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Landkreis Augsburg

19.01.2020

Fehlende Medikamente: Apotheker aus der Region schlagen Alarm

Dr. Franz Willer von der Paracelsus-Apotheke in Schwabmünchen hat wie viele seiner Kollegen auch damit zu kämpfen, dass viele Medikamente nicht lieferbar sind.
Foto: Norbert Staub

Plus Auch in der Region bekommen Kranke oft nicht die Arznei, die ihnen der Arzt verschrieben hat. Wie Apotheker versuchen, das Problem zu lösen.

Die Patienten sind verärgert, die Apotheker genervt – der Mangel an Medikamenten ist auch in unserer Region spürbar.

„Ich bin jetzt schon 30 Jahre im Geschäft, aber solche Probleme hatten wir noch nie“, sagt Dr. Franz Willer von der Paracelsus-Apotheke in Schwabmünchen: „Die Situation hat sich von Jahr zu Jahr verschlechtert, und inzwischen gibt es rund 200 gängige Medikamente, die nicht mehr lieferbar sind, darunter auch Arzneien wie Blutdruck- oder Schmerzmittel.“ Der Schwabmünchner Apotheker spricht von einem „untragbaren Zustand“.

Ähnlich sieht es bei der Marien- Apotheke in Großaitingen aus. Inhaber Hubert Mayr: „Es gibt zahlreiche Engpässe, vor allem bei Blutdruckmitteln oder Schilddrüsenhormonen.“ Insbesondere bei dem weitverbreiteten Blutdrucksenker Candesartan gäbe es immer wieder Engpässe bei bestimmten Packungsgrößen. „Dann muss man beim Arzt nachfragen, ob es auch mit einer anderen Größe geht, und das kostet Zeit und Nerven“, so Mayr.

Apotheker: Wie in der Planwirtschaft

Viele Medikamente kämen nur noch in bestimmten Kontingenten in seiner Apotheke an, berichtet der Schwabmünchner Dr. Franz Willer, sodass es oft hinten und vorne nicht mehr reicht: „Ich komme mir bei den Zuteilungen vor wie in der Planwirtschaft. Das ist schon verrückt, was da so alles abgeht.“ Bestimmte Medikamente seien oft monatelang nicht lieferbar.

Die Versorgung sei chaotisch, und beim Großteil der ausgestellten Rezepte gäbe es Probleme, berichtet Willer. Nicht nur, dass bestimmte Produkte nicht lieferbar sind – den Apothekern machen auch die „Rabattarzneimittel“ zu schaffen. Dabei haben Krankenkassen und Arzneimittelhersteller Rabatte vereinbart, sodass man dem Patient ein bestimmtes Mittel geben muss. „Und wenn die Rabattarzneimittel nicht lieferbar sind, dann verdienen wir nichts mehr an den Medikamenten“, so Willer.

Wenn ein Medikament nicht vorhanden ist, fragen die Apotheken oft bei Kollegen nach. „Doch wenn es wie jetzt Lieferengpässe gibt, hilft das meist auch nicht weiter“, sagt Willer. Er empfiehlt Patienten, beim Arzt nachzufragen, welches andere Medikament man geben könne: „Und wenn der Patient das wünscht, fragen wir auch selber beim Arzt nach.“

Soll ein Medikament schnell besorgt werden können, dann würde es auch zu den Patienten gefahren. „Einen solchen Fahrdienst bieten wir schon seit vielen Jahren an“, sagt Dr. Franz Willer.

Soll man Medikamente horten?

Nichts hält er von dem Vorschlag, Medikamente zu horten: „Das würde die Situation ja noch zusätzlich verschärfen. Und außerdem können die Ärzte nicht über den Bedarf hinaus Medikamente verschreiben.“

Eine andere Möglichkeit, die immer wieder ins Gespräch gebracht wird, ist ein Informations- und Warnsystem. Apotheker Hubert Mayr aus Großaitingen: „Das löst natürlich das Problem nicht, dass bestimmte Medikamente nicht lieferbar sind. Aber für die Ärzte wäre so etwas sicherlich nicht schlecht, weil sie dann schon überlegen könnten, welche alternativen Medikamente sie verschreiben können.“

Die Gründe für die derzeitigen Probleme liegen für den Schwabmünchner Apotheker Dr. Franz Willer auf der Hand: „Die Globalisierung hat dazu geführt, dass die Herstellung der Arzneimittel nur noch auf wenige Länder wie Indien oder China konzentriert sind. Und wenn dann ein großer Hersteller wie bei der Herstellung des Schmerzmittels Ibuprofen ausfällt, dann wird es schnell eng.“

Außerdem sei das Preisniveau selbst in Europa sehr unterschiedlich, und da liege Deutschland inzwischen eher im unteren Drittel: „Und es ist ja klar, dass die Großhändler lieber in den Ländern ihre Medikamente verkaufen, in denen sie einen höheren Preis erzielen.“ Gibt es denn überhaupt Lösungsmöglichkeiten? „Meiner Meinung nach sollte jedes Land in der Lage sein, sich selber mit Medikamenten zu versorgen“, sagt Willer. Einheitliche Preise wenigstens im EU-Raum zu schaffen, hält er für illusorisch: „Das ist allein schon wegen der unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze in den Ländern nicht machbar.“ Auch sein Kollege Hubert Mayr blickt wenig zuversichtlich in die Zukunft: „Die Ursachen für die Probleme wie Globalisierung, Konzentration auf wenige Hersteller und Rabattverträge lassen sich nicht von heute auf morgen beseitigen.“

Die Wertachkliniken in Schwabmünchen und Bobingen beziehen Medikamente über die Apotheke in der Uniklinik Augsburg. „Bisher gibt es bei uns keine Probleme. Die Versorgung läuft grundsätzlich gut“, sagt Dr. Helmut Probst, Oberarzt der Inneren Medizin in Schwabmünchen."

Lesen Sie auch den Kommentar von Matthias Schalla: Die Sorge um die Gesundheit macht krank

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