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Die Nationalelf und die Mär von den flachen Hierarchien

Die Nationalelf und die Mär von den flachen Hierarchien
Glosse Von Florian Eisele
16.10.2019

In der Nationalmannschaft wurde der Mannschaftsrat abgeschafft. Dass dies ein folgenschwerer Fehler ist, wird spätestens beim nächsten Grillabend klar werden.

Die hierarchische Struktur in einer Fußballmannschaft und eine Ausbildung bei den US Marines – diese beiden Dinge dürften bis in die späten 90er Jahre noch sehr viel Deckungsgleichheit gehabt haben. Motto: Der Mensch muss gebrochen und neu geformt werden.

Wer sich mit Ex-Kickern über deren aktive Zeit austauscht, bekommt einen Schenkelklopfer nach dem anderen serviert. Bastian Schweinsteiger berichtet stets, dass der in der Bayern-Kabine neben ihm sitzende Oliver Kahn in seiner Anfangszeit kein Wort mit ihm gesprochen habe – soweit noch alles völlig normal. Schweini habe sich nur gewundert, dass auf seinem Platz kein Handtuch lag und bei Kahn gleich zwei. Irgendwann überließ der Titan ihm aber gönnerhaft auch dessen Handtuch.

Das waren klare Strukturen, wie sie von der Bundesliga bis in die B-Klasse gab. Mittlerweile sind die Hierarchien flacher. Jugendspieler dürfen dem Team-Kapitän direkt in die Augen sehen oder sogar unaufgefordert sprechen.

Die Nationalelf und die Mär von den flachen Hierarchien

Mannschaftsrat abgeschafft: Felix Magath weint leise in einen Medizinball

Aus dem Lager der Nationalmannschaft drang nun seltsame Kunde an die Öffentlichkeit: DFB-Direktor Oliver Bierhoff verkündete, dass der Mannschaftsrat offiziell abgeschafft wird. Dies sei nicht mehr zeitgemäß und „Ausdruck von gegenseitigem Vertrauen und gelebten flachen Hierarchien“, so Bierhoff. Kommunizieren könne man auch über eine App.

Mal abgesehen davon, dass Felix Magath, als er diese Sätze vernommen hat, leise in einen Medizinball geweint hat: Dass sich die Nationalmannschaft damit keinen Gefallen tut, dürfte klar sein. Die Mär von den vermeintlich besseren flachen Hierarchien wird spätestens dann auserzählt sein, wenn es darum geht, wer nach dem Spiel den Kasten mit dem kühl gestellten Bier in die Kabine bringt. Wer organisiert das Grillfest, wer sorgt dafür, dass die Playstation-Controller stets aufgeladen sind? Eben. Das alles sind originäre Aufgaben eines Vergnügungswartes.

Am Ende schafft eine flache Hierarchie vor allem Unklarheiten. Die Effekte werden die gleichen sein: Am Ende werden es doch wieder Jungspunde wie Robin Koch oder Lukas Klostermann sein, die abends mit ihrem Tretroller zur Tankstelle um die Ecke fahren müssen, um BiFi-Würste und Dosenbier für die ganze Mannschaft zu besorgen. Klar: Von solchen Dingen wollen die feinen Herren Bierhoff und Löw nichts wissen.

In einer Sache könnte sich das Ende des Mannschaftsrates für die beiden DFB-Silberrücken aber auszahlen: Nicht selten wird im Mannschaftsrat auch das Absägen eines Trainers vorbereitet. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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