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Biathlon

14.07.2016

Laura Dahlmeier und Urlaub: eine anstrengende Angelegenheit

Laura Dahlmeier und ihre Ausbaute bei der WM in Oslo: fünf Starts, fünf Medaillen.
Bild: dpa

Laura Dahlmeier sammelt im Winter Biathlon-Medaillen. Auch im Sommer lassen sie die Höhenlagen nicht los. Zuletzt war sie im Himalaya unterwegs. Ein Interview.

Urlaub hat für Laura Dahlmeier nichts mit Strand und Hängematte zu tun. Ganz im Gegenteil: Im Mai reiste sie nach Nepal und bestieg zwei Sechstausender. Inzwischen steckt die Biathlon-Weltmeisterin von Oslo wieder voll in der Vorbereitung auf die neue Saison.

Wie würden Sie Ihren Urlaub in der Kurzform beschreiben?

Dahlmeier: Nepal, vier Wochen. Ich war mit zwei Mädels unterwegs, haben dann noch zwei Burschen aus Garmisch getroffen zum Bergsteigen. Wir waren am Anfang und Ende kurz in Katmandu, insgesamt sechs Tage, und haben da ein bisschen Kultur und Urlaub gemacht. Das Hauptaugenmerk lag aber auf unserer Expedition. Als Hauptziel hatten wir uns den Ama Dablam mit 6800 Metern ausgesucht. Vorweg noch den Island Peak, der auch etwas mehr als 6000 Meter hoch ist. Vorher haben wir noch eine Trekking-Tour gemacht, um uns für unseren Berg zu akklimatisieren.

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Klingt nach einem gelungenen Urlaub...

Dahlmeier: Es war supercool. Es war schon lange ein Traum von mir, nach Nepal zu fahren. Ich wollte sehen, wie die Menschen da leben, wie hoch die Berge wirklich sind. Das sind schon andere Dimensionen, als hier. Ich bin froh, dass ich diese Möglichkeit hatte.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Dahlmeier: Es ist ja schon was ganz anderes, wenn man nach Katmandu kommt. Hunderttausend Autos und Motorräder fahren kreuz und quer durcheinander, jeder hupt. Und es gibt extreme Unterschiede. Auf der einen Seite sind ganz arme Menschen auf der Straße und mit der Hand einen Wetzstein bedienen um die Messer zu schleifen. Und daneben ist das Handy-Geschäft. Das ist total verrückt und echt krass. Dann sind die Menschen sehr gläubige Buddhisten und Hinduisten. Selbst als Tourist bekommt man davon einen sehr guten Eindruck, weil du da gleich so mitten drin bist.

Der Flughafen im Himalaya hat einen legendären Ruf als gefährlichster der Welt. Wie war die Anreise aus Katmandu?

Dahlmeier: Das fing damit an, dass wir echt wilde Geschichten von dem Flughafen Lukla gehört haben. Die Landebahn ist nur gut 500 Meter lang und kann nur von kleinen Propellermaschinen angeflogen werden. Da hatte ich schon Bedenken, ob das alles klappt. Aber wir haben uns dann gesagt, dass die Stewardess das wahrscheinlich schon seit 15 Jahren jeden Tag macht – dann wird das schon gut gehen, wenn wir mitfliegen. Und es ist ja alles gut gegangen.

Wie war die Umstellung von der Zivilisation auf das Leben im Hochgebirge?

Dahlmeier: Krass war einfach, dass es da oben keinerlei Verkehrsmittel gibt. Da kann man weder Radlfahren noch Motorrad, an Auto gar nicht zu denken. Manchmal hört man einen Hubschrauber, aber du musst eigentlich alles zu Fuß machen. Wir wollten das ja so haben. Aber von den Menschen, die da oben leben, war ich echt beeindruckt. Die tragen Lasten, das können wir uns gar nicht vorstellen. 30 Kilo sind das ganz normale Tagesgeschäft. Um mehr Geld zu verdienen, gibt es eine Double-Load bis zu 60 Kilo. Das Extremste, was wir gesehen haben, war einer, der drei schwere Gasflaschen getragen hat. Wir haben überschlagen, dass das mindestens 80 Kilo waren. Wenn ich Kniebeugen mache mit 50 oder 60 auf den Schultern, dann bin ich froh, wenn ich nach 15 Wiederholungen wieder aufhören kann. Und die tragen das drei Tage lang und bekommen am Ende zwölf Dollar dafür. Das ist ein knallharter Job und die sind dabei noch gut darauf und lachen. Das hat mich sehr beeindruckt und davor habe ich höchsten Respekt. .

Das relativiert Einiges, was uns wichtig erscheint...

Dahlmeier: Auf jeden Fall. Da gibt es auch keine Dusche, da wird sich am Bach gewaschen. Das Leben ist da oben wirklich sehr einfach. Und die Leute sind glücklich und zufrieden.

Wie verliefen dann die beiden Bergtouren?

Dahlmeier: Am Anfang war es deutlich wärmer, als wir gedacht hatten. Wir haben und gut akklimatisiert. Wir wollten einfach eine gute Zeit haben. Klar hatten wir unsere Ziele, aber viel wichtiger war, dass wir einen schönen Urlaub hatten. Wir wollten nicht zu ehrgeizig sein. Allgemein waren die Verhältnisse in Nepal sehr schwierig. Im Winter hat es fast gar keinen Niederschlag gegeben, weshalb die Berge sehr blank waren – wie bei uns im Spätherbst. Das war dann auch schon am Island Peak, der als einfachster Trekking-6000er gilt, ein Problem. Alles blitzblank. Es war sehr anspruchsvoll. Es wird generell immer schwieriger, was auch am Klimawandel liegt. Es ist deutlich trockener, hat fast keinen Schnee und damit weniger Eisauflage. Wir sind aber hoch gekommen und dann weiter zum Ama Dablam.

Über 6800 Meter ist der hoch. Hört sich nach einem anstrengenden Aufstieg an...

Dahlmeier: Ja, das stimmt. Erst einmal mussten wir unsere Camps installieren, also Lager I und Lager II. Das heißt, wir haben unsere ganze Ausrüstung und Verpflegung vortragen, jeden Liter Wasser. Das war ein hartes Stück Arbeit. Und dann saßen wir gleich mal vier Tage im Basecamp fest, weil das Wetter sehr schlecht war. Das hat uns natürlich den gesamten zeitlichen Ablauf durcheinander gebracht. Wir hatten deshalb nur einen Versuch, den Gipfel zu erreichen. Als wir aufgebrochen sind, tobte schon fast ein Schneesturm. Untertags wurde es zwar besser. Auf den letzten Metern hat es dann aber wieder zugezogen. Zudem waren wir schon spät dran und wir haben gemeinsam entschieden, nichts zu riskieren. Wir waren schon ziemlich am am Ende, es war super anstrengend und wir mussten 300 Meter vor dem Gipfel umdrehen. Das Risiko war einfach zu groß. Schließlich mussten wir ja auch alles wieder runter.

Wie lange hat dann die ganze Expedition gedauert?

Dahlmeier: Wir sind um zwei in der Nacht aufgebrochen und sind dann abends um sechs Uhr wieder zurück gewesen. Es folgte die zweite Nacht im ausgesetzten Camp auf 6050 Meter Höhe und am nächsten Tag mussten wir unser ganzes Zeug wieder zusammen packen und mit ins Basislager nehmen. Da waren wir kurzzeitig richtig, richtig fertig.

Selbst eine Weltklasse-Biathletin wie Sie?

Dahlmeier: Ja (lacht). 6500 Meter hört sich jetzt vielleicht gar nicht so hoch an, aber da muss man schon anders schnaufen. Das ist echt brutal, wie man da an seine Grenzen stößt.

Mit einem entspannten Strandurlaub zur Erholung von einer langen Saison hat das dann aber eher wenig zu tun.

Dahlmeier: Naja, es waren halt vier oder fünf richtig anstrengende Tage. Aber ansonsten war es nicht so stressig. Wir hatten schon viel Zeit, um uns Land und Leute anzuschauen oder auch einfach nur zu ratschen. Und Strandurlaub ist eh nichts für mich. Nach der Rückkehr habe ich noch eine Woche ruhig gemacht und bin dann wieder ganz normal ins Training eingestiegen.

Wie sieht der Sommer einer Biathletin aus, wenn Sie gerade nicht im Himalaya unterwegs ist?

Dahlmeier: Also am allerliebsten liegen wir im Liegestuhl und trinken Kaffe. Dazwischen noch ein bisschen zum Physio gehen, dann läufts im Winter sehr gut (lacht)...

Genau so stellt man sich das vor...

Dahlmeier: Ne, im Ernst: Bis August machen wir sehr sehr viel Grundlagentraining. Joggen, Bergläufe, Radeln, Krafttraining, Schießen und vor allem viel Skirollern.

Wie gut kann man auf Skirollern an der Lauftechnik arbeiten?

Dahlmeier: Sehr gut. Da gibts fast keinen Unterschied zu den Skiern.

Woran muss die Weltmeisterin noch arbeiten?

Dahlmeier: Hohe Hüfte, prägnanter Beinabdruck.

Und das bedeutet?

Dahlmeier: Ich soll nicht so hinten drin sitzen. Nach dem Abdruck aufs Gleitbein kommen und mit der Hüfte nach vorne, so dass auch der Schwung nach vorne geht.

Wie viele Trainingsschüsse geben Sie im Laufe des Sommers ab?

Dahlmeier: Schwer zu sagen. In einer Trainingseinheit 100 bis 150 Schuss. Wir Schießen drei- bis viermal in der Woche. Gegen Ende des Sommers werden es weniger Schuss, weil wir dann mehr Komplextraining machen, also Laufen – Schießen, Laufen – Schießen. Ich denke, dass wir insgesamt pro Jahr auf rund 10 000 Schuss im Sommer kommen.

Das Training hat sich im vergangenen Winter ausgezahlt. Von der WM in Oslo kehrten Sie mit einem Titel und fünf Medaillen zurück. Was schießt Ihnen als erstes durch den Kopf, wenn Sie an Oslo denken?

Dahlmeier: Am besten kann ich mich eigentlich an dieses Medaillen-Foto danach erinnern, bei dem ich die fünf Medaillen umgehängt hatte. Ich frage mich auch heute noch manchmal, ob das wirklich real war, ob das wirklich passiert ist. Fünf Medaillen aus fünf Rennen, das kann ich immer noch nicht so richtig fassen. Wahnsinn, wie da alles aufgegangen ist.

Sie sind dadurch endgültig ins Rampenlicht getreten. Was für Auswirkungen hat das auf Ihr Leben?

Dahlmeier: Für mich ganz persönlich hat sich gar nicht so viel geändert. Ich bin immer noch der gleiche Mensch. Aber man merkt natürlich schon das ganze Drumherum. In Katmandu am Flughafen wurde ich angesprochen: Hey, du bist doch die Laura Dahlmeier. Gestern waren wir auf der Zugspitze beim Laufen und es ist krass, wie viele Leute mich jetzt erkennen. Das ist mir schon ein bisschen unheimlich. Egal wo man hin kommt, sagt jemand „Hallo Laura“ – und ich frage mich: Kennen wir uns? Es gibt auch mehr Anfragen für Interviews und von Sponsoren. Aber es macht natürlich auch Spaß, wenn man merkt, dass man gefragt ist.

Lenkt das vom Sport ab, denn das kostet ja alles Zeit?

Dahlmeier: Das ist das Problem. Du brauchst ein gutes Zeit-Management. Ich könnte mich problemlos auch die ganze Woche nur mit dem Drumherum beschäftigen und keine Stunde zu trainieren. Das Wichtigste ist, den Fokus nicht zu verlieren. Der Sport steht an erster Stelle. Da muss man jetzt einfach die richtige Mischung finden.

Was haben Sie sich für die nächste Saison vorgenommen?

Dahlmeier: Ich weiß, dass die WM in Oslo perfekt für mich war. Das wird ganz ganz schwer zu toppen sein oder auch zu wiederholen. Für mich ist einfach wichtig, gesund zu bleiben und Konstanz zu zeigen. Ich will möglichst viele Rennen auf einem hohen Niveau absolvieren. Die WM ist nächste Saison in Hochfilzen. Das ist nicht weit weg und für uns schon fast wie eine Heim-WM. Da will ich wieder angreifen und vielleicht kann ich wieder ein Wörtchen mitreden, wenn es um die Medaillen geht.

Eine Ihrer größten Stärken ist die Coolness am Schießstand. Kann man das Lernen oder ist das ein Talent?

Dahlmeier: Das ist schon viel Veranlagung. Es gibt eben viele Leute, die sind grundsätzlich eher ängstlich. Oder eben solche, die eher cool und entspannt sind. Ich glaube, von dem zweiten Paket habe ich schon einiges mitbekommen.

Interview: Andreas Kornes

 

Laura Dahlmeier

Geboren am 22. August 1993 in Garmisch-Partenkirchen

Debüt im Weltcup: Februar 2013

Größte Erfolge: Weltmeisterin 2015 (Staffel in Kontiolahti) und 2016 (Verfolgung in Oslo) – insgesamt sieben WM-Medaillen. Dazu kommen zwölf Weltcupsiege, fünf davon mit deutschen Staffeln. Drei Titel bei der Junioren-WM 2013 in Obertilliach.

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