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Leichtathletik-EM

12.08.2018

Die Bilanz: "Ein Sommermärchen der Leichtathletik"

Mateusz Przybylko wurde Europameister im Hochsprung.
Bild: Bernd Thissen, dpa

Deutschlands Athleten haben ein Fest mit großen Emotionen gefeiert. Die olympische Kernsportart hat solchen Zuspruch nötig. Noch immer wirft das Doping seine Schatten.

Danach wird stets der Moment gesucht, der diese Europameisterschaft in Berlin geprägt hat. Der emotionalste Moment, jener, der in Erinnerung bleibt. Es war, als Zehnkämpfer Arthur Abele nach den abschließenden 1500 Metern im Ziel stand. Ausgepumpt, heftig atmend. Dennoch ein Lächeln im Gesicht. Und plötzlich wurde ihm bewusst, was er da gerade geschafft hat. Europameister, König der Leichtathleten. Als dem Ulmer dann die Tränen kamen, reagierte das Stadion mit so viel Anteilnahme, dass es dieser Moment ist, der bleiben wird. Abeles Sieg als Abschluss einer schier endlosen Verletzungsgeschichte.

Natürlich gab es noch einige andere große Momente. Zum Beispiel den, als Gina Lückenkemper zu Silber über 100 Meter lief. Oder als Thomas Röhler den Speer zum Sieg warf. Nicht ganz so groß war der Moment, als Robert Harting von der internationalen Bühne verabschiedet wurde. Die Szene geriet zum Rührstück, das selbst dem Diskus-Hünen unangenehm schien.

Mateusz Przybylko ist neuer Europameister im Hochsprung. Foto: Michael Kappeler

Deutlich größer waren stattdessen jene zehn verrückten Minuten am Samstagabend, als Malaika Mihambo im Weitsprung und Mateusz Przybylko im Hochsprung Gold gewannen. Im Vorfeld der EM hatten sie sich beim Deutschen Leichtathletik-Verband zusammengesetzt und das Programm so komponiert, dass es genau solche atemlosen Situationen provoziert. Was im Fernsehen gut gewirkt haben mag, ließ im Stadion aber manchen etwas ratlos zurück. In diesem Rausch der Emotionen den Überblick zu behalten war nicht immer einfach.

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Als Przybylko sein Handy einschaltete, wäre es ihm fast aus der Hand gefallen

Gut, dass zumindest Przybylko den Überblick behielt und am Ende als überraschender Europameister eines rauschhaftem Abends dastand. „Ich kann das alles gar nicht beschreiben“, führte er am Sonntag wortreich aus und zählte einige große Namen des deutschen Hochsprungs auf. „Mein Name steht da jetzt auch dabei“, stammelte er, „Wahnsinn.“ Als er am späten Samstagabend sein Handy einschaltete, sei es ihm fast aus der Hand gefallen. Minutenlang prasselten Nachricht herein, insgesamt weit über 500. „Was für ein Tag.“

Die deutsche Goldmedaillengewinnerin Malaika Mihambo auf dem Weg zur Siegerehrung am Breitscheidplatz in Berlin.
Bild: Bernd Thissen (dpa)

Etwas gefasster wirkte seine Kollegin aus der Sandgrube. Mihambo hatte mit 6,75 Metern Gold gewonnen, „eine Weite, von der ich nicht dachte, dass sie reicht“. Sie hat gereicht. Natürlich sei sie nicht unzufrieden damit, sagte sie am Sonntag – und war es doch. Denn obwohl bei einer Meisterschaft vor allem der Titel zählt, hätte sie ihrer Bestweite von 6,99 Metern gerne noch den einen Zentimeter hinzugefügt, der ihr noch zu einer Siebenmeter-Springerin fehlt. Die 60.500 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion taten ihr aber den Gefallen, sie über diese Gedanken hinwegzutrösten. „Wir hatten ein sagenhaftes Publikum mit hohem Sachverstand, das genau wusste, was unsere Athleten geleistet haben“, lobte DLV-Präsident Jürgen Kessing und zog ein sehr positives Fazit der Europameisterschaft. „Wir hatten auf ein Sommermärchen für die Leichtathletik gehofft, diese Hoffnung hat sich erfüllt.“

150.000 Menschen haben in Berlin die "Europäische Meile" besucht

Im Stadion habe an allen sechs Wettkampftagen Gänsehautfeeling geherrscht. „Das hätten wir uns besser nicht wünschen können.“ Dieses Lob schloss auch die „Außenstelle“ auf dem Breitscheidplatz mit ein. Dort hatten in einer eigens erbauten Arena die meisten Siegerehrungen sowie die Geh- und Marathonwettbewerbe stattgefunden. 150.000 Menschen hätten die „Europäische Meile“ besucht, sagte EM-Organisationschef Frank Kowalski. Für das Olympiastadion seien 360 000 Tickets verkauft worden. Dabei hatten zu Beginn große Lücken auf den Rängen geklafft und die Prognosen als zu optimistisch erscheinen lassen. Kowalski: „Wir haben 500.000 Menschen für unseren Sport aktiviert – mehr als erwartet.“ Diese Zahl verleitete auch Svein Arne Hansen, Präsident des europäischen Leichtathletik-Verbandes EAA, zu einem überschwänglichen Lob. „Es waren die besten Europameisterschaften der Geschichte, das ist sicher“, sagte der Norweger. „Ich war bei vielen Meisterschaften, aber die Atmosphäre hier war unglaublich.“

Arthur Abele gewann Gold im Zehnkampf.
Bild: Kay Nietfeld (dpa)

Eine derart gigantische Kulisse sind Leichtathleten aber nicht gewohnt. Die Begeisterung und Dankbarkeit, im Olympiastadion starten zu dürfen, zog sich durch alle Interviews. Viele schafften es, diese gewaltige Energie für sich zu nutzen. „Wir haben das Ergebnis von 2016 übertroffen“, sagte Chef-Bundestrainer Idriss Gonschinska. „Das war unser Ziel, auch wenn wir es vorher nicht öffentlich ausgegeben haben.“ Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe hatte seine Mannschaft 19 Medaillen gesammelt, sechs davon glänzten golden. Im Medaillenspiegel der Leichtathletik-EM bedeutete das vor dem gestrigen Abend Rang zwei hinter Polen und vor Großbritannien.

Bei der EM war die größte deutsche Mannschaft aller Zeiten im Einsatz

Bei Gonschinska, dem Mann mit dem unverbindlichen Lächeln, laufen im sportlichen Bereich alle Fäden zusammen. Seine Athleten „performen“ und „realisieren Ziele“. 125 Sportler hatte er für Berlin nominiert – die größte deutsche Mannschaft, die es je bei einer EM gab. Die gesamte Saison sei auf Berlin ausgerichtet gewesen, sagte Gonschinska. „Eine internationale Meisterschaft zu Hause zu haben ist immer etwas ganz Besonderes. Für alle Athleten, alle Betreuer.“ Sie alle hätten sich dem eigenen Publikum möglichst gut präsentieren wollen. „Natürlich gelingt das in so einer großen Mannschaft nie jedem einzelnen. Bei aller Mühe kann man eine Meisterschaft nie perfekt vorbereiten. Aber wir haben sehr viele Sportler gesehen, die es sehr gut gemacht haben.“

Bei einigen Sportlern schwingt schon länger ein Doping-Verdacht mit

So positiv das alles ist, auch über diesem Fest der Leichtathletik hing ein dunkler Schatten. Es gab mindestens eine Sportlerin zu sehen, die unter konkretem Dopingverdacht steht. Die Schwedin Meraf Bahta holte über 10.000 Meter Bronze, sieht sich in ihrer Heimat aber einer Untersuchung ausgesetzt. Auch den 200-Meter-Europameister Ramil Guliyev umwabern seit Jahren Dopinggerüchte. Überführt wurde er noch nie. Der für die Türkei startende Aserbaidschaner hatte den Titel in starken 19,76 Sekunden gewonnen. Der Beifall auf seiner Ehrenrunde fiel auffallend leise aus.

Russische Sportler waren in Berlin nur in geringer Zahl am Start, 29 durften unter neutraler Flagge antreten. Sie hatten nachweisen können, von neutralen Stellen getestet worden zu sein. Der Weltverband IAAF hat Russland wegen dessen Umgangs mit dem staatlich orchestrierten Doping komplett ausgeschlossen. Es sei noch ein weiter Weg, bis an eine Rückkehr zu denken sei, hieß es in Berlin von Seiten der IAAF. Das wiederum stimmte den Anti-Doping-Experten Hajo Seppelt zumindest vorsichtig optimistisch. Der Journalist hatte den russische Dopingskandal aufgedeckt und attestierte der Leichtathletik am Rande der EM, sich vergleichsweise ernsthaft im Kampf gegen den Sportbetrug zu engagieren. Perfekt gelingt das aber längst nicht, da machen auch der DLV und die deutsche Nada keine Ausnahme. 18 deutsche EM-Starter wurden im Vorfeld der EM kein einziges Mal getestet, weil sie keinem Bundeskader angehörten.

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