalterlichen Kern und den vielen Kirchen kam 1981 gerade noch einmal davon. Nur wenige Meter vor der Stadtgrenze stoppte der Lavastrom wie durch ein Wunder und verschonte Menschen und Mauern. Wie ein anthrazitfarbener Teppich liegt das Geröll aber noch heute dort. Eine Mondlandschaft, hier wächst für lange Zeit nichts mehr.

Der Ätna hat nicht nur eine gefährliche Seite

Das ist die dunkle, die gefährliche und verheerende Seite des Ätna, der zum Weltkulturerbe zählt. Von der anderen, der hellen und leuchtenden Seite erzählt Valeria bei einer Fahrt durch die Landschaft am Fuße der Nord- und Ostseite des Vulkans. Die junge Frau ist Agrarwissenschaftlerin und hat sich auf die Geschichte und Besonderheiten des Weinanbaus in Sizilien spezialisiert. Der Wein hat sie aus dem Süden der Insel in die Ätnaregion gezogen. „Nicht um zu trinken“, beeilt sie sich mit einem Lachen klarzustellen, „sondern um Touristen durch die Weingüter in der Ätnaregion zu führen.“

Die Ätnaweine haben es mittlerweile zu großer Anerkennung gebracht, voll und rund ist ihr Geschmack, gespeist aus einem Boden, den der Vulkan mit vielen Mineralien und Nährstoffen anreichert. Weinanbau hat in Sizilien eine lange Tradition, geht zurück bis in die Antike zu den Griechen, die ihn auf der Insel kultivierten. Für Qualität steht er aber erst seit etwa 20 Jahren, erklärt Valeria, „davor wurde vor allem viel produziert, um ihn mit anderen Weine zu verpantschen“. Heute gibt es an der Nord- und Ostseite des Ätna 180 Weingüter, von denen viele ihre Tore auch für Führungen von Touristen öffnen, wie Tascante in der Nähe von Randazzo. Mit Blick über die Weinreben kann man hier auf einem kleinen Turm aus Lavasteinen ein Glas Rose und Brot mit Käse genießen, nachdem man in einer Schauanlage erfahren hat, wie schon in der Antike die Trauben gesammelt und weiterverarbeitet wurden.

Isola Bella vor der Bucht Taorminas.
Foto: Birgit Müller-Bardorff

„Der Ätna ist wie eine Mama, großzügig und fürsorglich“, sagt Valeria, und sie lässt dabei ein ganz anderes Bild vor dem inneren Auge entstehen als das feuerspeiende Ungeheuer, das Tod und Verderben über die Region bringt. „Viele hier leben auch sehr gut vom Ätna“, stellt Valeria klar und zählt auf, was die Vulkanerde noch so alles gedeihen lässt außer den Trauben für süffigen Wein: Haselnüsse, Aprikosen, Erdbeeren, Kirschen, Oliven und natürlich die Pistazien, das „grüne Gold“, für das vor allem die Stadt Bronte auf der Westseite des Ätna berühmt ist und das so viele der sizilianischen Speisen veredelt.

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Künstler zog es nach Taormina

Unberechenbar ist er also, der Ätna, aber eben auch unverzichtbar für die Menschen, die dort leben. Seine Schönheit aber lässt sich am besten erfahren, wenn man ein wenig Abstand von ihm gewinnt und auf verschlungenen, manchmal holprigen Straßen Richtung Meer fährt. Etwa 20 Minuten entfernt liegt Taormina. 200 Meter über dem Meer schmiegt sich der Ort in die Felsen des Monte Tauro. Ihre außergewöhnliche Lage machte die Stadt schon Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem beliebten Ferienziel, in das es auch viele Künstler zog: Johannes Brahms, Thomas Mann, Truman Capote und Marlene Dietrich verbrachten in Taormina entspannte Urlaubstage.

Hier wird der etwa 40 Kilometer entfernte Vulkan zur Traumkulisse – und das nicht nur für Touristen, die auf der großen Terrasse der Piazza IX Aprile ihre Handys zücken, um sich mit dem Berg im Hintergrund verewigen zu lassen, sondern auch ganz real. In Taormina steht nämlich auch ein bestens erhaltenes griechisch-römisches Amphitheater. Hier saß bereits Goethe 1787 während seiner Italien-Reise auf den antiken Stufen und genoss den freien Blick auf den Vulkan. „Nun sieht man an dem ganzen langen Gebirgsrücken des Ätna hin, links das Meerufer bis nach Catania, ja Syrakus; dann schließt der ungeheure, dampfende Feuerberg das weite, breite Bild, aber nicht schrecklich, denn die mildernde Atmosphäre zeigt ihn entfernter und sanfter, als er ist.“

Den ganzen Tag könnte man so vertieft in den Blick über die Bucht von Naxos und den wölkchenumwobenen Vulkan über ihr verbringen und dabei ganz vergessen, auch noch durch die Gassen Taorminas zu schlendern. Im Hochsommer kann man darauf villeicht auch verzichten, denn dann schlängeln sich auf dem Corso Umberto die Touristen vorbei an Bars und Andenkengeschäften mit den typischen bunten Keramikwaren, den Trinacrias, dreibeinigen Frauengestalten, die für die drei Ecken der Insel Sizilien stehen. Aber in der Nebensaison, und vor allem am frühen Morgen, stellt sich diese typische Italien-Euphorie ein, wenn der Espressoduft aus den Bars weht, die alten Männer an den einfachen Blechtischen sitzen und die erste Sonne um die Häuserecken kriecht. Dann halten die Frauen von Fenster zu Fenster ihren Nachbarschaftsratsch, trödeln die Kinder in die Schule und man hat das Gefühl, selbst Teil dieser mediterranen Lässigkeit zu werden.

Und dann noch schnell auf die Isola Bella

Soll man sich vielleicht schon zum Frühstück eines dieser köstlichen Arancini genehmigen? Die bekommt man hier in jeder Snackbar und jedem Restaurant in vielen Varianten: frittierte Reisbällchen, klassisch gefüllt mit Ragout, aber auch mit Auberginen oder mit Pistazien, Schinken und Mozzarella. In der Form erinnern sie an kleine Orangen, so sind sie zu ihrem Namen gekommen. Oder soll es jetzt doch lieber ein Eis sein, eine Granita, dieses Sorbet, das zu Hause meist einfach nur wie gefrorenes Wasser schmeckt, in Italien aber zur fruchtigen Offenbarung mit Erdbeer-, Zitronen- oder Melonengeschmack wird. Und selbst bei dieser Überlegung kommt einem gleich wieder der Ätna in den Sinn. Schließlich soll er nicht ganz unschuldig an der Erfindung des Speiseeises gewesen sein: Aus Schnee des Vulkans, Honig und Obstsaft kreierten die Römer der Legende nach das erste Gelato. Wenn das kein Grund ist, die cremigen Nachfolger einer Geschmacksprobe zu unterziehen!

Arancini gibt's an jeder Ecke.
Foto: Birgit Müller-bardorff

Wer sich nicht nur mit dem spektakulären Blick von oben auf das türkis glitzernde Wasser an der Ostküste Siziliens zufriedengeben möchte, kann in Taormina einfach die Seilbahn nehmen. Sie gleitet in wenigen Minuten von der Porta Messina am Ortsausgang in den direkt an der Küste gelegenen Ortsteil Mazzaró, wo ein Kiesstrand und einige Restaurants und Strandlokale das Bergdorf Taormina zum mediterranen Küstenort machen. Nur noch eine schmale Treppe muss man hinuntersteigen, um ins Ionische Meer eintauchen zu können.

Aber halt, eine kleine Pause sollte man zuvor auf einem der Treppenabsätze doch noch einlegen – zu schön ist der Blick durch Palmen und Bougainvillas hindurch auf die Isola Bella, die ihren Namen nun wirklich verdient. Ein Postkartenidyll ist sie, dazu ein kleines Paradies mit seltenen Tier- und Pflanzenarten. Auf dem Inselchen züchteten die Engländer im 19. Jahrhundert exotische Bäume. 1998 erklärte der WWF die Isola Bella zum Naturschutzgebiet. Wer sie betreten will, muss auf jeden Fall die Schuhe ausziehen und die wenigen Meter durchs seichte Wasser waten. Wenn man dann auf einem der kleinen Felsen sitzt, die Füße trocknen lässt und nach oben blickt, kann man ihn hinter den Wölkchen wieder erahnen, den Mongibello der Sizilianer.

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