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Königsbrunn

25.03.2019

Kinofilm Sandmädchen: Überwältigende Einblicke in die Seele

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2 Bilder
Sandmädchen Film Dokumentation Königsbrunn"Sandmädchen" ist der zweite Film über das Leben von Veronika Raila.
Bild: worklights media Production/Mark Michel

Nach der „Heimpremiere“ des Films „Sandmädchen“ von und mit der Königsbrunnerin Veronika Raila ringen viele Besucher um Fassung. Was sie ihr zu sagen haben.

„Auf meinem Stein steht dann geschrieben: „war aus Sand, wurde wieder dazu“. Mit diesen Worten endet der Film „Sandmädchen“ und geschrieben hat diese eindringlichen Sätze die Hauptdarstellerin Veronika Raila. Nach 84 Minuten herrschte im Kino 1 des Cineplex nach der Vorführung absolute Stille. Obwohl der Saal voll besetzt war, rührte sich niemand und der gesamte Abspann lief ebenfalls noch in dieser Ruhe ab. Niemand stand auf, niemand verließ den Saal und niemand sprach mit seinem Nachbarn.

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Alle Besucher, einschließlich der Organisatorin der Matinee, Kulturbüroleiterin Ursula Off-Melcher saßen da und versuchten sichtlich das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten und auch ihre Fassung wieder zu erlangen. Die konnte man relativ leicht immer wieder während der Vorführung verlieren. Denn dieser Film ist ein Mut machendes Werk und soll Menschen Einblicke in die Gefühlswelt und Gedanken von „Vroni“, wie sie liebevoll von ihrer Familie und Freunden genannt wird, geben.

Viele Wegbegleiter der 27-Jährigen, wie auch ehemalige Lehrer sowie ihr heutiger Professor von der Universität Augsburg, waren zur Erstausstrahlung in der Brunnenstadt gekommen. Hier lebt Veronika Raila mit ihren Eltern und wer bisher nur das Äußere der jungen Frau kannte, ist vom Reichtum ihrer Innenwelt mit Sicherheit überrascht, wenn nicht gar überwältigt.

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Nach Sandmädchen gibt es keine Fragen, nur Dank

Das zeigten auch die Reaktionen der vielen Menschen im Publikum, die im Anschluss an den Film keine Fragen hatten, sondern sich einfach nur bedankten. Bei Veronika selbst, bei den Eltern, die die intimen Einblicke in den ganz normalen Alltag ebenfalls gestatteten und beim Filmemacher Mark Michel. Der beließ es nämlich nicht dabei, einfach nur Aufnahmen zu drehen, darüber wie Vater Uwe Raila beispielsweise seine Tochter sanft im Gesicht eincremt. Oder Mutter Petronilla die Hand ihrer Tochter umfasst, damit diese ihre eigenen Konturen wahrnehmen kann, und damit die Möglichkeit hat ihre Mitteilungen in den Computer zu tippen.

Zusammen mit Vroni als Co-Autorin hat Michel ein Werk geschaffen, dass es vermag, zum Wesen der an Autismus erkrankten jungen Frau vorzudringen und in ausdrucksstarken Bildern und Texten umzusetzen. Die Texte stammen ebenfalls von seiner Hauptdarstellerin und erscheinen im Film teilweise als Schrift oder werden nachgesprochen.

Autoren-Besprechungen per Mail und bei Besuchen

Auch zu den gezeigten Landschaftsaufnahmen hat die 27-Jährige ihre Vorstellungen mitgeteilt, wie Michel gegenüber unserer Zeitung erklärte: „Wir haben uns per E-Mail verständigt, ich war aber auch immer wieder in Königsbrunn zu Besuch, dann haben wir uns besprochen.“ Er bescheinigt seiner Co-Autorin ein äußerst sensibles und feinfühliges Wesen, sie sei eine faszinierende und starke Persönlichkeit und wahnsinnig komplex.

Davon konnten sich die Zuschauer auch selbst überzeugen. Das Eintauchen in die Gedankenwelt von Vroni ist eine Reise in die Poesie. „Schreiben ist ein Ventil, wie eine Droge, beim Schreiben kann ich meinen Körper verlassen, lebe in einer Geschichte, blühe auf und sterbe danach“, sagt beziehungsweise lässt Veronika sagen. Sie sei aus Sand, nicht stabil und bröselig, immer wieder zerbreche sie in tausend Einzelteile, die Konturen verwischen ständig und müssen wieder neu aufgebaut werden.

Sandmädchen ist eine Liebeserklärung an die Eltern

All das ist schon sehr bemerkenswert, der Film ist aber auch zugleich eine Liebeserklärung der jungen Frau an ihre Eltern und vor allem auch an ihre Mutter. Vroni schildert ihre Ängste, weil sie sich nicht ausdrücken kann, sie merkt schon als ganz kleines Kind, dass ihr Körper einfach nicht umsetzt, was sie möchte. Sie hat Angst, weil sie eingeschlossen ist und nicht rauskommt aus diesem Gefängnis. Sie fleht durch ihre Augen ihre Bezugspersonen an, doch zu sehen, dass sie sehr wohl da ist. „Der Sand schrie: „Liebe Mama, siehst du mich denn nicht, ich habe mich nicht versteckt, ich liege unter dem Kies!“ Und hat Erfolg – auch weil die Oma anfängt ihre Enkelin, wie jedes andere Kleinkind, an Farben heranzuführen. Trotz der Aussage des Arztes nach der Geburt, das Kind könne man weglegen, da sei nichts da.

Dass Veronika da ist und auch nicht weggelegt wurde, sondern ganz in Gegenteil im Mittelpunkt der Familie Raila steht, davon legt dieser bewegende Film ein eindrucksvolles Zeugnis ab. Am Ende des Werkes war sie auch persönlich da und hat Fragen beantwortet, wie beispielsweise nach ihren Gefühlen während der Dreharbeiten: „Wie ein Schwert habe ich die Kameralinse empfunden und das Team war sehr chaotisch für mich. Ich wusste nicht, wo wer war und musste mir eine dicke Haut zulegen.“ Vom Sternzeichen her sei sie Fisch, was auch gut zur ihrer Liebe zum Wasser und sich darin aufzuhalten passt.

Ihre Antworten, schrieb Veronika auf dem Tablet und ihre Mutter las diese laut vor. Ebenfalls als Dolmetscherin für deutsche Gebärdensprache, war Michaela Möckl im Einsatz.

Königsbrunner erleben auch ein barrierefreies Kinoerlebnis

Den Dokumentarfilm, der bereits mehrfach ausgezeichnet wurde, gibt es sowohl mit Untertiteln oder auch als blindengerechten Hörfilm (durch Audiodeskription). Über die kostenlose App Greta & Starks wird so ein „Barrierefreies Kinoerlebnis“ ermöglicht. Barrieren überwinden, darin ist Veronika Raila sehr geübt. Sie ist eine zarte Person, die aber ganz genau weiß, was sie möchte und setzt das auch so gut es geht um. Sie ist angekommen in ihrem eigenen Leben und fühlt sich beschützt in der Bibliothek der Universität Augsburg, wo sie die Bücherreihen als „Mauern des Wissens“ bezeichnet und sagt auch: „Das Leben ist eine wunderbare Sache, wenn man es leben kann.“

Mehr zum Hintergrund des Films lesen Sie hier Heimpremiere für einen tiefgründigen Film

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