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Musikalischer Adventskalender

28.11.2019

Türchen 4: Gute Taten

Nächstenliebe und Wohltätigkeit zu Weihnachten – alles nur Humbug?

Weihnachten ist das Fest der Liebe“ – mit diesen Worten beginnen fast alle Texte, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man in der heiligen Zeit Gutes tun kann. Es folgen meistens konkrete Ratschläge für Wohltaten, von „alleinstehende Freunde einladen“ bis hin zu so originellen Ideen wie „Geld spenden“. Lassen auch wir also unseren Text mit diesen Worten beginnen, auch wenn es hier nicht um Tipps für gute Taten geht, sondern um Weihnachtslieder, die sich mit diesem Thema beschäftigen oder entfernt damit zu tun haben – übrigens auch „Last Christmas“ und George Michael.

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Ruft da vielleicht jemand „Humbug“?

Interessanterweise wird über die Nächstenliebe zu Weihnachten vor allem im englischsprachigen Raum gesungen. Der Klassiker des Genres ist das Lied vom „Guten König Wenzeslaus“ oder „Good King Wenceslas“, das Mitte des 19. Jahrhunderts in England entstand. Der Held ist der tschechische Nationalheilige Wenzel (Vaclav) von Böhmen, das Weihnachtsfest kommt überhaupt nicht vor, die Melodie stammt ursprünglich von einem Frühlingslied. Keine idealen Voraussetzung also für einen nachhaltigen Erfolg, doch der gute König gehört zum Kanon der englischen Christmas Carols. 1853 verfasste der anglikanische Priester John Mason Neale den Text nach einem tschechischen Gedicht. Als Melodie verwendete er ein Stück aus der finnisch-schwedischen Liedersammlung „Piae Cantiones“ aus dem 16. Jahrhundert. Wieder ein Beleg dafür, dass viele der besten Weihnachtslieder das Ergebnis internationaler Kooperation sind.

Die Fußstapfen geben dem Jungen neue Kraft

Wenzeslaus regierte im 10. Jahrhundert. Schon zu Lebzeiten galt er als Musterbild eines gottesfürchtigen Herrschers. Nach seinem gewaltsamen Tode setzte rasch die Verehrung als Heiliger ein. Im Lied trifft Wenzeslaus in einer kalten Winternacht am Stephanstag, dem 26. Dezember, einen armen Bauern, der im Wald Holz sammelt. Der Fürst befiehlt, Fleisch, Wein und Holz heranzuschaffen und trägt die Gaben gemeinsam mit seinem Pagen durch den Schneesturm zu der weit abgelegenen Hütte des Armen. Als der Junge nicht mehr weiter kann, fordert Wenzeslaus ihn auf, einfach in seine Fußstapfen zu treten – und wirklich, diese sind warm und geben dem Pagen neue Kraft.

„Deshalb, Christen, glaubet mir, hat euch Gott gegeben / gebt auch euren Nächsten ihr / wird euch Gottes Segen!

Die Geschichte spielt im Mittelalter und das Lied ist auch schon mehr als 100 Jahre alt. Aber es geht auch moderner. In dem irischen Weihnachtslied „Christmas in the old man’s hat“ (Weihnachten im Hut des alten Mannes) klagt eine Tochter ihrer Mutter, dass Santa Claus wohl langsam alt wird. Jenny Brown, die schon so viel hat, wird mit teuren Geschenken überschüttet, während der kleine Peter am unteren Ende der Straße immer leer ausgeht. Die Mutter erklärt ihrer Tochter daraufhin, dass nicht Santa Claus an dieser Ungerechtigkeit schuld ist. Vielmehr muss Jenny eben teilen.

Ob das dann auch so passiert, wird nicht weiter ausgeführt. Vermutlich gehört der kleine Peter zu der Sorte Kinder, um die es auch in einem amerikanischen Song von 1937 geht: „The Little Boy that Santa Claus Forgot“ (Der kleine Junge, den Santa Claus vergaß). Der Bub hatte sich nicht viel gewünscht, aber – mal wieder – gar nichts bekommen. Er beneidet die anderen Kinder in seiner Straße, die sich über ihre neuen Spielsachen freuen. Und wieder liegt die Schuld daran nicht bei Santa Claus: „I‘m sorry for that laddie / he hasn’t got a daddy“ – der Bursche tut mir leid, er hat eben keinen Vater.

Besitz ist nicht gleichermaßen unter den Menschen verteilt

So unterschiedlich diese Lieder sind, sie drehen sich alle um die Tatsache, dass der Besitz nicht gleichmäßig unter den Menschen verteilt ist. Mal wird tätige Nächstenliebe als Gegenmittel empfohlen, mal wird die Ungerechtigkeit einfach nur beschrieben, nach dem Motto „denk mal darüber nach, nicht alle haben es so gut wie du“. Zu Weihnachten ist die Ungleichheit besonders offensichtlich und macht denen, die genug haben, ab und zu ein schlechtes Gewissen. Da wirken Lieder, die das Problem ansprechend, irgendwie erleichternd, auch wenn sie vermutlich nicht viel verändern.

Benefizprojekte wie "Do they know it*s Christmas? wollen das ändern

Mit Benefiz-Projekten wie „Do They Know It’s Christmas?“ von Bob Geldof sollte das anders werden. Hier wurden die guten Werke nicht nur besungen, sondern auch konkret umgesetzt, weil die Einnahmen in Hilfsprogramme für Afrika flossen. Allerdings gibt es an solchen Aktionen auch Kritik. Die Haltung der Künstler sei von kolonialistischer Arroganz geprägt, kritisieren afrikanische Intellektuelle, und die Gelder würden irgendwo versickern, anstatt die Not zu lindern.

Die Gewohnheit, zu Weihnachten an die Güte der Menschen zu appellieren, hat eine lange Tradition in der angelsächsischen Welt. Charles Dickens veröffentlichte 1843 seine Weihnachtsgeschichte vom alten Geizhals Ebenezer Scrooge, der Weihnachten und gute Werke als Humbug bezeichnet. Er wird von drei Geistern geläutert und hilft fortan großzügig den Armen. Damit schuf Dickens eine neue Erzählung, die neben die alte aus der Bibel getreten ist. Sie hat kaum religiösen Bezüge und begründet die Pflicht, Gutes zu tun mit sozialen Argumenten. Im Original heißt die Geschichte übrigens „Ein Weihnachtslied in Prosa“. Sie gehört also definitiv in diese Kolumne.

Charles Dickens war schon zu Lebzeiten berühmt. Foto: dpa

Einer, der die Lehren von Charles Dickens ernst nahm, war der Musiker George Michael. Er hat nicht nur mit „Last Christmas“ einen Popsong geschaffen, der regelmäßig zum nervigsten Weihnachtslied gewählt wird, er wirkte anonym als Wohltäter, wie nach seinem Tode bekannt wurde. Dabei spendete er nicht nur an Stiftungen, er arbeitete unerkannt in Hilfsorganisationen mit und half Mitmenschen, die er persönlich kannte. Fast wie der gute König Wenzeslaus. Kein Humbug: George Michael starb am Weihnachtstag, dem 25. Dezember 2016.

So geht es weiter

  • Morgen klären wir die Frage, wer wo und wann die Geschenke bringt. Die Finnen beispielsweise haben den Bock zum Weihnachtsmann gemacht.



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