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Interview

25.03.2019

Steinhaus: "Spieler sind einer Frau gegenüber zurückhaltender"

Sie war die erste und ist bis heute die einzige Schiedsrichterin in der Fußball-Bundesliga der Männer: Bibiana Steinhaus.
Bild: Soeren Stache, dpa

Exklusiv Bibiana Steinhaus ist die erste und einzige Schiedsrichterin in der Fußball-Bundesliga der Männer. Wie ihr das gelungen ist und was sie besonders schmerzt.

Wie haben Sie die Aufregung in Erinnerung, die Fußball-Deutschland erfasst hat, als Sie vor knapp zwei Jahren als erste Frau in die Männer-Bundesliga aufgestiegen sind?

Bibiana Steinhaus: Ich war ob der Aufmerksamkeit, die meiner Person zuteilwurde, überrascht. Ich hatte schon Bundesliga, Länderspiele, Europa- und Weltmeisterschaftsspiele der Frauen geleitet und dabei auch nichts anderes gemacht als meine Kollegen. Andererseits habe ich das Medieninteresse verstanden, weil eben erstmals in einer europäischen Top-Liga eine Frau Schiedsrichterin ist. Was ich besonders schön fand, ist, dass dieses Interesse schon mit dem zweiten Spiel neutralisiert war. Ab dann ging es nur noch um die Leistung.

Hatten Sie das Gefühl, dass auf Ihrem Weg in die Bundesliga völlig offen entschieden wurde oder dass andere Gründe eine Rolle gespielt haben, dass sie Teil einer taktischen Entscheidung waren, den DFB besonders fortschrittlich dastehen zu lassen?

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Steinhaus: Die Medien hatten meine Zweitliga-Laufbahn ja lange verfolgt und waren bestens darüber informiert, wie ich in den Jahren so abgeschnitten hatte. Ich bin sehr froh und dankbar, dass die verantwortlichen Personen mir 2017 das Vertrauen ausgesprochen haben.

Im Sinne von: Eigentlich hätte die Frau schon viel früher nach oben gehört…

Steinhaus: Die Frage hätte man auch stellen können. Im Schiedsrichterwesen sind natürlich die Leistungen ausschlaggebend. Es gilt aber auch immer, das Gesamtbild zu betrachten.

Welche Rolle spielt unter Schiedsrichtern Konkurrenz, wie sehr ist Ihnen Neid begegnet?

Steinhaus: Wir Schiedsrichter haben ein gesundes Konkurrenzdenken und eine gesunde gegenseitige Motivation. Wir sind ja allein auf weiter Flur. Wenn wir uns nicht gegenseitig unterstützen, wer macht es dann? Trotzdem reiben wir uns auch, um besser zu werden.

Verglichen mit dem Hype um ihren Bundesliga-Start ist inzwischen große Normalität eingekehrt. Was ist da passiert?

Steinhaus: Danke für das Kompliment. Ja, ich werde inzwischen genauso wahrgenommen wie meine männlichen Kollegen auch. Es war tatsächlich sehr schnell kein Thema mehr, welchem Geschlecht ich angehöre.

Das war so nicht zu erwarten gewesen… Ist unsere Gesellschaft hier doch fortschrittlicher als gedacht?

Steinhaus: Es liegt immer auch an den handelnden Personen, dass sie die Rolle so ausfüllen, wie sie das gerne möchten. Das gilt genauso für berufliche und gesellschaftliche Konstellationen.

Woran orientieren Sie sich dabei?

Steinhaus: Wichtig ist, authentisch zu bleiben. Was man tut, wie man entscheidet und wie man mit anderen Menschen umgeht. Wenn ich auf mich zurückschaue auf die Zeit, als ich in der zweiten Liga begann, Spiele zu leiten, hatte ich kurze Haare und trug immer das Einheitsoutfit der Männer. Ich war darum bemüht, in der Gruppe der Schiedsrichter nicht aufzufallen und meinen Weg zu gehen. Das ist natürlich nur bedingt möglich, wenn es wie jetzt unter 26 Erstliga-Schiedsrichtern nur einen mit blondem Pferdeschwanz gibt. Ich werde mich in dieser Gruppe nicht verstecken können. Es hat gedauert, dies zu akzeptieren. In der Aufgabe, die ich als Frau wahrnehme, gilt es nicht, der bessere Mann zu sein, sondern meine Authentizität zu bewahren.

Sie gibt den Ton auf dem Spielfeld an: Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus genießt bei den deutschen Fußballern Respekt. Seit mehreren Jahren pfeift sie Spiele der 1. und 2. Bundesliga. 
Bild: Hendrik Schmidt, dpa

Wünschen Sie sich fraulichere Schiedsrichterkleidung?

Steinhaus: Als ich anfing, gab es nur die männliche Ausstattung. Heute ist es anders. Man muss nur lange genug am Ball bleiben. Adidas bietet inzwischen Schiedsrichterbekleidung im Frauenschnitt an.

Für Ihr erstes Spiel in der Männer-Bundesliga, Hertha gegen Bremen am 10. September 2017, gab es reichlich Lob…

Steinhaus: Eine solche Bewertung hat immer auch etwas mit den Menschen zu tun, mit denen man zusammenarbeitet. Spieler, Trainer, Betreuer und andere Verantwortliche. Sie haben mir damals eine faire Chance gegeben. Gerade die Spieler. Sie haben sich auf die Situation eingelassen.

Wie kommunizieren Sie mit den Spielern?

Steinhaus: Wenn mir ein Spieler zum ersten Mal begegnet, ist es wie anderswo im Leben auch, man muss zuerst die Situation und die Verhältnisse klären. Wenn das geschehen ist, wird der Austausch einfacher. Grundsätzlich pflegen wir einen höflichen Umgangston. Das funktioniert mit einer Frau als Unparteiischer wahrscheinlich besser. Grundsätzlich sind Spieler gegenüber einer Schiedsrichterin zurückhaltender als gegenüber einem meiner männlichen Kollegen.

Wie sieht die Klärung des Verhältnisses zwischen Ihnen und einem Spieler konkret aus?

Steinhaus: Ich formuliere meine Erwartungshaltung. Das ist Führungsarbeit und gehört zu meiner Aufgabe als Schiedsrichterin. Ich sage den Spielern permanent, was ich von ihnen erwarte. Damit wissen sie, wo ich meine Grenze ziehe und was passiert, wenn sie diese Grenze überschreiten. Das kündige ich ihnen deutlich an. Ich kündige nichts an, was ich nicht bereit bin umzusetzen. Ich bluffe nicht.

Noch konkreter: Ein Spieler begeht ein Foul, für das man ihn noch ohne Verwarnung laufen lassen kann. Kündigen Sie ihm für das nächste Foul explizit die Gelbe Karten an?

Steinhaus: Ich würde einen Moment das Spiel stoppen, damit jeder mal durchschnaufen kann, und danach würde ich dem Spieler sagen, dass ich das Foulspiel erkannt habe und ich mir eine solche Aktion kein zweites Mal ungestraft anschauen werde.

Bayern-Stürmer Franck Ribéry hat Ihnen einmal im Spiel den Schnürsenkel geöffnet. Sie haben ihm die Aktion durchgehen lassen. Bei einem ihrer Kollegen hätte Ribéry sich das vermutlich nicht getraut. Hatte er bei Ihnen einen Bonus?

Steinhaus: Diese Situation zeigt deutlich die Schwierigkeit meines Jobs. Eine Situation, die so wahrscheinlich noch nie da gewesen ist, und die es wahrscheinlich auch nicht mehr geben wird. Wenn ich mich in meiner Rolle und Autorität despektierlich behandelt gefühlt hätte, wäre es mir möglich gewesen, Herrn Ribéry des Platzes zu verweisen. Das wäre auch nicht falsch gewesen. Aber ich habe das nicht als Angriff auf meine Integrität empfunden. So war das an diesem Tag. Das heißt aber nicht, dass ich an einem anderen Tag in einem anderen Spiel noch einmal genauso entscheiden würde.

Sprechen Sie Franck Ribéry mit „Herr Ribéry“ an?

Steinhaus: Ja, wir sind gehalten, die Spieler zu siezen.

Vor kurzem gab es in Deutschland eine mitreißende Handball-WM. Waren Sie neidisch auf ihre Handball-Kollegen, die von den Spielern deutlich respektvoller behandelt wurden, als dies im Fußball der Fall ist?

Steinhaus: Ich sag es allgemeiner: Fußballer können sich vom Fair Play der Handballer hier und da eine Scheibe abschneiden.

Auch dem besten Schiedsrichter bleiben Fehlentscheidungen nicht erspart. Wie gehen Sie damit um?

Steinhaus: Mittlerweile können wir auf die Unterstützung des Video-Assistenten zurückgreifen. Das gilt aber nicht für alle Situationen. Und in Situationen, in denen der Video-Assistent nicht unterstützen darf, passieren eben auch Fehler. Wir setzen uns danach im Schiedsrichterteam sowie mit unseren Coaches zusammen und sind dann sehr mit der Analyse beschäftigt. Wo lag der Fehler im System? Wo hätten wir besser stehen können? Wer hätte helfen können? Wenn Fehlentscheidungen passieren, sind sie wirklich schmerzhaft. Das bewegt mich länger als einen Tag.

Was, wenn einem bereits in der dritten Spielminute ein Fehler unterlaufen ist und dann noch 87 Minuten zu pfeifen sind?

Steinhaus: Dann ist es wichtig, die Emotion zur Seite zu schieben und auf Krisenintervention umzuschalten – Sach- und Gefühlsebene zu trennen. Gefühle wie Ärger und Frustration beiseitestellen. Darum kümmere ich mich nach dem Spiel. Jetzt muss ich erst 87 Minuten abarbeiten. Wenn ich dem Fehler noch nachhänge, bin ich für die nächste Entscheidung nicht frei. Und die kommt ja umgehend. Schiedsrichter treffen pro Spiel bis zu 300 Entscheidungen.

Der Video-Assistent, ist er Segen oder Fluch?

Steinhaus: Er ist unser Airbag. Eine prima Hilfe, die man im besten Fall nicht braucht, die einem aber unter Umständen eine zweite Chance liefert, auf eine Situation zu schauen und sich gegebenenfalls zu korrigieren.

Sein Start allerdings war alles andere als gelungen. Was lief damals schief?

Steinhaus: Wir sind fast ein Jahr offline geschult worden. Als es dann ernst wurde, sind wir allerdings auf Herausforderungen gestoßen, die wir nicht im Blick gehabt haben. Das lief dann wie in jedem Unternehmen, in dem etwas Neues eingeführt wird – mit Höhen und Tiefen. Was wir in der Einführungsphase allerdings hätten besser machen können: das Projekt noch transparenter darstellen. Hier sind wir heute auf einem guten Weg.

Schiedsrichterin sind Sie ja nur im Nebenjob. Im Hauptberuf sind Sie Polizistin. Inzwischen verdienen Bundesliga-Schiedsrichter zwischen 50000 und 70000 Euro im Jahr. Dazu kommen 5000 Euro pro Spiel. Lockt da nicht der Gedanke, komplett zur Schiedsrichterei zu wechseln?

Steinhaus: Die Motivation eines Schiedsrichters ist nicht das Geld. Wir fangen alle klein und ehrenamtlich an. Es ist ein sehr, sehr langer Weg, bis man tatsächlich mit seinem Hobby etwas erwirtschaften kann. Ich bin so groß geworden, dass ich zuerst meinen Beruf erlernt habe und erst dann die Schiedsrichterei in ihrem jetzigen Ausmaß dazu kam. Ich habe vergangenes Jahr mit meiner Verletzung lernen müssen, dass eine Sportkarriere ganz schnell vorbei sein kann. Und mit 47 ist in Deutschland für Bundesliga-Schiedsrichter sowieso Schluss. Meine berufliche Zukunft von meiner körperlichen Leistungsfähigkeit abhängig zu machen, ist in meinem fortgeschrittenen Alter wahrscheinlich keine Option mehr.

Zur Person: Bibiana Steinhaus ist 40 Jahre alt und die erste Frau, die es als Schiedsrichterin in die Fußball-Bundesliga der Männer geschafft hat. Die Polizistin ist mit dem Engländer Howard Webb liiert, ebenfalls Polizist und ehemals Top-Schiedsrichter.

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