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Bundesliga
24.03.2019

Finger weg! Was Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus nicht leiden kann

Bibiana Steinhaus ist die erste Frau, die im deutschen Profifußball Spiele im Männerbereich leitet.
Foto: Ina Fassbender, dpa

Kein Gezupfe, kein Getätschle: Bibiana Steinhaus will als erste Unparteiische in der Bundesliga nicht als Frau im Blickpunkt stehen. Doch das wird sie kaum verhindern können.

Dieser Artikel stammt aus unserem Archiv. Er wurde am 8. August 2017  erstmals veröffentlicht.

Bibiana Steinhaus kommt als Letzte. An ihrer Trainingsjacke steht das Etikett ab. Ein Schiedsrichterkollege legt Hand an, stopft es in den Kragen. Steinhaus dreht sich um und hebt den Daumen.

Wer sie kennt, weiß: Die Reaktion war gespielt. Sie mag kein Gezupfe und Getätschle. Als der ehemalige Trainer des FC Bayern, Pep Guardiola, der Schiedsrichterassistentin Steinhaus am Spielfeldrand den Arm um die Schulter legte, hat sie ihn kühl abgestreift.

Steinhaus will im Dienst nicht charmiert werden. Sie ahnt, dass man ihr daraus eines Tages einen Strick drehen könnte. Spätestens dann, wenn Deutschlands beste Fußball-Schiedsrichterin einmal mit Entscheidungen danebenliegt. Wenn die Fan-Seele kocht und der Zeitungsboulevard sie in die Küche abkommandiert. „Ich will an meinen Leistungen gemessen werden und nicht als Frau im Blickpunkt stehen“, sagt sie nüchtern.

Darum: Finger weg! Oder hätte sich der junge Schiedsrichter auch am Etikett eines männlichen Kollegen zu schaffen gemacht?

Der Konferenzsaal im Hotel in Grassau am Chiemsee ist zu gut besucht, um einen Misston hineinzutragen. Zwei Dutzend Journalisten sind gekommen, dazu einige Kamerateams. Den Rekordbesuch hat das deutsche Schiedsrichterwesen Bibiana Steinhaus zu verdanken, der ersten Frau, die ab der Saison 2017/2018 als Hauptschiedsrichterin Spiele in der Männer-Bundesliga pfeifen darf. Von ihren Entscheidungen hängt seitdem noch viel mehr als der Familienfrieden und das vordergründige Glück von Millionen Fußball-Fans im Land ab.

Bibiana Steinhaus hat es gerade noch geschafft. Aber da gibt es ein Gerücht

Neben ihr sitzen einige der Herrschaften, die sie in die höchste Liga befördert haben. Sie haben sich reichlich Zeit damit gelassen. Steinhaus pfeift seit zehn Jahren zweite Männer-Bundesliga. Im Frauenfußball ist sie mit den allerhöchsten Weihen gesegnet, hat Anfang Juni 2017 das Champions-League-Finale gepfiffen und ist kurze darauf zum sechsten Mal zu Deutschlands Schiedsrichterin des Jahres gewählt geworden. Lutz Fröhlich, früher selbst ein bekannter Unparteiischer, Mitglied der Schiedsrichter-Kommission und Steinhaus’ Coach, lobt „das geschickte Agieren, die ausgleichende Art und hohe Akzeptanz“ seines Zöglings. Steinhaus ist verbindlich und freundlich, aber auch bestimmt.

Bei Spielern und Trainern hat die gebürtige Hannoveranerin einen guten Ruf. Viele haben ihr zum Bundesliga-Aufstieg gratuliert. Auch die Medien behandeln sie freundlich. Trotzdem musste sie warten – bis es beinahe schon zu spät war. Kein Schiedsrichter macht mit 40 noch Karriere, wenn mit 47 schon wieder die Zwangspensionierung erfolgt. Steinhaus, die alle nur „Bibi“ nennen, war bei ihrem ersten Einsatz in der Männer-Bundesliga 38 Jahre alt.

Wenn es nicht in dieser Saison geklappt hätte, dann nie mehr. Steinhaus selbst sagt, sie habe „nicht unbedingt damit gerechnet“, als Fröhlichs Anruf doch noch kam. Vielleicht hat sie gespürt, dass die Führungsriege auch ihre letzte Chance nur widerstrebend genutzt hat. Es gibt ein Gerücht, demzufolge die Schiedsrichter-Kommission lieber einen weiteren männlichen Schiedsrichter in die Bundesliga befördert hätte als Steinhaus. Erst ein Machtwort von Reinhard Grindel, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), habe Steinhaus den Weg nach ganz oben geebnet.

„Wenn man Schulterklopfer sucht, ist man im Schiedsrichterjob nicht gut aufgehoben“: Bibiana Steinhaus, hier bei einem Zweitligaspiel.
Foto: Andreas Gebert, dpa (Archiv)

Ein Gerücht zwar, aber eines, das in die noch immer von Männern geprägten Fußball-Strukturen passt. Als größter Sportverband der Welt hat der DFB sieben Millionen Mitglieder. 1,1 Millionen sind Mädchen und Frauen. Sie dürfen mitspielen, aber nicht mitreden. Von den 280 DFB-Mitarbeitern in Frankfurt sind vierzig Prozent weiblich – aber es gibt nur eine Direktorin. Unter 17 Mitgliedern im DFB-Präsidium ist eine einzige Frau. Bibiana Steinhaus tritt nicht als Kämpferin für die Sache der Frauen auf, auch wenn sie ahnt, das sie dieser Rolle als erster Frau in einer Männerdomäne nicht entgehen kann. „Mein Ziel“, sagt sie pragmatisch, „ist es, dass Schiedsrichterinnen im Profifußball zur Normalität werden.“

Wenn die Spieler auf Bibiana Steinhaus losgehen - ist das zu verantworten?

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Auch in der Schiedsrichterbranche bleiben die Männer gerne unter sich, wenn es ganz nach oben geht. Eine Frau, allein mit einem Pfeifchen bewaffnet, gegen 22 junge Athleten zu stellen, die bis zum Trikotrand voll Adrenalin sind und mitunter wie ein Wolfsrudel auf die Bedauernswerte losstürzen – ist das zu verantworten? Was, wenn die beste Schiedsrichterin einfach nur dieselben Fehler produziert wie ihre männlichen Kollegen? Was, wenn die Boulevardmedien, die sie bislang in Watte gepackt haben, plötzlich ihre Beißhemmung ablegen. Was, wenn das Fußball-Volk, das bei menschlichem Versagen an der Pfeife bekanntlich keine Gnade kennt, vernichtende Urteile von den Rängen brüllt? All das wäre für Bibiana Steinhaus nicht neu: „Wenn man Schulterklopfer sucht, ist man im Schiedsrichterjob nicht gut aufgehoben“, sagt sie trocken.

Andererseits könnte dann die von der DFB-Spitze öffentlich vorgetragene schöne Idee, mit Bibiana Steinhaus als Galionsfigur das weibliche Element im Fußball zu stärken, auf längere Zeit beerdigt sein. Aber vielleicht rührte das männliche Zögern ja einfach nur aus den internen Noten der 38-Jährigen. Das straffe System, nach dem Schiedsrichter von Spielbeobachtern und der Kommission bewertet werden, ist gefürchtet. Zudem ist es intransparent, was Misstrauen schürt und Feindseligkeiten schafft. Lutz Fröhlich will es deshalb abschaffen. Er setzt auf Perspektivgespräche. Fröhlich, ein gelernter Bankkaufmann und Kommunikationswirt, der vergangenen Sommer das Amt des DFB-Chefschiedsrichters übernommen hat, will den gnadenlosen Wettbewerb entschärfen.

Der Druck, der auf Bundesliga-Schiedsrichtern lastet, ist auch so groß genug. Nicht jeder, der oben ankommt, weiß, ob er ihm standhält. Babak Rafati, Steinhaus’ ehemaliger Kollege aus Hannover, versuchte sich vor einem Bundesligaspiel im Hotel das Leben zu nehmen. Seine Assistenten, die nach ihm gesucht hatten, haben ihn gerettet.

Ja, wo ist sie denn? Bibiana Steinhaus im Kreise ihrer männlichen Kollegen bei einem Lehrgang Anfang Juli 2017 in Grassau am Chiemsee.
Foto: Matthias Balk, dpa (Archiv)

Die wenigsten der 72 Unparteiischen aus den ersten beiden Ligen sind verheiratet. Viele leben allein. Die Schiedsrichterei ist ihr Leben. Einem Partner ist es kaum zuzumuten. Schon gar nicht am Anfang der Karriere. Wochentags arbeiten, an den Wochenenden auf Amateurfußball-Plätzen. Beleidigungen, nicht selten auch körperliche Angriffe. Was auf sie einprasselt, müssen sie mit sich oder ihren Kollegen bewältigen. Kinder haben hier kaum Platz.

Bibiana Steinhaus ist mit Howard Webb liiert, einem Engländer, der zu den besten Schiedsrichtern der Welt gezählt hat und in der Branche geblieben ist. Unterhalb der Bundesliga versuchen die Unparteiischen, Beruf und Fußball mit großem Einsatz unter einen Hut zu bringen. In der Eliteklasse ist das so gut wie unmöglich. Bibiana Steinhaus, im Hauptberuf Polizeibeamtin, hat ihre Dienstzeit zur Saison 2017/2018 weiter heruntergefahren. Finanziell ist das kein Problem. Der Deutsche Fußball-Bund hat die Honorare seiner Referees noch einmal angehoben. Pro Einsatz gibt es seit 2017 5000 Euro statt wie zuvor 3800. Dazu ein Grundgehalt, das für die sechs deutschen Fifa-Schiedsrichter 79.000 Euro jährlich beträgt. Dafür leben und trainieren sie wie Profis.

Steinhaus steigt mit einer großen Neuerung im Oberhaus ein

Die Zeiten, in denen kurzatmige Schwergewichte Bundesligaspiele leiteten, sind lange vorbei. Schiedsrichter sind heute Leistungssportler. Sie laufen kaum weniger als die Spieler. Elf bis 13 Kilometer im Schnitt in ständigen Tempo- und Rhythmuswechseln. Dabei immer den Ball im Auge haben – und am besten noch alle 22 Akteure auf dem Platz. Könnte ja einer mal die Contenance verlieren oder auf andere dumme Ideen kommen.

Dann alles sehen müssen und richtig entscheiden. Ab der Saison 2017/2018 unterstützt sie der Videoassistent. Er sitzt außerhalb des Stadions, verfolgt das Spiel aus verschiedensten Kamerapositionen und liefert über Funk Entscheidungshilfen. Lange Zeit haben sich die Schiedsrichter gegen diesen Videobeweis gewehrt, weil sie sich von ihm entmündigt fühlten. Inzwischen akzeptieren sie den elektronischen Kollegen. „Er bietet zusätzliche Sicherheit“, sagt Steinhaus.

Steinhaus selbst weiß, „dass Intensität und Geschwindigkeit in der Bundesliga noch einmal deutlich höher sind als in der zweiten Liga“. Sie weiß auch, dass sie selbst nicht die Schnellste ist. Also beginnt der Tag frühmorgens mit fünfzig Minuten Laufen. Gibt es wenigstens dreimal die Woche Schnellkrafttraining mit ihrem Fitness-Coach. Vor kurzem hat sie eine Zusatzausbildung zum Mentalcoach abgeschlossen. Könnte ja auch helfen, oben zu bleiben. Sicher ist das nicht. Die Konkurrenz im weltweit geschätzten deutschen Schiedsrichterwesen ist groß.

In Grassau, auf dem Spielfeld des örtlichen Kreisligisten, laufen sich die besten deutschen Unparteiischen in der Abendsonne warm. Zur Trainingsvorbereitung auf die neue Bundesliga-Saison hat jeder bereits eine Grundfitness mitgebracht. Wer mit Urlaubsspeck anreist, hat es hier schwer. Die Zeiten, in denen es die ehemalige Schiedsrichter-Ikone Pierre-Luigi Collina als Ausbilder noch für nötig hielt, mit einer Zange die Fettschicht an den Hüften zu messen, ist vorbei.

Auf dem Kreisliga-Rasen dehnen sich austrainierte Sportler. Unter ihnen diese 1,81 Meter große, lachende Blondine. Ob sie will oder nicht: Mitunter kann man nicht anders, als sie als Frau wahrzunehmen.

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