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Freiheitsdressur
19.03.2019

Der mit den Pferden spielt

Volle Konzentration auf den Chef.
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Volle Konzentration auf den Chef.
Foto: Foto: Stefanie Sayle

Alex Giona tritt bei Equila in München mit acht entspannt wirkenden Wallachen auf. Die Tiere zeigen Dressur-Kunststücke ohne Druck und Drill. Wie er sie so weit bringt

Fabuloso will stänkern. Unfassbar langweilig ist das Training im Moment. Schließlich steht er schon minutenlang zwischen seinen Kollegen herum und keiner kümmert sich um ihn. Vor allem nicht sein Chef. Fabuloso tritt nervös von einem Bein aufs andere, schlägt ungeduldig mit dem Kopf – und zwickt seinen Nachbarn blitzschnell mit den Zähnen in den Hals. Der Kollege quiekt empört auf.

„Fabuloso! Fabuloso!“ Alex Gionas Stimme klingt energisch, aber nicht aggressiv, eher wohlwollend mahnend. Während er mit einem anderen Pferd in der Mitte der Arena trainiert, hat der Chef genau mitverfolgt, was die wartenden Wallache an der Bande treiben. Fabuloso hält abrupt inne, wie ein beim Spicken ertappter Schulbub. Kopf nach unten, stillhalten, bloß keinen weiteren Rüffel einfangen.

„Sie dürfen keine Angst haben, müssen mich aber als Chef respektieren“, sagt Alex Giona. Seit 2017 zeigt der 44-jährige Italiener in der Pferdeshow Equila im Münchner Showpalast seine Freiheitsdressur mit acht weißen Wallachen. Vom Boden aus dirigiert er die gemischte Herde spanischer und portugiesischer Pferde. Spielerisch, scheinbar mühelos präsentieren die anmutigen Tiere Lektionen der hohen Dressurkunst – allein oder in der Gruppe, ohne Zaumzeug, ohne Sattel und vor allem: ohne Reiter.

Alex Giona ist über das Reiten zur Freiheitsdressur gekommen. Jahrelang war er unter anderem als Trickreiter im Einsatz, zeigte ebenso waghalsige wie akrobatische Kunststücke auf dem galoppierenden Pferd, sprang auf das dahinjagende Kraftpaket hinauf und hinab – bis er im Jahr 2000 bei einem solchen Stunt unglücklich landete. Die Diagnose: komplizierter Beinbruch.

Auf die Pferde wollte und konnte Giona dennoch nicht verzichten. Mit Metallteilen im Bein saß er nach dem Unfall auf einem Stuhl in der Mitte der Arena und begann mit den Tieren so zu arbeiten. Als er wenigstens wieder laufen durfte, ging er dazu über, sie stehend und gehend zu dirigieren. Sehr zum Amüsement der Menschen in seiner italienischen Nachbarschaft: „Die haben mich ausgelacht.“ Wieso ein Mann, dessen Familie bei Verona noch heute ein großes Anwesen mit 60 Pferden besitzt, nicht wie ein Gutsherr hoch zu Ross über das Anwesen stolzierte, sondern neben und vor seinen Tieren herrannte, war ihnen unbegreiflich.

Doch Alex Giona hatte eine neue Berufung gefunden. Die weitgehend körperlose Kommunikation mit dem Pferd fasziniert ihn. „Ich agiere auf Augenhöhe mit dem Tier“, erklärt er. Vom Sattel aus könne er sich mit dem Pferd nur über Druck und Gewicht verständigen. Vom Boden aus und unter ständigem Blickkontakt veranlasst er die Tiere mit jeder kaum wahrnehmbaren Bewegung des eigenen Körpers, vorwärts, rückwärts oder zur Seite zu gehen. Ein Tupfer mit der Gerte, die er als seinen verlängerten Arm bezeichnet, animiert die Schimmel, im Spanischen Schritt die Vorderbeine gestreckt fast bis in die Waagrechte zu heben oder in tänzelnden, nach oben ausholenden Bewegungen in der Passage zu schweben.

Endlich ist Fabuloso dran! Er darf zum Chef in die Mitte kommen, während die Kollegen an der Bande sich weiter langweilen müssen. „Pasa. Pasa“, fordert Giona den unverkennbar auf ihn fokussierten Wallach auf. Eifrig hebt der Schimmel die Beine, scheint phasenweise in der Luft zu stehen.

„Früher war es mir wichtig, dass die Dressurlektionen perfekt aussahen, dass die Beine beim Spanischen Schritt möglichst waagrecht in der Luft standen“, erinnert sich Giona. Heute setzt er andere Prioritäten. „Ich möchte, dass die Pferde mit mir arbeiten, weil sie es wollen.“ Die Tiere sollten sich leicht und spielerisch bewegen. Sie sollen Spaß haben.

Was angesichts der Voraussetzungen, die die Pferde mitbringen, manchmal gar nicht so leicht ist. Vecoso zum Beispiel, ein eher zierlicher Wallach, der seit zehn Jahren mit Alex Giona lebt und arbeitet. Etwas verschrammt sieht der Schimmel aus, unübersehbare Narben prangen auf seiner Brust und um seine Schultern herum – Verletzungen aus einem früheren Leben. Mit vier Jahren wurde das Tier bereits in seiner portugiesischen Heimat im Stierkampf eingesetzt und offenbar mehrfach verletzt. Als es zu Alex Giona kam, saß das Misstrauen gegen Menschen bereits tief.

Oder Fabuloso, der Unruhestifter. Mit 15 ist er der Dienstälteste in Gionas Truppe. Er landete dort, weil er als Reittier für die anspruchsvollen Lektionen der Hohen Schule zwar geeignet, mit der Zeit aber nicht mehr kooperativ war. In der gleichen Verfassung wie er kamen schon viele Pferde zu Alex Giona: ausgebeutet, misstrauisch, enttäuscht von den Menschen.

Wenn es einem gelinge, sich genau diese Tiere zu Verbündeten zu machen, seien sie die verlässlichsten und treuesten Partner, ist Giona überzeugt. Doch der Weg ist weit. Zwei Jahre braucht es im Schnitt, bis ein Pferd in der Show auftreten kann.

Für Alex Giona ist oberstes Kriterium, dass ihm die Tiere vertrauen – ein Prozess von unabsehbarer Dauer. „Zuerst gewöhnen wir sie an ihren Namen“, erzählt Alex Gionas Neffe Gianluca, der nicht in der Show, aber hinter den Kulissen viel mit den Tieren arbeitet. „Pacco! Pacco!“ habe er ständig gerufen, als dieses Pferd neu zur Gruppe gestoßen sei: beim Füttern, bei der Pflege, bei den ersten Versuchen der Zusammenarbeit. Ebenso ungewöhnlich wie auffallend an den Giona-Pferden: Jedes scheint zu wissen, wie es heißt, reagiert explizit auf seinen Namen, kommt zum Chef in die Mitte, wenn es gerufen wird. „Das festigen wir in der Anfangsphase“, versichert Gianluca.

Dann wird jedes neue Pferd an die Kollegen gewöhnt – und an das künftige Umfeld: wechselnde Unterbringung, mitunter grelles Licht, für sensible Pferdeohren laute Musik, applaudierendes, bisweilen johlendes Publikum. „Wir machen das nach und nach“, erklärt Alex Giona. Die Reizschwelle werde kontinuierlich erhöht. Sobald die Pferde ihm uneingeschränkt vertrauten und sich sicher fühlten, sei das Gefahrenpotenzial kalkulierbar. Wenn alles funktioniert, haben die Pferde nach seinen Worten sogar Spaß an der Show. „Sie kennen die Abläufe genau. Die wissen exakt, wie sich die Anfangsmusik anhört, zu der sie in die Halle kommen, und wie die Schlussmusik, zu der sie hinausjagen.“

Basis für eine derart hohe Toleranzschwelle beim Fluchttier Pferd ist nach Alex Gionas Worten nur bedingungsloses Vertrauen in das Leittier, also ihn. Dass Fabuloso vor 1700 lärmenden Zuschauern im Showpalast genauso entspannt dasteht und auf seinen Einsatz wartet wie im Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit, habe seinen Ursprung darin.

Schon als Kind sammelte Alex Giona erste Erfahrungen im Umgang mit Huftieren: Er dressierte einen Esel. Seither hat ihn diese Faszination nicht mehr losgelassen. Bleibt da Zeit für andere Interessen? „Ja, die Familie“, beteuert der dreifache Vater, dessen Sohn Diego die Hauptrolle in der Equila-Show spielt, während Tochter Giulia in den Dressurvorführungen des Programms mitreitet. Daran, dass er die Pferde zur Familie zählt, lässt er keinen Zweifel.

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