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Interview

07.05.2020

Chef der Sportlehrer: "Kinder in der Grundschule, die nicht Radfahren können"

Ein achtjähriges Mädchen, sicher unterwegs: Tatsächlich aber gibt es Kinder in der Grundschule, die nie Fahrradfahren gelernt haben.
Bild: Jens Kalaene, dpa

Plus Es fehlen Konzepte, wie Schulsport in Corona-Zeiten aussehen soll. Ein Gespräch mit dem Chef des bayerischen Sportlehrerverbands über Bewegungsmangel und Folgen.

Wie ist es allgemein um den Schulsport in Bayern bestellt?

Günther Felbinger: Insgesamt dürftig. Seit den 90er Jahren beobachten wir einen Rückgang der Schulsportstunden. In unserer heutigen Gesellschaft, in der Bewegungsmangel herrscht und Kinder in digitale Welten eintauchen, ist das ein großes Problem geworden. Eigentlich bräuchten wir eine tägliche, verpflichtende Bewegungs- oder Sportstunde an den Schulen. Das fordert der Bayerische Landessportverband, das Aktionsbündnis Schulsport und unser Sportlehrerverband seit Jahren.

Welche Funktion erfüllt der Sportunterricht an der Schule?

Felbinger: Er ist das einzige Bewegungsfach und bietet einen Ausgleich zum ständigen Sitzen. Insbesondere Kinder neigen dazu, sich im Alltag immer weniger zu bewegen, das belegen Studien und Statistiken. Bewegung und Sport tut Not. Heutzutage ist wichtiger denn je, dass Kinder im Sport angeleitet werden. Es ist erschreckend: Teils muss man Angst haben, dass Erstklässler über ihre eigenen Füße stolpern, weil einfachste Bewegungserfahrung und -fertigkeiten nicht mehr vorhanden sind. Schulsport muss als Instanz im Fächerkanon größere Bedeutung bekommen und darf nicht als fünftes Rad am Wagen gelten. Wer sich gut bewegen kann, kann auch kognitive Anforderungen besser bewältigen. Dem wird in der Realität wenig Rechnung getragen. Auch jetzt, während der Corona-Schulöffnungsdiskussion, wird der Schulsport gar nicht berücksichtigt.

Umso schlimmer erscheinen die schleichenden Kürzungen.

Felbinger: Das mutet fast schon tragisch an. Andere Bereiche wie Ganztagsbetreuung, Inklusion oder G9 waren bislang stets der Politik wichtiger, als Kindern mehr Bewegung und Sport zu schenken.

Wir wirken sich diesbezüglich die Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Zeit aus?

Felbinger: Verheerend. Seit Wochen sind die Kinder zuhause. Diese Bewegungsarmut kann erhebliche gesundheitliche Konsequenzen auf physischer und psychosozialer Ebene nach sich ziehen. Und kein Wort wird darüber verloren, wie der Schulsport künftig aussehen soll. Methodisch muss man es anders angehen, um Hygiene- und Sicherheitsregularien einzuhalten. Aber es gibt beispielsweise Möglichkeiten, einen geregelten Schulsport- oder Bewegungsunterricht im Freien anzubieten.

Gefühlt treiben gerade mehr Kinder als üblich Sport im Freien. Genügt das nicht?

Felbinger: Eine Klasse besteht meist aus einem Drittel begeisterter Sportler, ein Drittel hält wenig davon und ein Drittel tendiert mal in die eine, mal in die andere Richtung. Wer Sport treibt, tobt auch jetzt herum. Doch gerade die Kinder aus bildungs- und bewegungsfernen Familien geraten momentan unter die Räder.

Günther Felbinger sieht Gefahren aber auch eine Chance in der Corona-Krise für den Sport.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Welche Lösungen schlagen Sie vor?

Felbinger: Krux ist, dass neben Schul- auch Vereinssport derzeit wenig Gehör findet. Darin sind viele Kinder und Jugendliche organisiert. Man muss Angebote im Outdoorsport erstellen, muss sich neu organisieren, große Gruppen teilen und die Methodik anpassen. Spiele mit Körperkontakt sind kaum umzusetzen. Aber Radfahren, Inlineskaten, Badminton, Fitness, selbst Leichtathletik wie Lauf- oder Wurfspiele sind möglich. Auch im Rahmen von Schulsportunterricht.

Zumindest die Spielplätze sind wieder geöffnet. Was können Eltern darüber hinaus nutzen, um Kinder buchstäblich in Bewegung zu bringen?

Felbinger: Wie wir früher als Kinder es auch getan haben: Die Vielfalt der Natur ausprobieren. Laufen, hüpfen, springen, alles ist erlaubt. Auf Baumstämmen balancieren, auf Bäume klettern, Steine ins Wasser werfen. In den vergangenen Jahrzehnten ist verloren gegangen, mit Kindern die Umgebung zu erkunden und zu erleben. Dieser Tage beobachte ich, dass Familien mehr Zeit im Freien verbringen und naturnahe Bewegung praktizieren.

Glauben Sie, die Corona-Beschränkungen stärken dauerhaft das Bewusstsein für Bewegung im Freien?

Felbinger: Ich sehe die Chance, zu einem natürlicherem Verhalten zurückzukehren. Durch die vielen medialen und digitalen Möglichkeiten wurde etliches verlernt oder nie erlernt. Ich beobachte Kinder in der Grundschule, die nicht Fahrrad fahren können. Das muss sich ändern.

Ein spezieller Fall ist das Schwimmen. Insbesondere für Kinder bedeutend, aber derzeit nicht erlaubt.

Felbinger: Schwimmen ist ein wichtiges Puzzleteil im Sportangebot und ich sehe trotz Corona-Bedenken kein Problem. Nicht möglich ist der längere Aufenthalt im Bad, beim Schwimmen an sich besteht aus medizinischer Sicht aber keine Infektionsgefahr. Differenziert werden muss daher zwischen Spaßbaden und Sportschwimmen. Hier muss die Politik Lösungen finden, damit auch Schwimmbäder wieder öffnen dürfen.

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