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Schwabmünchen

30.10.2016

Diese Burg hat die Jugend für sich erobert

Pfarrer Thomas Huber vor der Schwabmünchner Geyerburg. Sie diente in ihrer langen Geschichte schon vielen Bestimmungen.
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Pfarrer Thomas Huber vor der Schwabmünchner Geyerburg. Sie diente in ihrer langen Geschichte schon vielen Bestimmungen.
Bild: Foto: Marcus Merk

Gefängnis, Obdachlosenheim, Adelssitz: Die Geyerburg hat im Laufe der Jahrhunderte schon einiges gesehen. Was die Zukunft bringt?

Im Jahr 1974 stand es mit der Geyerburg wahrlich Spitz auf Knopf. Seitens der Stadt Schwabmünchen standen Pläne im Raum, die Burg abzureißen und den Standort zu nutzen, um ein Feuerwehrhaus samt Übungsplatz zu errichten. „Rettet die Geyerburg“ hieß die Initiative, die dazu beigetragen hat, dass der historische Bau heute noch in Schwabmünchen steht. Nach umfangreichen Sanierungsmaßnahmen gelangte die Burg in kirchliche Hände: Seit 1982 wird die Geyerburg als Gemeindehaus der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde genutzt. Nach dem Neubau das Pfarrhauses diente das alte Pfarrhaus als Gemeindehaus und die Burg – die ist seither in der Hand der Jugendlichen.

Heute ist sie schlicht „die Burg“. So zumindest nennen sie die Jugendlichen, die den Innenräumen Farbe gaben und Leben einhauchten, verrät Pfarrer Thomas Huber. Er selbst ist nicht etwa der Schlossherr in Schwabmünchen, sondern derjenige, der mit den Jugendlichen die Burg nutzt - zum Konfirmandenunterricht und auch, um die Geyerburg aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Gerade in diesem Jahr sei viel passiert: Palisaden und Stufen wurden abgebaut. Pflanzen, die das Gemäuer verdeckten, wurden beseitigt.

Einen Schlossherrn gibt es schon lange nicht mehr

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Einen richtigen Schlossherrn oder vielmehr Burgherrn gab es in der Geyerburg indes schon viele Jahre nicht mehr. „Mein Vor-Vorgänger muss hier eine Art Menagerie mit Tier-Freigehege geschaffen haben“, berichtet Thomas Huber aus Erzählungen. „Auch soll er hier gewohnt haben.“ Diese Erzählungen erinnern an Pfarrer Helmut Frühwald, der im Jahr 2008 die Gemeinden Schwabmünchen und Großaitingen verlassen hat. Er hat gemeinsam mit den Jugendlichen die Geyerburg renoviert. Damals war sie sein Zuhause – und eine Anlaufstelle für die Jugendlichen in der Gemeinde. Letzteres ist sie noch immer, auch wenn Pfarrer Thomas Huber nicht in der Geyerburg wohnt. Für viele andere Schwabmünchner ist die Geyerburg gar nicht präsent. In der evangelischen Gemeinde jedoch wird die Geschichte der Burg weiter überliefert. Jeder Konfirmand weiß über die Historie Bescheid - und natürlich gibt es auch noch Zeitzeugen in der Burg, die an anno dazumal erinnern. Fast jeder Schritt in dem Gebäude eine kleine Zeitreise. Der Eingangsbereich ist modern und in Glasoptik gehalten, doch schon nach wenigen Schritten beginnt das alte Gemäuer. Rote Ziegelstein-Treppen entführen die Besucher gedanklich in eine Zeit, in der die Burg eher schauerlich als gemütlich war. Ende des 17. Jahrhunderts nämlich fungierte die Geyerburg als Gefängnis des Hochstifts Augsburg. Zwei Zellentüren sind bis heute erhalten: Hinter der dunklen, schweren Zellentür Nummer 15 verbirgt sich der Lagerraum, der erst kürzlich bunt bemalt wurde. Hinter der Nachbar-Zelle, Nummer 16, verbirgt sich der Technikraum. Aus der Zeit, in der Verbrecher und Bösewichte in der Geyerburg wohnten, stammt auch der Name der „Geigenburg“ als Ableitung der „Geiernburg“. Die Geige war einst ein gefürchtetes Folterinstrument. Und noch ein Name muss aus früheren Zeiten stammen: Der große Raum im Dach heißt der „grüne Saal“, erklärt Pfarrer Thomas Huber. Doch grün ist es dort wahrlich nicht, obgleich mit Farben an den Wänden nicht gegeizt wurde. An einer Säule sind die Namen derer verewigt, die sich an der Gestaltung des Raumes beteiligt haben.

Das zweite Zuhause der Jugendlichen

Allein das zeigt: „Die Burg ist das zweite Wohnzimmer, das zweite Zuhause der Jugendlichen“, sagt der 30-jährige Pfarrer, der selbst erst seit dem Jahr 2015 in Schwabmünchen tätig ist. Neben ihm und dem Jugenddiakon, der einige Stunden im Monat in der Geyerburg verbringt, gibt es rund 25 Ehrenamtliche, die die Jugendgruppe leiten, sich beim Jugendausschuss der Stadt engagieren und den Konfirmanden-Unterricht bestreiten. Via Whats App-Gruppe bleiben alle in Kontakt, die sich in der Geyerburg engagieren und ihre Freizeit verbringen.

Der Übergang von der evangelisch geprägten Jugendarbeit – mit Jugend- und Konfirmandengruppe – zu einem Jugendtreff und einem Ort, an dem das Netzwerk Integration das dort gestartete Asylprojekt fortführt, erscheint fließend. Auch mutet das Gebäude mit den zusammengewürfelten Möbeln an wie ein Jugendtreff, ohne dass Religion und Glaube hier permanenter Gast in den Gruppenräumen sind.

Als Ort für die Jugend ist das Gebäude rein baulich betrachtet nämlich geradezu prädestiniert, denn durch die dicken Burgmauern dringt kein Laut und auch mit den Nachbarn haben der temporäre Burgherr Thomas Huber und die Jugend der Gemeinde Glück.

Aktuell befindet sich die Burg zwischen Jugendtreff und Glaube 

Inwiefern der 30-Jährige auch den „offenen Treff“ wieder ins Leben rufen wird, ist eine der Tüftel-Aufgaben, die Thomas Huber in der Gemeinde umtreiben. Die Frage, die damit in Zusammenhang steht, ist auch, ob es sinnvoll und möglich ist, das, was aktuell vor der Burg „unorganisiert“ passiert, „organisiert“ in die Burg zu holen. Dabei steht auch die Frage im Raum, wie sich die evangelische Kirche in der Geyerburg ihr Selbstbild bewahren kann und den Unterschied zur kommunalen Jugendarbeit herausarbeiten wird. Aktuell befindet sich die Burg zwischen Jugendtreff und Glaube und das passt irgendwie zur Geschichte des Baus. Der hat im Laufe der Jahrhunderte ganz unterschiedliche Bewohner gesehen.

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