Newsticker

RKI meldet am Sonntag 14.611 neue Corona-Fälle
  1. Startseite
  2. Lokales (Schwabmünchen)
  3. Flüchtlingshelfer zwischen Frust und Harmonie

Landkreis

06.11.2017

Flüchtlingshelfer zwischen Frust und Harmonie

Weniger Asylbewerber als vor zwei Jahren kommen nach Deutschland. Die Ehrenamtlichen in Helferkreisen engagieren sich nicht mehr. Dabei fängt ihre Arbeit jetzt erst so richtig an.
Bild: Km Asad/Zuma Wire, dpa

Weniger Asylbewerber als vor zwei Jahren kommen nach Deutschland. Die Ehrenamtlichen in Helferkreisen engagieren sich nicht mehr. Dabei fängt ihre Arbeit jetzt erst so richtig an.

Um die Übersicht zu behalten, führt Gertrud Mayershauser einen Terminkalender: zwei Arztbesuche, Hausaufgabenbetreuung, anschließend Mutter-Kind-Turnen. Mehrere Stunden am Tag kümmert sie sich in Horgau um insgesamt 25 Flüchtlinge. „Der Helferkreis ist seit der ersten Welle merklich geschrumpft. Dabei fängt die Integration jetzt erst so richtig an“, sagt Gertrud Mayershauser.

Obwohl inzwischen weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen, bleiben die Probleme und Herausforderungen in der Flüchtlingsarbeit bestehen – sie sind nicht einfach verschwunden. Deutlich wurde das bei einem Treffen engagierter Helfer im Meitinger Bürgersaal. Die Ehrung ihrer Hilfe, eigentlicher Anlass der von SPD-Politiker Herbert Woerlein organisierten Veranstaltung, rückte schnell in den Hintergrund. Im Austausch untereinander stellten die Anwesenden fest: Die Arbeit mit und für die Flüchtlinge hat sich gewandelt.

Der große Schritt der Integration

Standen anfangs noch elementare Grundbedürfnisse wie Essen und ein Dach über dem Kopf an erster Stelle, gelte es jetzt, den großen Schritt der Integration zu gehen. Meitingens Bürgermeister Michael Higl geht von einem Prozess aus, der „nicht von oben verordnet werden kann“. Woerlein schätzt, dass diese Arbeit noch zwei bis drei Jahrzehnte andauern werde. Um die Eingliederung in die Gesellschaft nicht dem Zufall zu überlassen, gelte es Angebote zu schaffen, für Begegnungen zu sorgen, Kurse anzubieten.

Einen solchen Kurs absolviert derzeit Musa Desta. Der 22-Jährige kommt ursprünglich aus Eritrea, lebt seit drei Jahren in Deutschland und ist anerkannter Flüchtling. Deutsch spricht er gut, in seiner Zukunft möchte er als Lagerarbeiter seinen Unterhalt verdienen. Dafür büffelt er am Beruflichen Fortbildungszentrum in Augsburg, macht seinen Staplerführerschein. Er wohnt zur Miete bei Angelika Holme in Zusmarshausen. Nachdem das Bobinger Flüchtlingsheim geschlossen wurde, hatte es Desta in die Notfallunterkunft nach Königsbrunn verschlagen. Die 70-jährige Holme nahm ihn bei sich auf.

Die ehemalige Lehrerin unterrichtete in der Flüchtlingsunterkunft, in der auch Desta zunächst wohnte, Deutsch. „Noch nie hatte ich so viele aufmerksame Schüler“, sagt sie. Betroffen sei sie, dass, obwohl die Bemühungen zu sehen seien, es oft Probleme mit Behörden gebe. „Wenn selbst ich mit Hochschulstudium das fünfseitige Formular nicht ausfüllen kann, wie soll er es schaffen?“, fragt sie sich. Sie möchte nicht von Verzweiflung sprechen, sagt aber: „Oft schwanke ich zwischen Wut und Weinen.“

Neid und Frustration

Die Unterstützung abbrechen möchte weder Holme noch der Helferkreis in Horgau. „Wir sind wie eine Familie, sie nennen mich Mama“, erzählt Gertrud Mayershauser. Doch nicht immer gehe es harmonisch zu, berichtet ihr Mitstreiter Klaus Böhme. Neun junge Männer, die in der Unterkunft im Ortsteil Horgau Bahnhof leben, kommen aus Senegal, Mali und Gambia. Ihre Aussicht, in Deutschland anerkannt zu werden, ist eher gering. Weil die anderen beiden Familien aus Eritrea stammen, komme ein gewisser Neid auf. „Es ist frustrierend, weil sie teilweise trotz Lehrstellen schlechte Chancen haben“, sagt Böhme. „Man hangelt sich von einer Duldung zur nächsten.“

Kritisch sieht Frank Geiger vom Helferkreis die Situation in Thierhaupten. Seit zwei Monaten leben dort sechs Familien. „Integration am Ortsrand funktioniert nicht. Denn Integration gelingt hauptsächlich durch Begegnungen“, sagt er. Welche Hilfe man anbiete, hänge zudem von der Bevölkerung ab. „Wir wollen keine Hilfe verlangen, die nicht gestemmt werden kann“, erklärt er. Als Beispiel nennt er den Sport: „Ein Flüchtlingsmädchen wollte Tennis spielen, doch wer zahlt den Beitrag und das Equipment? Wie schaffen wir es, alle gleich zu behandeln?“

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren