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07.12.2010

Das Wunder von Bern: Der Triumphzug

Das «Wunder von Bern»: «Herzblut für Deutschland»
Bild: DPA

Mit der Bahn fuhren 1954 die Weltmeister von Lindau nach München. Zehntausende kamen an die Strecke und feierten - und das ausnahmsweise sogar ohne Bahnsteigkarte. Von Winfried Striebel

Der 4. Juli 1954 - das war der Tag, an dem in Bern ein "Wunder" geschah. Für die Menschen in der Region aber war auch der 6. Juli ein Feiertag. Die Weltmeister kehrten heim! In einem Sonderzug fuhr die Mannschaft von Lindau nach München. Winfried Striebel, ehemaliger Chefredakteur unserer Zeitung, war damals dabei. Ein junger Journalist, der in Buchloe unvergessliche Momente erlebte. Hier seine persönlichen Erinnerungen.

Der 6. Juli 1954. Ein Dienstag. Sommerwetter, wie wir es hierzulande allzu oft erleben. Mehr Wolken als blauer Himmel, Regenschauer, selten sonnige Passagen. Mäßig warm, maximal 20 Grad. Aber Hochstimmung bei den Menschen. Deutschland ist Fußballweltmeister! Die "Helden von Bern" werden daheim erwartet.

Zehn Minuten vor zwölf Uhr mittags soll der Sondertriebwagen der Bundesbahn den Bahnhof in Lindau verlassen, wo Sepp Herberger mit seinen "Buben" aus der Schweiz kommend im Hotel "Seegarten" die vergangene Nacht Quartier bezogen hatte. Heute erwartet die Heimat die Sieger zum Empfang in München.

Auf dem Weg vom Bodensee in die Landeshauptstadt wird die Reise im grün bekränzten Triebwagen zum Triumphzug. Auf allen größeren Stationen ist ein kurzer Halt vorgesehen. Zwei bis sechs Minuten dauert jeweils der Stopp. Zehntausende von Menschen säumen die Strecke, sind unterwegs zu den Bahnhöfen.

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In Immenstadt rollen die Allgäuer ein 30 Kilogramm schweres Bergkäse-Rad zum Weltmeister-Waggon. In Günzach reichen Heimatvertriebene aus dem Sudetenland einen prachtvollen Glaspokal ins Mannschaftsabteil.

Kaufbeuren steht Kopf. Zehntausend stürmen das Bahnhofsgelände, über alle Absperrungen hinweg. Erst die Androhung, dass der Zug aus Sicherheitsgründen nicht einfahren werde, bringt die Massen zur Besinnung.

Dann, pünktlich um 14.52 Uhr, fährt der geschmückte rote Triebwagen mit der Aufschrift "Weltmeister 1954" in den Buchloer Bahnhof ein. Ich bin mit dem Radl da. Mit dem Dienstfahrrad der Redaktion (private Nutzung in überschaubarem Rahmen vertraglich gestattet!). Gut eine Stunde habe ich für die 16 Kilometer von Mindelheim her benötigt. Jetzt stehe ich mitten in der Menge. Es mögen gut und gerne 5000 sein, die ohne Bahnsteigkarte (jawohl, das brauchte man damals noch!) alle Absperrungen durchbrochen haben, entlang der Gleise stehen und sich bis auf den Bahnhofsplatz hinaus drängen.

Das hat Buchloe bis dahin nicht und seither nicht mehr erlebt. Menschen fallen sich um den Hals. Transparente werden hochgehalten, Kuhglocken läuten, Blumensträuße fliegen durch die Luft und in die Fenster des Sonderzugs.

Im Gewühl und Gedränge versuche ich, die Hand oder auch nur den Arm eines "Weltmeisters" zu erhaschen. Horst Eckel, der sich weit aus dem geöffneten Fenster gebeugt hat, wird von jubelnden und kreischenden Anhängern fast aus dem Wagen gerissen. Toni Turek, im Tor zum "Fußballgott" erhoben, Hans Schäfer, Helmut Rahn, der Torschütze, Fritz Walter und Max Morlock stehen hemdsärmlig an den Fenstern, klatschen, winken den Menschen zu.

Sepp Herberger grüßt leutselig

Sepp Herberger, der die Elf von Bern zum Sieg geführt hat, im grünen Jackett mit dem Bundesadler, grüßt leutselig. Nie hat man sein zerknittertes Gesicht auch nur annähernd so lächeln sehen.

Die Begeisterung hat an diesem Tag selbst Menschen erfasst, die bis dahin Fußball als eine unvermeidliche Begleiterscheinung der allmählich wieder erwachenden Lebensfreude nach dem Krieg betrachtet haben.

Nur ein paar Minuten, dann fährt der Weltmeisterzug langsam, fast lautlos an, um schließlich am Horizont ganz zu verschwinden. Aus der Distanz sind die Großen des Fußballs auf einmal wieder ganz klein geworden. Von Winfried Striebel

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