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22.09.2010

Die "schöne Coletta" strahlt noch wie einst

Die "schöne Coletta" strahlt noch wie einst
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Die Schützenliesl aus Ebenried, Coletta Möritz, nach einer Zeichnung von Friedrich August Kaulbach (großes Bild). Das Original ist im Besitz der Hauptschützengesellschaft München. Coletta war auch im Alter noch eine elegante Dame (Bild oben rechts), darunter Coletta (links) mit ihrer Schwester Ottilie. Fotos, Repros: Ullmann

Inchenhofen/Pöttmes Sauber aufgereiht stehen in Ottilie Rigls Regal sieben Ordner - einen für jeden ihrer Enkel. Jedes Blatt ist ein Unikat, denn per Hand schreibt die 81-Jährige für jeden Nachkömmling die Geschichte ihrer Familie auf. Darin darf eine nicht fehlen: Ottilie Rigls Großtante Coletta, die Schwester ihrer Großmutter, die als bayerische "Schützenliesl" bekannt ist.

Coletta wäre am Sonntag 150 Jahre alt geworden. Seit 1881 ist sie fest mit dem Münchner Oktoberfest verbunden, das heuer 200 Jahre alt wird und am Wochenende seine Pforten öffnete. Traditionell kann die "schöne Coletta" im Schützen-Festzelt bewundert werden - so wie sie Friedrich August Kaulbach damals malte. Die attraktive junge Dame balanciert frivol mit elf Bierkrügen in den Händen auf einem rollenden Bierfass - als Kopfschmuck trägt sie eine Schützenscheibe.

Noch heute blicken Colettas Verwandte voller Bewunderung auf die berühmte Abbildung, die - in einer Kopie - auch im Arnhofer Stadel zu sehen ist. Ottilie Rigl aus Arnhofen und ihre Schwester Cilli Riemensperger aus Ainertshofen (Gemeinde Inchenhofen) erzählen die Geschichte ihrer Großtante immer wieder gerne. Sie sind zwei von acht Großnichten, die noch in der Region leben, nebst einem Großneffen. Rigl besitzt unzählige Erinnerungsstücke an ihre berühmte Vorfahrin, die in den Medien zur Oktoberfestzeit stets besonders präsent ist.

Coletta Möritz wurde am 19. September 1860 im Pöttmeser Ortsteil Ebenried geboren. Sie und ihre Schwester Ottilie kamen als uneheliche Kinder zur Welt. Als ihre Mutter Maria Anna Möritz mit den Mädchen nach München ziehen wollte, blieb Ottilie bei einer Tante im Landkreis. Coletta suchte in München ihr Glück - und fand es.

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Ottilie Rigl und Cilli Riemensperger glauben, dass Coletta den Maler Kaulbach bereits im Antiquitätenladen ihrer Mutter kennenlernte. Als er Coletta als 18-jähriges "Biermädchen", sprich Bedienung, im "Sterneckerbräu" wiedertraf, war er von ihrer Schönheit so verzückt, dass er sie einfach malen musste. Die Inchenhofener Schwestern berichten, das sei 1878 gewesen. Als Kaulbach 1881 zum siebten Deutschen Bundesschießen, dem Vorgänger des Oktoberfests, ein Wirtshausschild gestalten sollte, habe er sich des Porträts entsonnen und das Wirtshaus "Zur Schützenliesl" mit Colettas Bild geschmückt. Zur Krönung bediente die Abgebildete in selbigem.

Von da an verzauberte die schöne Ebenriederin auf dem Oktoberfest Besucher aus der ganzen Welt und wurde - ähnlich wie das Münchner Kindl - zu einem Symbol für die Landeshauptstadt. Ihr Abbild ist nicht nur auf Kunstdrucken zu finden, sondern auch auf Postkarten, Pfeifenköpfen, Bierkrügen oder Schützenscheiben. Ihr strahlendes Lächeln schmückt auch das Etikett eines Schernecker Bieres - nach einem Gemälde von Toni Aron. Denn Coletta wurde nicht nur von Kaulbach porträtiert.

Für Rigl und ihre Schwester war die "Münchner Tante" später eine Art "Oma". Die Mädchen haben der Großtante im Krieg oft "die Brotzeit" nach München gebracht, da ihre Mutter ein Fleisch- und Wurstwarengeschäft in Augsburg betrieb. Als Gegenleistung bekamen sie von Coletta immer etwas geschenkt. Die elegante Stadtdame mit den schönen Hochsteckfrisuren besuchte sie oft in Ainertshofen, auch als München bombardiert wurde. Für die Kinder war es immer ein Fest, wenn Coletta kam. "Wir haben uns alle um sie herum gesetzt und ihr zugehört. Sie konnte so interessant erzählen", berichtet Ottilie Rigl.

Zu dieser Zeit arbeitete die Großtante längst nicht mehr als Bedienung. 1882 hatte sie den Schwabinger Gastwirt Franz Xaver Buchner geheiratet, von dem sie zwölf Kinder bekam. Zusammen betrieben die Eheleute mehrere renommierte Gaststätten. Buchner starb 1910. Drei Jahre später heiratete Coletta den pensionierten Postbeamten Max Joachim, den sie ebenfalls überlebte. Die "Schützenliesl" starb 93-jährig im Dezember 1953 in München.

Wie allgegenwärtig die 150-Jährige ist, zeigt das Beispiel des Schützenvereins Eichenlaub Eisingersdorf (Gemeinde Aindling). Die besten Schützen der Jahresmeisterschaft erhalten eine eigens angefertigte Silbermünze - mit der schönen Coletta darauf. Und: Ottilie Rigls Enkelin Veronika schlüpft bei passenden Anlässen schon mal ins Coletta-Kostüm.

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