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Musikalischer Adventskalender

28.11.2019

Türchen 1: Schiff Ahoi

Meerstern ich grüße dich – der Advent beginnt maritim.

Ein Schiff wird kommen, und das bringt mir den einen, den ich so liebe wie keinen und der mich glücklich macht“, sang die griechische Schauspielerin Melina Mercouri in dem Film „Sonntags…nie!“.

Heute ist Sonntag. Nicht irgendein Sonntag, sondern der erste Advent, und der 1. Dezember noch dazu. Advent, das bedeutet Ankunft. Christen bereiten sich ab heute auf die Ankunft Jesu vor. Auch für die weniger gläubigen Menschen beginnt die Weihnachtszeit. Auf irgendetwas muss man sich ja freuen, sei es auf die freien Tage, die Geschenke, das gute Essen oder einen schönen Abend im Kreise der Familie.

Was Schiffe mit dem Advent zu tun haben

Ist Ihr Haus schon dekoriert? Mit Tannenzweigen, Sternen, Lichterketten, Räuchermännchen und Schiffen? Moment mal, Schiffe? Die gehören doch nicht zur Weihnachtsdekoration. Schade eigentlich, denn das Schiff ist ein wunderbares Symbol der Erwartung und der Ankunft. „Es kommt ein Schiff, geladen“ heißt ein sehr altes und sehr stimmungsvolles Adventslied. Die Melodie ist langsam und getragen, und sie weist eine Besonderheit auf: Die beiden ersten Zeilen jeder Strophe stehen im 6/4-Takt, die beiden letzten im 4/4-Takt. Dieser Wechsel gibt dem Lied etwas Geheimnisvolles und Archaisches.

Ein weihnachtlich dekoriertes Schiff, dass auf dem Tegernsee fährt.
Foto: dpa

Alles andere als modern ist auch der Text.

„Es kommt ein Schiff, geladen / bis an sein' höchsten Bord
trägt Gottes Sohn voll Gnaden / des Vaters ewig's Wort“

So lautet die erste Strophe. Diese und die beiden folgenden Strophen des Liedes sind womöglich 600 Jahre alt. Sie werden dem Dominikanermönch und Mystiker Johannes Tauler zugeschrieben, der um 1300 in Straßburg geboren wurde. Damals gab es noch keinen Christbaum, keine Geschenke und keine Weihnachtsmusik aus dem Radio. Christi Geburt war kein fröhliches Familienfest, sondern wurde in der Kirche begangen, feierlich und ohne die zahlreichen bunten Bräuche, die später hinzukamen.

Der Dichter nutzt Symbole

Daher ist in dem Lied auch nicht von Engeln und Hirten, von Ochs und Esel, von Gold, Weihrauch und Myrrhe die Rede. Die Bedeutung dessen, der da kommen soll, drückt der Dichter in Symbolen aus:

Das Schiff geht still im Triebe / es trägt ein’ teure Last
das Segel ist die Liebe / der Heilig’ Geist der Mast
Der Anker haft' auf Erden / da ist das Schiff am Land
Das Wort tut Fleisch uns werden / der Sohn ist uns gesandt.

So sprechen wir heute nicht mehr. Aber ist das ein Problem? Dass die Ankunft eines Schiffes Verheißung bedeutet, ist auch in unserer Zeit noch verständlich, auch wenn nur wenige von uns sehnsüchtig am Hafen stehen, um die Ankunft geliebter Menschen oder lebenswichtiger Güter zu erwarten. Im Mittelalter wurde die schwangere Maria mit einem Schiff verglichen, in dessen Bauch Jesus zu den Menschen kommt. „Stella maris“ – Meerstern – wurde Maria auch genannt. Die Engländer singen zu Weihnachten ebenfalls ein altes Lied über Schiffe „I Saw Three Ships“, heißt es. Hier segeln vielleicht die drei weisen Sterndeuter aus dem Orient über das Meer nach Betlehem.

Freddy Quinn sang von St. Niklas als Seemann.


Ein bisschen von der Erwartung klingt noch nach in dem Film-Evergreen „Ein Schiff wird kommen“. Der Schlagersänger und Hobbymatrose Freddy Quinn behauptete 1972 sogar ganz frech, St. Niklas sei ein Seemann gewesen und sang darüber ein Lied, dessen Text ganz bestimmt von dem hier vorgestellten angeregt wurde:

Ich hab' ein Schiff gesehen in einer Winternacht
aus Silber war das Segel / aus Gold der Mast gemacht
vielhundert Kerzen brannten / ich sah den Steuermann
da wusst' ich, dass ich Weihnacht zu Hause feiern kann.

Zwar war der heilige Nikolaus Bischof und kein Kapitän, aber immerhin ist er der Schutzheilige der Seeleute. In alter Zeit bastelten Kinder darum Nikolausschiffchen, die sie in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember aufstellten, auf dass der Heilige seine Gaben hineinlege. Später erfüllten Stiefel und Teller diesen Zweck.

Der protestantische Dichter Sudermann hat sich eingemischt

In unserem mittelalterlichen Adventslied tauchen im Weiteren keine Schiffe mehr auf.

Zu Betlehem geboren / im Stall ein Kindelein
gibt sich für uns verloren / gelobet muss es sein

So lautet die vierte Strophe. Hier hat sich im 17. Jahrhundert der protestantische Dichter Daniel Sudermann eingemischt und einen Hinweis auf die Weihnachtsgeschichte nach Lukas hinzugefügt. Die lebendige Schilderung der Geburt Christi mit der Krippe im Mittelpunkt war inzwischen Allgemeingut und gehörte zum Weihnachtsfest dazu. Was dann kommt, ist für heutige Ohren schwer erträglich:

Und wer dies Kind mit Freuden / umfangen, küssen will
muss vorher mit ihm leiden / groß’ Pein und Marter viel
Danach mit ihm auch sterben / und geistlich aufersteh’n
ewig’s Leben zu erben / wie an ihm ist gescheh’n

Pein, Marter und Tod in einem Weihnachtslied? Für die Gläubigen jener Tage waren das vertraute Erscheinungen, nicht nur fester Bestandteil der biblischen Heilsgeschichte, sondern allgegenwärtig im eigenen Leben. Auch heute sind sie nicht verschwunden, sondern nur gut versteckt. Bisweilen klagen wir darüber, dass Weihnachtlieder süßlich seien und fern der Wirklichkeit, aber solche Strophen singen wir dennoch ungern. Aus christlicher Sicht gehören aber nun einmal Geburt, Tod und Auferstehung, Sünde und Vergebung zusammen. Und davon handelt Weihnachten.

Das uralte Lied hat noch heute Vielen etwas zu sagen

Vielleicht mag sich der eine oder andere eher weltlich gesinnte Zeitgenosse auch an ganz andere Marter und Pein erinnert fühlen. Die, die vor allem Erwachsene in der Weihnachtszeit manchmal empfinden: Nikolaus bestellen, Geschenke kaufen, Plätzchen backen, Haus putzen, kochen, Baum aufstellen, schmücken, Tisch decken, Verwandte besuchen – wann ist der ganze Stress nur endlich vorbei? So hat dieses uralte Lied über seine ursprüngliche Bedeutung hinaus auch heute noch Vielen etwas zu sagen. Wie jedes gute Lied übrigens. „Das Schiff geht still im Triebe“ heißt es schließlich, es düst nicht mit laut knatterndem Motor hin und her, sondern segelt ganz sachte heran. So still, langsam und sicher kommt auch das Weihnachtsfest, wenn man sich vom Stress nicht unterkriegen lässt. In diesem Sinne – eine schöne Adventszeit und „Schiff ahoi!“

So geht es weiter:

  • Morgen geht es rund: wir sagen Ihnen, wer den Adventskranz erfand, und warum wir froh sein können, dass wir nicht 24 Kerzen anzünden müssen.


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