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Landkreis Augsburg

12.08.2016

Bobinger ist für Erdogan - und verliert jetzt viele Freunde

Der türkische Präsident Erdogan.
Bild: Stringer (dpa)

Arif Diri aus Bobingen setzt sich seit Jahren für die Freundschaft der deutschen und türkische Kulturen ein. Doch als er sich öffentlich zu Erdogan bekennt, ist alles anders.

Der 51-jährige Dachdecker Arif Diri aus Bobingen wurde schon als Brückenbauer bezeichnet, als Dolmetscher zwischen den Kulturen und als Chefkoch kulinarischer Essen zur Völkerverständigung. Der Freistaat Bayern sprach seinem deutsch-türkischen Freundschaftsverein 2013 den Schwäbischen Integrationspreis zu. Landrat Martin Sailer ernannte Arif Diri kurz darauf im Namen des Kreistages offiziell zum Botschafter des Augsburger Landes. Rund 260 Mitglieder machten den von Diri Anfang 2011 gegründeten Freundschaftsverein laut seiner Angaben zur größten deutsch-türkischen Vereinigung dieser Art in Bayern. Der Landrat, viele Bürgermeister, hohe Beamte, Geschäftsleute und Schulleiter zählen dazu.

Doch plötzlich verstehen sich Diri und die Deutschen nicht mehr. Gute Freunde gehen auf Distanz. Der Landrat erklärte vor einer Woche öffentlich seinen Austritt – verbunden mit deutlicher Kritik an Diris offenen Bekenntnissen zur Politik des türkischen Präsidenten Erdogan nach dem Putschversuch. Diri hatte die strengen Reaktionen Erdogans als Notwendigkeit bezeichnet und bekannt gegeben, dass er noch in der Nacht des Umsturzversuchs in Augsburg gegen die Putschisten demonstriert habe.

Von Sympathie spürt Arif Diri aus Bobingen wenig

Über 15 Jahre lang, seit April 2000, hat sich Diri in Bobingen mit einer Vielzahl an Veranstaltungen öffentlich für Verständigung, für Freundschaft zwischen den Kulturen und für Toleranz engagiert. Das brachte ihm viel Anerkennung und Sympathie ein. Davon spürt er nun wenig. Er ist zwischen die Blöcke der großen Politik geraten. Als Fürsprecher Erdogans will ihn das Augsburger Land nicht sehen.

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Selten, dass Arif Diri nicht lächelt wie seine Mutter. Das war 2009, als er sich für ihre Rückkehr aus der Türkei nach Bobingen stark machte. Bis die Behörden nachgaben.
Bild: Vera Novelli

Doch zur großen Austrittswelle aus seinem Verein kam es offenbar nicht. Nur fünf Mitglieder hätten sich offiziell abgemeldet, teilte er mit. Viele warten offenbar gebannt ab, was da noch kommt. Diri hat es schon angekündigt: Nach den Sommerferien will er seinem Verein die Vertrauensfrage stellen und das Amt des Vorsitzenden zur Neuwahl anbieten. Ohne Mitgliedervotum werde er jedoch nicht zurücktreten.

Er habe ein Recht auf seine persönliche Meinung, sagt Arif Diri. Es sei nicht das erste Mal, dass die große Politik sein Leben beeinflusse. Beim Militärputsch 1980 in der Türkei habe ein guter Freund sein Leben verloren. Und er ist überzeugt: „Ein neuer Militärputsch hätte die Türkei um 30 Jahre zurückgeworfen.“ Erdogan stehe für eine demokratisch gewählte Regierung. Wenn er für diese eintrete, dürfe das in Europa doch niemandem verwerflich erscheinen.

Arif Diri holte seine Familie aus der Türkei nach Bobingen

Diri ist als freundlicher Mensch bekannt. Er ist aber auch sehr mutig. Zum Beispiel, wenn er für seine Familie eintritt. 2009 und 2010 machte Diri Schlagzeilen, als er seine Mutter aus Istanbul nach Bobingen holte. Deutsche Behörden bis zum Auswärtigen Amt wollten ihr das verwehren. Diri setzte sich durch. Später sagte er, diesen Erfolg habe er dem Landrat und der Kreisbehörde in Augsburg zu verdanken.

Diese Familiengeschichte begann 1967. Diris Eltern zogen von der Türkei nach Bobingen, arbeiteten im Chemiewerk von Hoechst abwechselnd in Schicht und zogen drei Kinder groß. Sie alle bekamen deutsche Pässe. Arif Diri, ihr Ältester, war gerade 21, als die Eltern 1986 zurück in die Türkei gingen, um den Ruhestand in der alten Heimat zu verbringen. Die Kinder entschieden sich jedoch für eine Zukunft in Bobingen.

Doch 2004 starb Opa Diri in Istanbul, und seine Frau kam sich dort bald sehr verlassen vor. Sie wurde krank und 2009 wollte die Familie wieder in Bobingen zusammenfinden. Doch dieser späten Form der Familienzusammenführung wollte das deutsche Generalkonsulat in der Türkei nicht zustimmen. Die große Politik stand dem entgegen. Arif Diri wollte das nicht hinnehmen. Er setzte seinen Willen durch – mit Unterstützung deutscher Freunde.

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12.08.2016

Wen wunderts? Würde ich mich öffentlich zu Hitler bekennen, würden sich auch viele Freunde von mir abwenden.

Die Frage ist natürlich, warum seine Freunde ihn diesem Seelenfänger nachlaufen lassen, statt zu versuchen, ihn auf einen rechtsstaatlichen und demokratischen Weg zurück zu bringen.

Mit der Freundschaft zwischen der deutschen und der türkischen Kultur hat all das übrigens gar nichts zu tun. Das ist einfach nur schmutzige Politik.

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