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Prozess in Augsburg

15.06.2019

Liebespaar verprügelt und würgt Mann mit Behinderung

Nur noch mit Rollator gehen kann ein schwer kranker Mann, nachdem er von einem Pärchen im eigenen Garten verprügelt wurde. Nun wurden beide verurteilt.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Im eigenen Garten wird ein Mann von einem Pärchen beleidigt, zu Boden gestoßen und gewürgt. Seit diesem Vorfall ist das Opfer auf einen Rollator angewiesen.

Die Tür zum Gerichtssaal geht auf, ganz langsam geht der Mann durch die Türe. Der 46-Jährige ist auf seinen Rollator angewiesen. Als er sich setzen will, rückt der Gerichtsschreiber noch den Stuhl zurecht. In diesem Moment ist es im Saal 108 am Augsburger Amtsgericht komplett ruhig. Staatsanwalt Konstantin Huber spricht später in seinem Plädoyer von einem „desolaten Zustand“ des 46-Jährigen. Einem Mann, der an einer Nervenkrankheit leidet und dessen Gesundheitszustand sich seit der verhängnisvollen Attacke eines Liebespaares dramatisch verschlechtert hat. Und das im letzten Moment einer Gefängnisstrafe entgeht.

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Rückblick: Es ist Sommer 2018. Ein 45-jähriger Mann und seine 47-jährige Verlobte stehen vor dem Einfahrtstor eines Hauses im Landkreis Augsburg. Sie sind aufgebracht, der Mann rüttelt vehement am Eisentor. Er springt darüber, seine Frau zwängt sich durch einen Spalt hindurch. Der Angeklagte stürmt auf den zu 100 Prozent schwerbehinderten Mann im Garten zu. Dieser will gerade zu dem Pärchen am Gartentor gehen, ist aber wegen seiner Erkrankung nicht besonders schnell. Er ist damals noch nicht auf einen Rollator angewiesen, gehen kann er trotzdem nur langsam.

Ein Mann und seine Verlobte würgen schwerbehinderten Mann im Garten

Der 45-Jährige soll ihn laut Anklage an den Schultern gepackt und geschüttelt haben. Zusammen mit seiner Verlobten, die ebenfalls angeklagt ist, werfen sie den erkrankten Mann zu Boden. Der Angeklagte würgt das Opfer, drückt ihm sekundenlang die Luft ab. Dann lassen sie von ihm ab. Kurze Zeit später ist die Polizei vor Ort.

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Der Geschädigte erinnert sich vor Gericht nur noch vage an die Geschehnisse vor fast einem Jahr. Er leide seit dem Vorfall unter anderem an Gedächtnisstörungen. Er erinnere sich noch, dass die beiden Angeklagten damals sofort auf ihn losgegangen seien und ihn unter anderem als „Krüppel“ beschimpft hätten. Bei der anschließenden Schlägerei habe er nicht viele Chancen gehabt, sich zu wehren, sagt der 46-Jährige vor Gericht aus. Er hatte laut Attest eine Jochbein- und Schädelprellung, dazu Kratzspuren am Körper. Hinzu kommt ein extremer Schub seiner Nervenerkrankung.

Angeklagte behaupten, dass sie eine junge Frau aus dem Haus befreien wollten

Eine Zeugin, die alles vom Haus aus beobachtete und die Polizei verständigte, bestätigt vor Gericht den Ablauf des Vorfalls. Ganz im Gegensatz zu den beiden Angeklagten. Sie schildern vor Gericht eine komplett andere Version jenes Sommertages – und halten daran lange Zeit fest. Eine 23-jährige Frau habe damals zur Miete in einem Zimmer des Hauses gewohnt. Diese Frau sei für sie wie eine Tochter gewesen, schilderte die 47-jährige Angeklagte vor Gericht. Sie sei längere Zeit mit deren Vater zusammen gewesen. Die junge Frau, die seit einem Unfall schwer erkrankt ist, werde eingesperrt und könne das Haus nicht verlassen. Wegen dieses angeblichen Hilferufs sei die Angeklagte mit ihrem Verlobten zu dem Anwesen gefahren.

Dort angekommen, brach ein Streit vom Zaun. Der 46-Jährige, ein Bekannter der Angeklagten, habe diese beleidigt und sie grob an den Oberarmen gepackt. Als ihr Verlobter ihn wegschubste, sei der schwer kranke Mann gestolpert und über ein Fahrrad gestürzt. Der Angeklagte wollte dem 46-Jährigen aufhelfen, doch dieser schlug ihm auf die Nase und ließ sich erst nach längerer Zeit wieder beruhigen. Die Beleidigungen stritten die Angeklagten vor Gericht ebenfalls ab, die körperliche Auseinandersetzung diente lediglich dem eigenen Schutz.

Geständnis bewahrt beide Angeklagte vor dem Gefängnis

Nach zwei Stunden gibt es auf Initiative von Richterin Susanne Scheiwiller ein Rechtsgespräch, in dem den Angeklagten bei einem Geständnis jeweils eine Freiheitsstrafe auf Bewährung in Aussicht gestellt wurde. In Absprache mit ihren Verteidigern Stefan Hägele und Florian Schraml geben die Angeklagten die Taten zu und verwerfen ihre Version des Sommertages.

Staatsanwalt Huber sagt, dass ein behinderter Mensch besonders schutzwürdig sei. Er fordert für den mehrfach vorbestraften 45-jährigen Angeklagten eine Bewährungsstrafe von 21 Monaten. Verteidiger Schraml hält hingegen 18 Monate für angemessen. Die Angeklagte soll laut Huber eine zwölfmonatige Freiheitsstrafe erhalten.

Scheiwiller verurteilt den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von 19 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Zudem muss er eine Geldbuße von 500 Euro zahlen und 150 Sozialstunden leisten. Seine Verlobte erhält eine zwölfmonatige Bewährungsstrafe und muss 60 Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten. Die Angeklagten spielten laut Scheiwiller massiv mit ihrer Freiheit und nutzten die Reißleine eines Geständnisses.

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15.06.2019

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