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Doping

19.11.2019

Das Doping-Netzwerk im Hintergrund: Spannend wie ein Kriminalroman

IOC–Präsident Thomas Bach und Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Für das Großereignis war in Russland offenbar systematisch gedopt worden.
Bild: dpa

Hajo Seppelt schreibt in seinem Buch über den Kampf gegen Dopingsysteme. Und über all die Tricks, die er in seinem Alltag braucht. Er ist allerdings auch in Fallen getappt

Hajo Seppelt ist keiner, der mal eben einen lockeren Spruch raus haut. Vielleicht privat. Öffentlich ist nichts Humoriges von dem Journalisten überliefert. Seppelt ist ein streitbarer Mensch mit messerscharfem Verstand. Ein Bluthund, der sich durch Nichts und Niemand aufhalten lässt, wenn er eine Fährte aufgenommen hat. Der 56-Jährige ist der profilierteste Doping-Enthüller weltweit.

Sein größter Coup war es, das staatlich orchestrierte Dopingsystem Russlands rund um die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi aufzudecken. Das machte ihn zur unerwünschten Person in Russland und zur Zielscheibe zahlloser Beschimpfungen. Er recherchierte Undercover in Kenias Läuferszene. Legte sich mit der deutschen Eisschnelllauf-Legende Claudia Pechstein an. Ackerte sich durch Aktenberge, die das Staats-Doping in der DDR dokumentieren.

Klingt spannend, ist es auch. Nachzulesen in einem Buch, das Seppelt mit seinem Co-Autor Wigbert Löer geschrieben hat. Phasenweise liest sich das wie ein Kriminalroman. Versteckte Kameras, deren Akkus versagen. Falsche Bärte. Erfundene Identitäten. Geheimnisvolle Insider, die Tipps geben. Aber auch massive Drohungen. Falsche Fährten. Fallen, in die selbst der vorsichtige Seppelt tappt.

Das Doping-Netzwerk im Hintergrund: Spannend wie ein Kriminalroman

„Wer das Publikum für anspruchslos hält, unterschätzt es“

Das Buch trägt den vielsagenden Titel „Feinde des Sports“. Gemeint sind natürlich diejenigen, die sich mit unerlaubten Mitteln einen Vorteil verschaffen. Es gibt in den elitären Zirkeln des Hochleistungssports aber auch Vertreter, die das etwas anders sehen. Die nicht wollen, dass jemand hinter die glitzernden Kulissen blickt. Für sie ist Seppelt ein Feind des Sports. Dabei sei es genau die Aufgabe des Journalismus, Missstände aufzudecken. Denn: „Wer das Publikum für anspruchslos hält, unterschätzt es. Die Zuschauer verschließen ja nicht kollektiv die Augen vor der Tatsache, dass auch die schönste Nebensache der Welt unschöne Seiten hat, Betrug etwa, Bestechung oder die maßlose Kommerzialisierung.“

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Hajo Seppelt beschäftigt sich seit Jahren mit den Dopingsystemen im Sport.
Bild: car tba fdt

Sport ist für Seppelt ein Kulturgut, das von jenen bedroht wird, die ihn nur als Ware betrachten. Er beschreibt den Interessenkonflikt, in den die Spitzen von Sportverbänden geraten, wenn es einen Dopingfall gibt. „Soll die unangenehme Sache ans Licht oder erst mal in die Schublade? (...) Oder soll man den Doper als schwarzes Schaf abtun, der menschliche Schwäche gezeigt hat, was natürlich problematisch, aber doch nur ein Einzelfall ist?“

Im florierenden Geschäft Spitzensport stehen Dopingfälle für das Wegfallen von Verdienstmöglichkeiten. „Ziemlich viele Akteure im Spitzensport haben also etwas zu verlieren, wenn Doping enthüllt wird.“ Dieser Erkenntnis könne ein Sportverband unterschiedlich begegnen. Reaktion eins: „Er kann Doping mit aller Kraft bekämpfen.“ Das Problem daran sei, dass effektivere Tests und mehr erwischte Doper einen Verband in der Öffentlichkeit schnell als Problemfall erscheinen lassen – nicht als konsequenten Kämpfer gegen Doping.

Die Verbände reden das Dopingthema klein

Reaktion zwei sei angenehmer. „Der Verband schaut nicht genau hin. Er setzt lasche Dopingkontrollen ein. (...) Wer nicht richtig sucht, findet auch nicht viel. (...) Eingestanden wird nur, was nicht mehr abzustreiten ist.“ Im Spitzensport würden nach Seppelts Erfahrung viele Akteure so denken und handeln. „Sie reden das Dopingthema klein, geben sich bei überführten Athleten empört und überrascht, stellen die Fälle als bedauerliche Ausnahmen hin.“

Seppelt geht mit dem modernen Spitzensport hart ins Gericht. Aber er übt konstruktive Kritik und listet Vorschläge für Reformen auf. Härtere Strafen, eine stärkere Abkopplung der Anti-Doping-Agenturen von den Verbänden, mehr Geld für den Anti-Doping-Kampf, länderübergreifende Kontrollen. Viele Funktionäre müssten sich zudem darauf zurück besinnen, wem ihr Handeln zu gelten habe. „Sie sind nicht den Sponsoren verpflichtet. Loyalität schulden sie zuallererst den Athleten. Schon allein deshalb müssen sie der Gefahr des Dopings und der Korruption entschiedener begegnen. Sie haben es in der Hand.“

Feinde des Sports Hajo Seppelt und Wigbert Löer, Econ-Verlag, 384 Seiten, 20,00 Euro

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