Epidemien

20.10.2016

Als die Cholera in Augsburg wütete

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1854 forderte die Infektionskrankheit 1176 Menschenleben. Mediziner und Obrigkeit empfahlen Reinlichkeit, Gottvertrauen und Gemütsruhe.

Im Jahr 1817 war die Cholera von englischen Ärzten in Ostindien als eine bis dahin kaum beachtete Krankheit beschrieben worden. 1830 kam die Cholera erstmals nach Europa, 1831 tauchte sie in Deutschland auf. Im Oktober 1831 gründeten Augsburger unter Führung des Magistratsrats und späteren Zweiten Bürgermeisters Konrad Heinrich den „Hülfs-Verein gegen Cholera-Noth in Augsburg“. Im Spendenaufruf heißt es: „Die asiatische Brechruhr nähert sich Bayerns Grenzen, und es ist wahrscheinlich, daß sie auch unsere Vaterstadt heimsuchen werde.“ So kam es: 1832 erreichte die Cholera Augsburg und forderte Tote.

Gottvertrauen sollte gegen Durchfall helfen

22 Jahre später, im Jahre 1854, sammelte der „Hülfs-Verein“ wiederum Geld, Bettwäsche und Kleidung: Die gefürchtete Seuche grassierte in Schwaben und Altbayern. Im August und September 1854 erkrankten und starben in Augsburg Hunderte, vom Säugling bis zum Greis, an der meist „Brechruhr“ genannten Cholera. Die Hilflosigkeit der Ärzte und der städtischen Obrigkeit gegenüber der Cholera drücken die Veröffentlichungen des Magistrats sowie eine an die Bevölkerung verteilte „Belehrung für Nicht-Ärzte“ aus. Nicht anders ist die vom königlich-bayerischen Obermedizinalrat Dr. K. Pfeufer verfasste 43-Seiten-Schrift „Zum Schutze wider die Cholera“ zu sehen, für deren Kauf in Zeitungen geworben wurde.

Der Professor der Medizin in München gab Empfehlungen zur Verhütung der Diarrhöe, allgemeine Lebens- und Ernährungsregeln, dozierte über „Hautfunktion und Schonung der Kräfte“ sowie „Geistespflege“. Sätze wie „Der beste Schutz gegen die Cholerafurcht, die unbedingte Ergebung in höhere Schickungen, ist leider ein zu seltenes Besitztum“, deuten auf völliges Unwissen über die Cholera. Nichtssagendes Geschwafel und die Empfehlung von „Gottvertrauen und Gemütsruhe“ sollten in der Schrift ärztliche Hilfe ersetzen.

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Verunreinigtes Wasser als Ursache für Cholera war lange nicht bekannt

Kenntnisse über die durch das Bakterium „Vibro cholerae“ verursachte Infektionskrankheit fehlten 1854 in Deutschland noch. Auch der am 22. September 1854 nach Augsburg gereiste Hygiene-Forscher Max von Pettenkofer glaubte nicht, dass ein Erreger schuld war, sondern die Boden- und Grundwasserbeschaffenheit. Doch andernorts in Europa kam 1854 die entscheidende Erkenntnis: Der Italiener Filippo Pacini konnte den Cholera-Erreger als gekrümmtes, hoch bewegliches Bakterium identifizieren. Ebenfalls 1854 erkannte in London John Snow, dass nicht – wie bislang angenommen – Dünste die Krankheit verbreiteten, sondern verunreinigtes Trinkwasser.

1854 stand man in Augsburg der Cholera noch hilflos gegenüber. Am 6. August war beim ersten Patienten Cholera diagnostiziert worden, am 22. August gab es 200 Cholera-Kranke, am 28. August 292. Die Zeitungen veröffentlichten bald seitenweise Totenlisten. Bei den meisten der 98 zwischen 13. und 28. August Verstorbenen war „Brechruhr“ die Todesursache. Am 3. September wurden 67 Neuerkrankungen gemeldet, 48 Menschen starben. Zu den Toten dieses Tages zählte der „Dr. der Theologie, Commenthur des Verdienstordens vom hl. Michael, Ritter des Verdienstordens der Bayer. Krone und Kreis-Scholarch Christoph von Schmid“. So formulierte es ein Bruder in der Todesanzeige. Im 87. Lebensjahr sei er „als theures Opfer der herrschenden Epidemie“ verschieden. Der Jugendschriftsteller hatte seit 1827 in Augsburg gelebt.

Christoph von Schmid war 1854 ein prominentes Opfer der Cholera in Augsburg. Um sein Porträt sind die Lebensstationen des Jugendschriftstellers eingefügt.

Ebenfalls am 3. September war in Augsburgs Zeitungen eine amtliche Bekanntmachung zu lesen. Ärzte würden jetzt auch „in den Wohnungen der Armen rechtzeitig die Kranken zu entdecken suchen und sich eine genaue Einsicht in die ganze Lage, Nahrungsstand, Wohnung, Kleidung etc. der Armen verschaffen, um hiedurch Mißverhältnissen abzuhelfen.“ Zur Beruhigung der Bevölkerung sollte die Michaeli-Dult ab 29. September beitragen. So dachten die Stadtoberen und genehmigten sie. Am 21. September verbot die Regierung die Abhaltung der Dult.

Bis zum 30. September 1854 waren in Oberbayern 3982 Cholera-Tote zu beklagen, in Schwaben 1559. Andere bayerische Bezirke waren geringer betroffen. Die Epidemie kam erst Mitte Oktober zum Erliegen. Eine Statistik nennt für Augsburg vom 6. August bis 17. Oktober 1176 Cholera-Tote. Zu den erfassten 427 männlichen und 749 weiblichen Opfern seien mindestens 100 Tote hinzuzurechnen, bei denen Diarrhöe oder Typhus als Todesursache angegeben war. Das sei Cholera gewesen, heißt es im Kommentar.

Über ein Jahrzehnt später war die Bedeutung von verseuchtem Trinkwasser als Krankheitsverbreiter wissenschaftlich bewiesen. Augsburg beließ es nicht bei Brunnenuntersuchungen, sondern reagierte: Ein neues Wasserwerk am Hochablass wurde gebaut. Es ging im Oktober 1879 in Betrieb und versorgte die gesamte Stadt mit reinem Trinkwasser. Die Benutzung von Hausbrunnen wurde verboten. So hatte in Augsburg die Cholera keine Chance mehr, als sie 1883 wieder in Europa auftrat.

Andernorts griffen Gegenmaßnahmen jedoch allzu langsam: 1892 raffte die Cholera in Hamburg bei einer der letzten schweren europäischen Cholera-Epidemien 8600 Menschen dahin. Verseuchtes Elb- und von Fäkalien verunreinigtes Leitungswasser trugen die Schuld an der Epidemie.

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