Newsticker
Horst Seehofer positiv auf Corona getestet
  1. Startseite
  2. Specials Redaktion
  3. Augsburger Geschichte
  4. Augsburger Geschichte: Der Marmor fürs Rathaus kam per Schiff

Augsburger Geschichte
02.10.2019

Der Marmor fürs Rathaus kam per Schiff

Die Säulen aus Rotscheck-Marmor aus einem Steinbruch bei Adnet im Salzburger Land tragen im unteren Fletz des Rathauses das Gewölbe seit 1616. Jede Säule wiegt 3800 Kilogramm.
3 Bilder
Die Säulen aus Rotscheck-Marmor aus einem Steinbruch bei Adnet im Salzburger Land tragen im unteren Fletz des Rathauses das Gewölbe seit 1616. Jede Säule wiegt 3800 Kilogramm.
Foto: Franz Häußler

Elias Holl importierte Marmor aus dem Salzburger Land. Der Boden des Goldenen Saals wurde 1983 originalgetreu rekonstruiert.

Nur wenigen Augsburgern dürfte beim Besuch des Rathauses geläufig sein, dass die acht Marmorsäulen des unteren Fletzes 400 Jahre Baugeschichte verkörpern. Sie tragen das Gewölbe im Parterre des Rathauses seit Elias Holls Zeiten. Entschieden jünger ist die Geschichte des Steinfußbodens im Goldenen Saal: Er wurde erst 1983 verlegt. Der „historische“ Marmor im unteren Fletz und der neue Marmorbelag haben eines gemeinsam: Sie stammen aus denselben Steinbrüchen!

Das kunstvolle Verlegemuster in dem nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wiederhergestellten Goldenen Saal ist nur ohne Bestuhlung in seiner ganzen Schönheit wahrnehmbar. Dass die Farben Rot, Blau und Gelb den Boden bestimmen, ist auch auf den sichtbaren Restflächen erkennbar. Dass der Boden 1983 exakt nach den Plänen von 1617 verlegt wurde, erfahren die Besucher bei Führungen. Meist wird auch erwähnt, dass die jetzigen Platten aus denselben Steinbrüchen wie vor rund 400 Jahren stammen.

Vor 400 Jahren waren Transporte von schwergewichtigem Marmor ein logistisches Problem. Heutzutage wird auch Marmor aus Asien in Augsburg verarbeitet. Als ab 1615 das Rathaus gebaut wurde, kam für Schwertransporte über große Strecken – wie schon zur Römerzeit – nur der Wasserweg infrage. Ehe am 16. Januar 1616 die Delegierten aus Augsburg mit dem Salzburger Erzbischof den Vertrag über Marmor „von schön, rain, sauber, guet und ganzen Stainen“ für den Rathausneubau schlossen, musste die Transportfrage geklärt sein. Ansonsten hätte Elias Holl nicht so weit von Augsburg entfernt einkaufen lassen.

Marmor aus den Steinbrüchen von Adnet im Salzburger Land

Den von ihm ausgewählten Rotscheck- und Grauschnöll-Marmor gab es in den Steinbrüchen von Adnet im Salzburger Land, im Territorium des Erzbischofs. Für den Transport nach Augsburg stand über den größten Teil der Strecke der Wasserweg zur Verfügung: die Salzach, der Inn und die Donau. Bis Hallein musste der Marmor auf Fuhrwerken befördert werden. Dort wurde er auf flachbödige Frachtschiffe verladen. Flussab gelangten die Schiffe auf der Salzach zum Inn und erreichten in Passau die Donau. Nun wurde es beschwerlicher auf dem Weg nach Augsburg: Es ging nicht mehr mit der Strömung flussabwärts, sondern „bergwärts“. Das heißt: Die Schiffe mussten auf der Donau gegen die Fließrichtung getreidelt werden. Pferde auf Treidelpfaden entlang der Donau zogen mittels langer Seile die Schiffe.

Zwischen 1616 und 1619 gelangten bei mehreren Flusstransporten viele Tonnen Marmor für Säulen, Türstock-Verkleidungen und den Boden im Goldenen Saal im Augsburger Rathaus bis Marxheim. Dort mündet der Lech in die Donau. Zwei bis drei Wochen benötigten die Transporte von Hallein bis zur Lechmündung.

Der Augsburger Bauamtsschreiber begleitete sie. Er führte Buch über jeden Kreuzer, den er für Personal, Pferdefutter und Übernachtungen ausgab. Er schilderte auch die enormen Risiken dieser Flusstransporte. Die Abrechnung über die erste „Reise“ im Sommer 1616 belegt einen immensen Aufwand: Der Transport-Konvoi umfasste vier große Schiffe, vier Zillen, 40 Personen und 27 Zugpferde zum Treideln. In Marxheim wurde der Marmor für die letzten 45 Transportkilometer bis Augsburg auf Fuhrwerke umgeladen. Für die durchaus mögliche Befahrung des Lechs gegen die Strömung wären das Umladen auf kleinere Schiffe und hohe Wasserstände nötig gewesen. Zudem befürchtete man Verluste durch Bruch. Deshalb wurde der Transport über Landstraßen durchgeführt.

Zu den schwersten Lasten zählten die Säulen. Acht dorische Säulen aus rotem Marmor tragen die Gewölbe des unteren Fletzes im Rathaus. Dieses Gewölbe überstand den Bombenkrieg. „Jede dieser Colonnen ist 13,5 Schuh (3,94 Meter) hoch und 68 Centner (3800 Kilo) schwer“, heißt es in einer Baubeschreibung. Die ersten Säulen erreichten per Schiffs- und Wagentransport im August 1616 Augsburg. Fürs obere Fletz benötigte man acht runde Säulen „im Corinthischen Style, jede 50 Centner (2800 Kilo) schwer“.

2800 Platten für den Bodenbelag

Für den Bodenbelag des 580 Quadratmeter großen Goldenen Saales waren 2800 Platten unterschiedlicher Farbschattierungen und Formate nötig. Dieser von 1620 bis 1622 verlegte Boden ging im Brandinferno 1944 zugrunde. Die Balkendecke, auf der der Steinfußboden des Goldenen Saales lag, verbrannte. Sie wurde durch eine Stahlbetondecke ersetzt. Bei der Rekonstruktion des Goldenen Saales wollte man darauf den Steinboden originalgetreu wiederherstellen – mit Marmor aus den gleichen Steinbrüchen wie zu Elias Holls Zeit.

Aus Adnet im Salzburger Land waren der Rotscheck- und der Grauschnöll-Marmor gekommen. Die dortigen Steinbrüche sind längst nicht mehr so ergiebig wie vor 400 Jahren und großteils stillgelegt. Einer der Steinbrüche wurde 1982 wieder erschlossen, um insgesamt 16 Kubikmeter Rohblöcke mit den für den Goldenen Saal benötigten Farbschattierungen zu brechen. Die Maserung wurde allerdings erst sichtbar, nachdem die Blöcke vor Ort in vier Zentimeter starke Platten zerschnitten waren. Die gelblichen Platten kamen wie zu Elias Holls Zeiten aus einem Solnhofer Steinbruch.

Bei uns im Internet
Frühere Folgen des Augsburg-Albums finden Sie unter
www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album


Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren