Puh, heiß hier. Die Sonne steht hoch, das ganze Jahr über. Singapur liegt fast am Äquator. Das Licht lässt einen schnell vergessen, wie schlecht der Schlaf im Flugzeug war. Aber diese Nacht im Flieger hat einen nicht nur räumlich 10.000 Kilometer weit weg katapultiert, sondern auch zeitlich versetzt. In Singapur hat die Zukunft längst begonnen. Davon erzählt gerade der Fahrer mit lauter Stimme, während er Kurs Richtung Innenstadt nimmt.
Während er den Kopf schüttelt, dass es schon wieder so voll auf den Straßen ist, erzählt er, um was für ein Wunder es sich dabei handelt. Denn Autos gehören zu den Dingen, die in Singapur richtig ins Geld gehen. Und der Fahrer redet nicht über die Kaufpreise. „Man muss dem Stadtstaat eine Gebühr für 120.000 Singapur Dollar zahlen – pro Auto.“ Seine Stimme wird noch lauter dabei, dann lacht er. Umgerechnet sind das 80.000 Euro. Glücklich der Stadtkämmerer oder Finanzminister, der über solche Einnahmequellen verfügen kann. Staus gibt es trotzdem auf Singapurs Straßen, im Grunde täglich, wenn sich morgens und abends der Berufsverkehr durch die Stadt quält.
In Singapur kann man in der Zukunft einchecken
Zur Zukunft à la Singapur gehört auch, dass der Platz knapp und extrem teuer ist. Man rechnet für die Grundstückspreise in Singapur nicht nach Quadratmetern, sondern – altes koloniales Erbe – nach Quadratfuß. Einer kostet 4.000 Singapur Dollar. Die Preise also – astronomisch. Folgerichtig wächst die Millionenmetropole den Sternen entgegen, sprich in die Höhe. Die Wohnblöcke, die überall entstanden sind, haben gigantische Dimensionen. Aber anders als in so vielen traurigen Großstadt-Vororten, wirken sie in Singapur einladend, architektonisch ansprechend, lebenswert.
Am besten, man checkt einfach einmal in der Zukunft ein und erkundet von dort die Metropole. Das Oasia Hotel zieht fast schon magisch die Blicke auf sich. Ringsum wird es eingerahmt von Wolkenkratzern, teils mit verspiegelten Glasfassaden. Die Fassade des Oasia schimmert grün-rot. Rot, weil das die Farbe der Fassadengitter ist, grün, weil sich ein vertikaler Dschungel daran emporrankt. „Der grüne Hotelturm gibt seiner Umgebung etwas zurück“, sagt Lin Bolt, die Sprecherin von Woha-Architekten, die das Hochhaus geplant haben. Wenn es am heißesten ist, verdunsten die Pflanzen am meisten Wasser und kühlen damit auch die Umgebung.
Dieser Hotelturm, 2016 fertiggestellt, gehört zu den Vorzeigeprojekten des Architekturbüros aus Singapur. In der Club-Lounge im 21. Stock spürt man sofort, warum. Der grüne Wolkenkratzer lebt nicht nur von seiner bepflanzten Fassade, das Konzept geht weiter, umgreift auch die Hotelgäste und Angestellten, seine Bewohner auf Zeit. Hoch in der Luft tritt man vom Aufzug überraschend ins Freie, spürt den Wind. Die Freifläche ist gleich über mehrere Stockwerke hinweg nach oben geplant. Platz, Luft, Raum, Pflanzen, kleinere Bäume und ein Pool. Der Luftzug kühlt, die Sonne blendet nicht, der Blick reicht hinaus aufs Meer, wo Schiff um Schiff den riesigen Hafen ansteuert. In dieser Lounge vergisst man, mitten in der Stadt und hoch in der Luft zu sein. Es könnte sich auch um einen schicken Beach-Club handeln.
Grüne Fassaden kühlen die Innenstadt von Singapur ab
Dort erzählt Lin Bolt von dieser Symbiose aus Natur und Wolkenkratzer. „Der Turm steht wie ein riesiger Baum inmitten von Wolkenkratzern“, sagt sie. Und nicht nur die Umgebung profitiert davon, dass die grüne Fassade kühlt. Die Effekte haben sich auch für die Bauherren ausgezahlt. Im Vergleich zu anderen Wolkenkratzern benötigt der grüne Turm eine kleinere Klimaanlage; das spart Platz. Das Grün ist in große, robuste Pflanzkübel gesetzt. „Low-Tech statt High-Tech“, sagt Bolt. Man braucht zur Wartung keine spezielle Firma, jeder Gärtner kann das machen. Und die großen Himmelsterrassen – wie die im 21. Stock – gliedern den Turm nicht nur, sie helfen durch den Wind, der dort zirkuliert, ebenfalls beim Kühlen.
Das alles liegt ganz auf der Linie, die mittlerweile in der Stadt gilt: Die Stadt soll grüner werden. Jedes neue Bauprojekt ist verpflichtet, 100 Prozent der Grundfläche auch als Grünfläche zu ersetzen. Soll heißen, Dachgärten, Grünterrassen, grüne Fassaden, das alles boomt gerade im Baubetrieb. Die Politik in Singapur meint es ernst. In dem Vorzeige-Stadtstaat in Südostasien spürt man, in welchem Tempo es vorangehen kann, wie schnell man sich auf die Zukunft vorbereiten kann. In Deutschland sind die Diskussionen um Reformen oft raumgreifender als die Ergebnisse. Auf Diskussionen folgen Kompromisse, allseits herrscht die Angst, wegen zu viel Zumutung abgestraft zu werden. Wer auf die Idee käme, 80.000 Euro als Zulassungsgebühr für ein Auto zu verlangen, würde hierzulande politischen Selbstmord begehen.
In Singapur sieht das anders aus. Dort wird die Peoples Action Party seit der Staatsgründung von den Wählern mit Mehrheiten ausgestattet, von denen die CSU in Bayern nur träumen kann. 90 Prozent plus X. Deshalb kann man in Singapur auch nicht sicher sagen, ob sich das Ein-Parteien-System noch Demokratie nennen darf oder schon anders heißen muss. Doch eines geht in diesem System sehr viel schneller: Entscheidungen treffen und umzusetzen.
Gardens at the Bay locken Besucher in den Cloud Forest
Beton hier, Dschungel dort. Wer will, kann in Singapur Reste der Natur entdecken, die einmal die ganze Insel bedeckt hat. Rund um den riesigen Zoo wuchern die Pflanzen, bilden Bäume und Sträucher ein undurchdringliches Dickicht. Dieses ganze Eiland, das flächenmäßig so groß wie Hamburg ist, aber dreimal mehr Einwohner beherbergt, würde Dschungel sein, gäbe es die vielen Menschen nicht.
Wer den Dschungel als Spektakel spüren will – mit Dinos inbegriffen –, besucht die „Gardens at the Bay“. Unter zwei großen Glas-Kuppeldächern lässt sich dort bequem durch die Natur spazieren. Der Cloud Forest schraubt sich 35 Meter in die Höhe, die Stars sind aber nicht die Tropenbäume, sondern die Urzeitwesen aus der Film-Reihe Jurassic Park, die gerade die Halle zusätzlich bevölkern. Die Filmmusik übertönt das Plätschern des hohen Wasserfalls. Hinter dem Kulissen-Bauzaun bewegt sich ein Saurierkopf, der T-Rex scheint kurz vor dem Angriff, fürs Foto samt Dino stehen alle Schlange. Der Dschungel dient gerade als Kulisse.
Dann mal dorthin in Singapur, wo das Grün auch als gesellschaftlicher Kitt zum Einsatz kommt. „City Sprouts“ heißt das Projekt, das es bereits seit fünf Jahren gibt. Die ehemalige Henderson Schule wird von großen Wohntürmen umgeben. Auf dem Ex-Schulgelände hat sich die Idee der Nachhaltigkeit eingenistet. Gewächshäuser stehen dort jetzt. Khor arbeitet dort und erklärt, welche Bildungsidee „City Sprouts“ verfolgt: Die Menschen wieder mit der Natur zu verbinden, ältere und jüngere Menschen zusammenzubringen, den gestressten Großstadtmenschen einen Ausgleich bieten. Oder einfach: Schrebergärten in Modern.
City Sprouts will in Singapur Menschen mit der Natur verbinden
Wer will und Glück hat, kann sich bei den „City Sprouts“ ein Gewächshaus mieten – auch um zu experimentieren. Denn eines der Zukunftsziele des Stadtstaats ist es, unabhängiger von Lebensmittelimporten zu werden. „Das geht in Singapur nur mit Bewässerungssystemen“, sagt Khor. Und dann zeigt er, wie einzelne Gärtner mit Lampen und Aluprofil-Systemen Pflanzen übereinanderstapeln. „Das spart Platz und Wasser“, sagt Khor. Gegenüber gackern Hühner. „Man kann hier simulieren, wie man einen Garten auf einem Hochhaus-Dach einrichten und erhalten kann.“
Und damit noch ein Ortswechsel, es geht jetzt hoch hinauf in Downtown Singapur, der Aufzug im Capita-Spring-Wolkenkratzer katapultiert einen auf 280 Meter Höhe. Der Turm gehört zu den höchsten der Stadt. Dort oben ist das Reich von Justin, seines Zeichens Gärtner fast über den Wolken. Er pflegt dort einen Garten, der die beiden Restaurants der obersten Turmetage mit frischen Zutaten versorgt. Jeden Tag erntet er etwas in Absprache mit den Köchen. Er lässt einen die Kedondong-Frucht probieren. Ui, ganz schön sauer. Nur ein paar Meter weiter wächst Knoblauch. So könnte auch der Nutzpflanzen-Teil in einem Botanischen Garten aussehen. Die Mirakelbeere schafft es, einen erst mit Säure umzuhauen, bis sie anfängt, süß zu schmecken. Auf dem Dach des Capita-Spring verlässt man die Megacity in Richtung Natur. Dort oben könnte alles so schön sein für Justin. Doch den Gärtnern im Skygarden geht es, wie überall auf der Welt. Heuschrecken haben sich eingenistet und würden am liebsten alles kahl fressen. Und Schnecken haben es auch hoch in die Luft geschafft. „Vermutlich als blinde Passagiere mit der Erde“, sagt Justin. Sie vermehren sich prächtig in dem Garten. „Wir spritzen nichts“, sagt Justin. Das macht es für ihn natürlich nicht leichter.
Singapur entwickelte sich in einem atemberaubenden Tempo
Schon verrückt, dieses Singapur. Seit seiner Unabhängigkeit vor 60 Jahren entwickelt sich der Stadtstaat in einem atemberaubenden Tempo. „Es ist einzigartig, was in Singapur in dieser kurzen Spanne erreicht worden ist“, sagt Lin Bolt. Und sie staunt manchmal, wie hochmütig die europäische Einstellung gegenüber Asien ist. „Man sollte sich einmal anschauen, was hier erreicht worden ist.“ Das gefeierte Architektur-Büro Woha bekommt immer wieder auch Anfragen aus Europa. „Doch alle Anfragen aus Deutschland sind für 0815-Projekte, das können auch andere.“ Es scheint, dass die Unterschiede in Sachen Tempo und Zukunftsgestaltung ihren Grund nicht nur im politischen System haben. Auch die freie Wirtschaft in Europa scheint da zögerlicher - während Singapur weiter immer grüner wird.
Der Autor recherchierte auf Einladung des Singapore Tourism Boards.
Daten und Fakten
- Anreise Von München aus gibt es Direktflüge, unter anderem von Singapur Airlines: https://www.singaporeair.com/de Die Flugzeit beträgt ungefähr zwölf Stunden.
- Grünes Singapur Der Stadtstaat hat sechs Millionen Einwohner und sieben Millionen Bäume. Das Grün begegnet einem mittlerweile auch bei vielen Neubauprojekten in der Stadt. Ein großes grünes Areal bieten die verschiedenen Zoos der Wildlifes Reserves Singapore. Sehenswert sind die Botanischen Gärten von Singapur. Ein Besuch der Gardens at the Bay lohnt sich auch wegen der Supertrees davor, die jeden Abend rund um den Sonnenuntergang mit einer Lichtershow ausgeleuchtet werden.
- Übernachtungstipp Das Oasia Hotel Downtown vermittelt einen Eindruck, was grünes Bauen heißen kann. Gehobener ist das Mett Hotel Singapur, das im kolonialen Stil glänzt. Es liegt inmitten einer Parklandschaft.
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