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31.08.2017

„Er hat das verdient verloren“

US Open Alexander Zverev ist als einer der Turnierfavoriten gestartet, aber schon in Runde eins gescheitert. Was Boris Becker, der neue Chef der deutschen Tennis-Männer, davon hält

New York Als Alexander Zverev Mittwochnacht um 21.47 Uhr den Grandstand-Platz der US Open verließ, erschien die Szenerie leicht bizarr. Zverev wirkte keineswegs verkniffen oder verbittert, er winkte sogar mit ausladender Geste freundlich ins Publikum, ehe er zur Spielerlounge wegmarschierte. Er machte gute Miene zum bösen Spiel, er sah nicht wie ein Verlierer aus, aber er war ein Verlierer. Sogar der Verlierer des Tages. Und der prominenteste Verlierer in der Herrenkonkurrenz überhaupt bisher.

Jedenfalls verabschiedete sich mit ihm, dem jüngeren Zverev-Bruder, ein Mann schon in Runde zwei von diesem Grand-Slam-Turnier, der nach dem Eindruck der meisten Experten und Profikollegen und auch nach seiner eigenen Wahrnehmung ganz oben auf der Liste der möglichen Pokalkandidaten stand. Aber die Zahlen, die schließlich auf der Anzeigetafel der Grandstand-Arena aufschimmerten, sprachen eine deutliche Sprache – schwarz auf weiß stand es da geschrieben, das ungenügende 6:3, 5:7, 6:7 (1:7), 6:7 (4:7)-Abschlusszeugnis für den 20-jährigen Hamburger gegen den Kroaten Borna Coric.

An Selbstkritik, an schonungsloser Analyse war nach dem Absturz aus lichter Höhe kein Mangel bei ihm, dem vermeintlichen, dem gefühlten Mitfavoriten: „Das ist eine riesige Ernüchterung. Das tut weh“, sagte Zverev, „ich habe viel zu vorsichtig gespielt, das war der Wahnsinn.“ Seinen Level bei diesem Turnier nannte er „schlicht katastrophal.“

Ganz verschwunden ist der Name Zverev bei diesen amerikanischen Meisterschaften des Jahres 2017 nun aber nicht: Mischa, der 30-jährige Bruder, gewann eine Fünf-Satz-Nervenschlacht gegen den Franzosen Benoit Paire mit 6:3, 6:2, 3:6, 6:7 (3:7) und 6:4. Auch ihn ließ die Pleite für den Jüngeren nicht kalt: „Es wird dauern, bis er darüber wegkommt. Vielleicht hat ihm der letzte Biß gefehlt, vielleicht war er zu selbstsicher.“ Er selbst kann nun die Familienehre weiter tapfer verteidigen, in der nächsten Runde gegen den US-Riesen John Isner.

Alexander, der neue deutsche Tennis-Superstar, der Mann, dem renommierte Blätter wie die New York Times vor den US Open lange Aufmacher-Geschichten widmeten, war schon oft in dieser Saison hoch, sehr hoch geflogen, auch in einem bestechenden Sommer in Nordamerika, in dem er sogar zwei Turniere hintereinander gewann. Doch der Tennis-Sonne, dem ganz großen Ruhm, kam er noch nicht näher, das bittere Ausscheiden im Big Apple reihte sich in eine Bilanz des Mißvergnügens bei den Grand Slam-Festivitäten ein. Das Scheitern in New York war allerdings, genau so wie tags zuvor bei Angelique Kerber, ein besonders bitterer Moment: Denn in der unteren Auslosungshälfte war nach vielen Absagen und ersten Favoritenstürzen Zverev als bestplatzierter Spieler aus der Hackordnung verblieben. Das Feld war, wie es in der Sportsprache heißt, weit offen, es war aber auch eine trügerische Gemengelage. John McEnroe, der frühere Oberflegel und heutige Tennis-Weise, fasste das so zusammen: „Ein Sieg gegen Alexander Zverev ist schon eine Trophäe geworden.“

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Zverevs Spiel gegen seinen Generationskollegen Coric wirkte auf keinen Fall zwingend genug, eher zu leichtfertig in vielen Situationen. Er war selbstsicher, wohl zu selbstsicher ins Match gegangen, und als er die heftige Gegenwehr des Kroaten spürte, verkrampfte er schnell. „Wenn du den Ball nicht vernünftig auf dem Schläger spürst, kannst du den Schalter auch nicht einfach umdrehen.“ Angst lähmte den Youngster fortan, statt beherzt die Initiative zu ergreifen, verfiel er in Schockstarre, ließ sich auf ermüdende Grundlinienduelle mit Coric ein. „Er hat das verdient verloren, keine Frage. Er hat über weite Strecken viel zu passiv gespielt“, befand Boris Becker, der mit dreitägiger Verspätung in New York eingetroffen war, als Eurosport-Experte, aber auch in seiner Eigenschaft als Oberaufseher des deutschen Herrentennis.

Becker hatte am vergangenen Mittwoch, bei seiner Inthronisation in Frankfurt, als einer der wenigen die mahnende Stimme im allgemeinen Zverev-Hype erhoben. „Tourtennis und Grand-Slam-Tennis, das sind zwei unterschiedliche Welten“, sagte der 49-jährige Altmeister, „bei den Majors muss sich Alexander erst noch beweisen.“ Dieser Beweis ist nun aber auf das Jahr 2018 vertagt, und deshalb fallen auch einige Schönheitsfehler ins Auge, bei Zverevs Gesamtbilanz nach den ersten acht Monaten der aktuellen Spielzeit.

Die Hoffnungen, auch von Zverev selbst, auf einen nachhaltigen Grand-Slam-Durchbruch blieben unerfüllt, am Ende setzte es sogar einen schweren Hieb fürs Selbstwertgefühl des 20-Jährigen. „Man wird ihn jetzt drei Tage nicht ansprechen können, das steckt er nicht so einfach weg“, sagte Bruderherz Mischa, „aber er ist ein kluger Kerl, er wird lernen daraus. Und noch ist das Jahr nicht vorbei für ihn.“

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