„Alles begann mit einem Lollipop“, sagt Michela Bortolozzi und deutet auf ein extravagantes Exemplar in Form des Dogenpalasts. Auf dem Tisch vor ihr liegen Dochte und Draht zwischen Wachsstücken und Kerzen in allen Farben und Fertigungsphasen, in Form venezianischer Gondeln oder Brücken. „Meine Kreationen bestehen aus nachhaltigen Materialien wie Wachs, Zucker und Seife. Sie lassen die Wahl: Möchte man sie konsumieren, bis sie weg sind, oder behält man sie als Erinnerung?“ Es gilt für ihre Lollies wie für die Kerzen und Seifen, die sie entwirft und produziert, und stellt für sie eine Analogie zum Umgang mit Venedig dar. Denn der gebürtigen Venezianerin, die in der Lagunenstadt Kunst studierte und danach die Welt bereiste, geht es um Nachhaltigkeit in weitestem Sinn: Ressourcen will sie ebenso schonen und erhalten wie ihre Heimatstadt. Sie verwertet bei ihren von Venedigs Architektur inspirierten Arbeiten Sojawachs, Kerzenreste aus Kirchen der Stadt und Holzrückstände aus Gondelwerkstätten. Ihr größeres Ziel aber ist es, Venedig als lebendige Stadt zu bewahren. „Ich möchte dazu beitragen, dass die Menschen bewusst reisen und Einheimischen gegenüber sensibel auftreten, in Venedig und überall sonst auf der Welt.“ Das bedeute hier, die Lagunenstadt nicht wie einen Themenpark zu konsumieren, sondern sich für ihre Kultur und ihre Menschen zu interessieren. „Wenn wir Venezianer verschwinden, ist diese wunderschöne Stadt nur noch ein Ort ohne Seele.“ Nur noch knapp 50.000 Menschen leben im historischen Zentrum, das im 16. Jahrhundert 140.000 Einwohner hatte; die größte Gruppe von ihnen ist über siebzig Jahre alt.
Möbel werden aus den Palazzi Venediggs gerettet
Die 1986 geborene Michela unterhält neben ihrer Werkstatt „Relight Venice“ in Cannaregio eine weitere im örtlichen Frauengefängnis - als Teil eines Projekts, Straffälligen die Rückkehr in ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Auch das gehöre zu einer echten Stadt. Für Urlauber hat Michela einen Tipp: „Lauft nicht auf den üblichen Pfaden. Verlauft euch mit offenen Augen! Dann lernt ihr Venedig wirklich kennen.“
Cannaregio, das zweitgrößte und am dichtesten besiedelte der sechs Sestieri der Stadt, ist dafür prädestiniert. Hier leben nicht nur die meisten Einheimischen, hier befinden sich auch Cafés, in denen Laptops Hausverbot haben und stattdessen Bücher verfügbar sind, und viele kleine Künstler-Ateliers. Michelas Nachbar ist der 29-jährige Restaurateur Francesco Pavon, der hier seit 2022 Antiquitäten restauriert und verkauft. Der gebürtige Venezianer ist ständig in den Palazzi der Stadt unterwegs, um Möbel zu retten. Derweil arbeitet die 31-jährige Yassaman Najafi hier an Schränken und anderen Schätzen, während ihre portugiesische Kollegin Carlota neben ihr neue Sitzflächen für alte Stühle flicht. Yassaman wurde im nahen Padua geboren und kam nach Venedig, um Kunstgeschichte zu studieren. „Die Stadt hat mich gepackt“, erklärt sie. Als Kunsthistorikerin sei sie hier in ihrem natürlichen Habitat.
„Ich habe mich entschieden, in Venedig zu bleiben“
Elena Boscola wurde vor 29 Jahren in Cannaregio geboren. „Ich bin sehr eng mit Venedig verbunden, liebe das Wasser, den Klang der Glocken, die Natur und Biodiversität der Lagune“, sagt sie. „Es ist meine Stadt, und ich habe mich entschieden, hierzubleiben.“ Sie studierte in Venedig und Verona Kunstgeschichte und betreibt seit kurzem in einem Häuschen am Wasser an der Brücke zum Campo di Ghetto Nuovo ihr Atelier „Un Pesce in Camicia“. Hier zeichnet sie mit Tinte venezianische Motive, druckt sie auf Lesezeichen, Poster und T-Shirts, gestaltet Ziehharmonika-Bücher und bindet Bücher von Hand. Hohe Preise und wenig Chancen für junge Leute bildeten nicht die ganze Realität Venedigs ab, so Elena. Sie schätzt die interessanten Menschen, die in der Stadt und vor allem in ihrem Viertel Cannaregio leben, die Stille, die man hier erleben kann, die allgegenwärtige Schönheit und die Abwesenheit von Autos. „Ich liebe es, mit dem Boot zu den Inseln in der Lagune zu fahren. Dass wir diese Möglichkeit und diese Landschaft haben, ist ein großes Privileg.“
Der Winter ist die schönste Zeit für Venedig
Auch die Jahreszeiten bieten Inseln der Ruhe. „Der Winter ist die schönste Zeit“, sagt Katia Tosso. „Es gibt Nebel, aber nicht zu viel, und es ist deutlich weniger los.“ Die auf der Glasbläserinsel Murano heimische Venezianerin arbeitet an der Rezeption des an einem Kanal hinter der Flaniermeile Strada Nuova versteckten Hotels Maison Venezia Una in Cannaregio. Nach Stationen am Gardasee und in Südtirol trieb sie das Heimweh zurück in die Lagunenstadt. Trotz Overtourism, trotz hoher Preise in den wenigen Geschäften des täglichen Bedarfs, die es in Venedig überhaupt noch gibt, und trotz der Tatsache, dass auch auf Murano immer weniger junge Menschen leben - und auch immer weniger Glasbläser. „Natürlich ist es im Sommer manchmal schwierig, vor allem mit den Verkehrsmitteln. Die Boote nach Murano sind immer voll.“ Doch selbst in der Hochsaison gebe es Möglichkeiten, den Massen zu entfliehen: „Wenn in Murano am frühen Abend die Läden schließen, breitet sich eine wunderbare Ruhe aus.“ Sogar auf dem Markusplatz komme am Ende des Tages schließlich der Moment, an dem die Menschenmengen sich auflösen.
Im Stadtteil Cannaregio befinden sich viele kleine Ateliers
Um die Ecke checkten George Clooney und seine Frau Amal ein
Ruhige, geradezu verzauberte Ecken sind auch bei Tag oft nur Schritte von den Hauptrouten der Besucher entfernt zu finden. Nicoletta Brocca hat in einer Gasse in San Polo ihr Studio. Hier sitzt sie an ihrer Nähmaschine und näht Brillen- und Handy-Etuis, Beutel für Wäscheklammern und Taschen mit venezianischen Motiven. „Mit zwei Jahren habe ich angefangen“, erzählt sie und zeigt ein Foto, auf dem sie als Kleinkind mit Handarbeit zu sehen ist. Es ist nicht die einzige Begabung der Wahl-Venezianerin, deren Eltern vor 25 Jahren mit ihr von Genua hierherzogen. Sie studierte alte Sprachen in Venedig, machte ihren Doktor und eröffnete 2017 ihr Geschäft. Es habe sich alles zusammengefügt, erzählt sie: „Das Studium antiker Zivilisationen hat meinen Sinn für Details geschärft.“ Keine 100 Meter von dem kleinen Atelier entfernt liegt das prunkvolle Aman Hotel am Canal Grande, in das George und Amal Clooney anlässlich ihrer Hochzeit eincheckten, und endlose Besucherströme schieben sich über die Rialto-Brücke.
Praktische Tipps für Venedig
Anreise: Am bequemsten ist die Anreise per Zug. Der Hauptbahnhof Santa Lucia liegt unmittelbar an der Altstadt im Viertel Cannaregio.
Schlafen: Im liebevoll restaurierten gotischen Palazzo Benedetti aus dem 15. Jahrhundert liegt das Boutique-Hotel Maison Venezia Una mit 28 in venezianischem Stil eingerichteten Zimmern und Kronleuchtern aus Murano-Glas. Das Doppelzimmer mit üppigem Frühstück und nachmittäglichem Kuchenbuffet kostet ab 208 Euro (www.unaitalianhospitality.com).
Kunsthandwerk: Relight Venice, Cannaregio 2430 (Calle Zancani), relightvenice.com.
Antiquitäten Francesco Pavon, Cannaregio 2424 (Calle Zancani), www.pavonrestauri.it.
Pesce in Camicia di Elena Boscolo, Cannaregio 2873/A (Fondamente dei Ormesini).
Nicoletta Brocca, San Polo 1409/A (Calle Larga de la Malvasia).
Allgemeine Informationen: www.visitvenezia.eu
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