Königsbrunn

15.05.2013

Flucht aus der Diktatur

Die Klasse 10a der Via-Claudia-Realschule in Königsbrunn hatte als Zeitzeugen zum Thema DDR-Regime den ehemaligen Häftling Rainer Schneider (Mitte rechts) zu Besuch.
Bild: Andrea Collisi

Ein Exhäftling des DDR-Regimes berichtet über sein Schicksal.

Mit 17 Jahren wurde Rainer Schneider beim Versuch, aus der DDR zu fliehen, verhaftet. Mitwisser hatten ihn verraten. Die Staatssicherheit nahm ihn fest, noch bevor er auf dem Heimatbahnhof in Erfurt in den Zug steigen konnte. Er war auf dem Weg zu seiner Freundin in Dresden und wollte dann über die damalige Tschechoslowakei in den Westen ausreisen. In seinen ersten Verhören, in denen er als Rädelsführer einer antikommunistischen Gruppierung angeklagt war, war er geneigt, „alles zu sagen, was die hören wollten“, obwohl er nicht mal wusste, wovon die Beamten sprachen. Gruppe?

In der Via-Claudia-Realschule in Königsbrunn fragte Rainer Schneider jetzt Schüler: „Wann beginnt bei euch eine Gruppe?“ Also mindestens drei müsse man wohl sein, kommt als Antwort. Aha, ob die Schüler etwas merken würden, macht er sie aufmerksam. Und weiter erklärt er ihnen, in einer Diktatur werde man nicht nach Tatbestand verhaftet und angeklagt. Die Tat würde passend gemacht.

Da stand bei ihm „Schwerer bewaffneter Grenzdurchbruch“, obwohl er nicht mal den Zug bestiegen hatte. Die Anklageform wie auch das Urteil standen bei Festnahme bereits fest: „Was die Stasi den Gerichten als Urteil festsetzte, wurde auch vom Richter unterschrieben.“ Das ist der Unterschied zur Demokratie.

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Immer wieder versucht Rainer Schneider den Schülern vor allem die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur deutlich zu machen. Er erzählt von der Art, wie bereits Kinder im Kindergarten auf geschickte Art ausspioniert worden seien, ob zum Beispiel zu Hause Westfernsehen geschaut werde. Einen Beruf nach eigenem Wunsch habe man meist nicht wählen können.

Schneider berichtet den erstaunten Zehntklässlern von dem Auslöser, der bei ihm bewirkt hätte, die Bevormundung nicht weiter hinzunehmen: Beim Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt in Erfurt damals wäre für die Bürger die Innenstadt abgeriegelt gewesen. Nur hundertprozentig Parteitreue wären als Randfiguren zugelassen gewesen.

So kam es zu seinem Fluchtversuch und der Verhaftung im Jugendgefängnis in Erfurt. Dort war er erst einmal mehrere Tage in Einzelhaft. Allein in der Zelle, allein im Hof. Er durfte nichts tun, nichts lesen, sollte bei Licht und in einer bestimmten Liegeweise, „auf dem Rücken, Kopf zur Tür gerichtet, Hände sichtbar, flach neben dem Körper“, schlafen. Ständig schaute ein Wärter durch den Türspion. „Da kann man nicht schlafen, und der Schlafentzug ist das, was einen mürbe und gefügig macht.“

Das sei auch der Sinn, der dahinterstecke, erklärt der Zeitzeuge den Schülern. Nach solchem Psychoterror sei man schon ganz schön weichgeklopft.

Zehn Monate Haft statt der zu erwartenden vier Jahre

Bei der eigentlichen Verurteilung habe er Glück gehabt. Da seine Mutter bereits seit längerer Zeit im Westen gelebt hatte und hier die Behörden eingeschaltet hatte, bekam er einen Rechtsanwalt, der als sogenannter Unterhändler fungierte. Zudem hatte der Richter, der ihn verurteilen sollte, seine allerletzte Verhandlung vor seiner Pensionierung. Er bekam nur zehn Monate statt der zu erwartenden vier Jahre. Viel Geld habe die BRD der DDR für solche Ergebnisse gezahlt: „Der Staat dort hat seine Bürger regelrecht verkauft!“

Nach der Haftentlassung musste Schneider noch zwei Jahre warten, bevor er in den Westen ausreisen konnte. Seit 1974 wohnt er in München. Neben seinem kaufmännischen Betrieb, den er hat, engagiert er sich wie viele andere Zeitzeugen in der „Bundesstiftung Aufarbeitung“ dafür, dass auch die nachkommenden Generationen sensibilisiert würden, immer wieder über den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur nachzudenken. Schneider: „Das ist mir ein Anliegen, dass ihr immer wieder nachdenkt, bevor ihr einer Propaganda nachrennt.“

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