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Mickhausen

21.01.2021

Kunst-Krimi führt von Münster nach Budapest

Durch kriminelle Machenschaften eines königlichen Beamten gelangte der gotische Flügelaltar der Münsterer Kirche Mitte des 19. Jahrhunderts in den europäischen Kunsthandel.
Foto: Wolfgang Kleber

Plus Vor 150 Jahren verschwand der gotische Altar aus einer Kirche in Münster. Durch kriminellen Machenschaftenlandete der Kunstschatz in Budapest.

Er würde heute zu den bedeutendsten und wertvollsten Kunstschätzen im ganzen Landkreis Augsburg zählen: der gotische Flügelaltar der Filialkirche St. Benedikt und Vitus in Münster (Gemeinde Mickhausen).

Durch kriminelle Machenschaften eines königlichen Beamten Mitte des 19. Jahrhunderts in den europäischen Kunsthandel gelangt, hängen die vier Bildtafeln heute im Museum der Bildenden Künste am Heldenplatz in Budapest. Für die Münsterer Kirche sind die wertvollen Tafeln wohl für immer verloren.

Münster: Kulturbeamter trickste Pfarrer aus

Um das Jahr 1480 von den Memminger Brüdern Hans und Ivo Strigel geschaffen, zierte der Flügelaltar mehr als 350 Jahre lang die kleine Münsterer Kirche, die ihrerseits eines der ältesten Gotteshäuser im Augsburger Land ist. 1854 – eine andere Quelle nennt das Jahr 1835 – wurde der Altar durch die Manipulation eines königlichen Kulturbeamten, des damaligen Direktors Eigner der Staatlichen Gemäldegalerie in Augsburg, der Kirche abgeschwatzt.

Durch kriminelle Machenschaften eines königlichen Beamten gelangte der gotische Flügelaltar der Münsterer Kirche Mitte des 19. Jahrhunderts in den europäischen Kunsthandel.
Foto: Wolfgang Kleber

Mit der falschen Signatur des damals hoch im Kurs stehenden Malers Zeitblom, einem zeitgenössischen Maler der Ära Strigel, versehen und nach Fälschung der Datierung gelangte er in den Kunsthandel. Eigner hatte den Ortspfarrer für den damals neu aufkommenden Stil begeistert und damit den alten Altar für sich gewonnen. 1872 gelangten die beiden noch erhaltenen Flügel des Münsterer Altares dann nach Ungarn.

Altar stammt von Memminger Künstlerfamilie

Die Forschung weist den auf Goldgrund gemalten Flügelaltar der schwäbischen Künstlerfamilie der Strigel aus Memmingen zu, die, bereits um 1430 in Memmingen erstmals nachgewiesen, durch ihre verschiedenen Mitglieder einen reichen Schatz bedeutender Kunstwerke aus der Epoche des Übergangs von der Spätgotik zur Renaissance überliefert hat. Hans Strigel der Jüngere (zwischen 1450 und 1479 urkundlich belegt, gestorben um das Jahr 1485) und sein Bruder Ivo Strigel (1430 bis 1516), beide Söhne des Hans Strigel des Älteren, fertigten den aus Fichtenholz gearbeiteten Altar – landläufig auch als die "Strigel-Tafeln" bezeichnet - um das Jahr 1480.

Mehr als 350 Jahre lang zierte der gotische Flügelaltar die Münsterer Kirche St. Benedikt und Vitus.
Foto: Wolfgang Kleber

Die Strigel-Brüder waren jüngere Zeitgenossen Matthias Grünewalds, Hans Holbeins des Älteren und Albrecht Dürers. Zwar wird der Altar als ein gemeinsames Werk den beiden Brüdern zugeschrieben, doch darf wohl angenommen werden, dass Hans der Jüngere Schöpfer der beiderseits bemalten Altarflügel gewesen ist, während Ivo wohl die im Mittelteil des Altares anzunehmenden Holzfiguren geschaffen hat, da er sich in seinen anderen Werken als Bildhauer ausweist. Über das Schicksal dieser Figuren ist nichts bekannt. Vermutlich wurden sie beim Abtransport des Altares als Einzelstücke unwiederbringlich in alle Winde zerstreut.

Geschlossen zeigen die Altarflügel den Tod Mariens. Die Muttergottes steht sterbend am Betpult, während die zwölf trauernden Apostel in Gebetshaltung um sie stehen oder sitzen. Das Bild gewährt interessante Einblicke in eine Bürgerstube der Spätgotik. Die Zeit liebte das Thema des Marientodes; sie sah darin ein Trostbild im Hinblick auf das eigene Sterben.

Altarbilder würden zu wertvollsten Schätzen im Kreis Augsburg zählen

Geöffnet ist auf dem linken Flügel der Evangelist Johannes zu sehen. Er hält seine rechte Hand über den Giftbecher, dem eine Schlange entsteigt. Links und rechts von Johannes stehen die Kirchenlehrer Augustinus und Papst Gregor der Große. Der geöffnete rechte Altarflügel zeigt Johannes den Täufer in der Mitte. Zu seinen beiden Seiten erkennt man Florian, der ein brennendes Haus löscht, und den Märtyrer Sebastian. Die der Münsterer Kirche verloren gegangenen Altarbilder würden heute zu den wertvollsten Kunstschätzen des Landkreises Augsburg zählen. Lediglich Reproduktionen der historischen Altarflügel sind heute in der Kirche zu bewundern.

Die vier Tafeln des ehemaligen Münsterer Flügelaltares befinden sich heute im Museum der Bildenden Künste am Heldenplatz in der ungarischen Hauptstadt Budapest.
Foto: Wolfgang Kleber

Info Die Münsterer Kirche St. Benedikt und Vitus ist nur bei den wenigen Gottesdiensten geöffnet, ansonsten das ganze Jahr geschlossen. Interessierte Besucher wenden sich an Mesnerin Martha Hafner, Ulrichstraße 1, Telefon 08204/428.

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