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Interview

13.04.2020

Tennisprofi Kohlschreiber: "Ich will meine Karriere nicht mitten in der Krise beenden"

Der 36-jährige Tennis-Profi Philipp Kohlschreiber will seine Karriere nicht inmitten der Corona-Krise beenden.
Bild: Alberto Saiz/AP/dpa

Plus Der 36-jährige Tennisprofi erklärt im Interview, was ihn an dem Sport stört und wie er mit dem nahenden Karriereende umgeht. Ein großes Ziel hat er noch vor Augen.

Philipp Kohlschreiber gehörte über Jahre hinweg zu den besten Tennisspielern Deutschlands. Mit mittlerweile 36 Jahren gehört er zu den älteren Sportlern im ATP-Betrieb - deswegen beschäftigt er sich intensiv mit der Zeit nach seiner aktiven Karriere. In Interview sagt der gebürtige Augsburger, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf sein Leben hat, warum erglaubt dass das Virus den Sport verändern wird - und welche Niederlage ihn bis heute in schmerzhafter Erinnerung geblieben ist.

Seit Kurzem leben Sie wieder in Deutschland, in München um genau zu sein. Viele Sportler müssen derzeit sehr kreativ sein, um trainieren zu können. Sie auch?

Philipp Kohlschreiber: Ich darf seit Montag mit einer Sondergenehmigung für den Profibereich wieder ein wenig auf dem Tennisplatz in Oberhaching trainieren. Einfach ein paar Bälle schlagen., unter strengen Auflagen natürlich. Vorher habe ich nicht viel gemacht. Das liegt daran, dass ich mir einen richtigen Reboot geben lassen wollte, weil ja keiner weiß, wie es weiter geht. Und wenn man das nicht weiß ist es schwierig zu sagen, ich muss so oder so trainieren. Es ist im Tennis extrem wichtig zu wissen, zu welchem Zeitpunkt man wie fit sein muss. Mein Ansatz ist, erstmal wenig zu machen. Eigentlich fast gar nichts. Bisschen laufen mit dem Hund. Wenn es dann ein bisschen konkreter wird, dass es in dreieinhalb Monaten weiter gehen könnte, dann werde ich mit meinem Trainer und Fitnesscoach die Trainingspläne besprechen.

Als Tennisprofi sind sie meiste Zeit des Jahres unterwegs – plötzlich steht alles auf Null. Wie gehen Sie damit um?

Philipp Kohlschreiber: Bis jetzt habe ich kein Problem mit der Situation. Irgendwo genieße ich die Zeit jetzt auch, weil man ja weiß, dass man nichts verpasst. Ich bin nicht verletzt. Natürlich gibt es die Einschränkungen und die Auswirkungen des Virus sind wirklich fürchterlich. Aber ich persönlich genieße es, mit meiner Frau einen Alltag leben zu können, den ich sonst noch nie hatte. Klar würde ich mich gerne mehr in meinem Job betätigen. Das ist aber nicht möglich, also versuche ich, das Daheimsein neu zu erlernen.

Daheim sind Sie ja sonst eher selten, bei mindestens 200 Reisetagen im Jahr.

Philipp Kohlschreiber: Ich fürchte, das reicht gar nicht. Ich spiele zwischen 25 und 30 Turniere im Jahr, plus die tage und Wochen, die man früher anreist. Dann spielt man ja noch Liga und Daviscup, hat vielleicht noch den ein oder anderen Sponsorentermin. Deswegen genieße ich die Zwangspause, bin aber auch froh, wenn sich die Welt wieder normalisiert.

Haben Sie im Hinterkopf schon ein Turnier, das Sie anpeilen?

Philipp Kohlschreiber: Ich glaube, dass unser Beruf als Tennisspieler brutal hart getroffen wird von dieser Krise, weil wir so international unterwegs sind. Die europäische Turniersaison wurde quasi abgesagt. Danach müsste es eigentlich nach Amerika gehen. Aber wie wir alle wissen, ist Amerika sehr hart getroffenen, steht vielleicht sogar erst am Anfang. Niemand weiß, wie lange das alles geht.

Glaubt, dass sich die Tennis-Welt verändern wird: Philipp Kohlschreiber.
Bild: Andy Wong/AP/dpa

Wie wird die Krise den Sport verändern?

Philipp Kohlschreiber: Ich denke schon, dass sich die Tenniswelt verändern wird. Ein paar kleinere Turniere werden es vielleicht nicht durch die Krise schaffen und sagen, dass das Risiko zu groß ist. Oder sie verlieren Sponsoren. Ich glaube auch, dass sich der gesamte Sport ändert. Wenn die Firmen zwei, drei Monate keine Einnahmen haben, dann kann man nicht gleich wieder ein Sponsoring betreiben wie vorher. Davon lebt aber der Sport natürlich.

Sie denken, es wird weniger Geld in den Sport fließen?

Philipp Kohlschreiber: Vielleicht denken Firmen nach der Krise noch konservativer und sagen, sie bilden lieber höhere Rücklagen und stecken weniger ins Marketing. Ich weiß es nicht, ich bin da kein Experte. Aber es gibt eine Menge Szenarien, die eintreten können. Und das kann natürlich auch die Tenniswelt treffen. Vor allem jüngere Spieler, die nicht in der glücklichen Lage sind, in den vergangenen Jahren gut verdient zu haben. Wenn du gerade so über die Runden gekommen bist, ist es jetzt natürlich brutal. Die müssen trotzdem ihre Miete, ihr Auto, ihren Trainer zahlen.

Sie hatten die Olympischen Spiele in Tokio als eines der möglicherweise letzten Highlights ihrer Karriere auf dem Plan. Jetzt wurden die Spiele um ein Jahr verschoben. Lebt der Traum von Tokio trotzdem weiter?

Philipp Kohlschreiber: Das wäre auf jeden Fall noch ein Ziel für mich. Mit 36 merke ich natürlich schon, dass bald ein neuer Lebensabschnitt beginnen wird. Natürlich will ich meine Karriere aber nicht so beenden, mitten in dieser Krise. Ich will nochmal zurück auf den Tennisplatz. Ich habe eine Ranglistenposition, mit der ich gute Turniere spielen kann. Und ich habe Anfang des Jahres auch gut gespielt. Ich will auf jeden Fall zurück kommen.

Nervt es Sie, wenn jetzt immer häufiger Fragen nach dem Karriereende kommen?

Philipp Kohlschreiber: Ne, warum sollte mich das nerven? Wir wissen alle, dass die Zeit eines jeden Sportlers irgendwann mal vorbei ist. Es ist natürlich schon so, dass ich über viele Jahre in einem Geschäft gearbeitet habe, in dem viel Druck auf einem lastet. Klar ist es ein Traumberuf und macht die meiste Zeit des Tages Spaß. Aber man steht eben auch unter Druck. Man macht sich selbst Druck. Man muss Punkte holen, um eine bestimmte Rangliste zu haben. Irgendwann wird der Geist ein bisschen schwächer und man kann dem Druck nicht mehr so standhalten, ohne dass er einen müde macht. Ich habe schon sehr viele Verletzungen weg gesteckt. Und auch das ganze Reisen kostet mich mehr und mehr Kraft. Ich merke schon, dass mir das nicht mehr ganz so leicht fällt und nicht mehr ganz so viel Spaß macht. Dann denkst du dir: Jetzt fliege ich zum sechzehnten Mal nach Indian Wells. Irgendwann ist der Reiz einfach weg, wenn man es schon so oft gemacht hat. Ich würde auf jeden Fall länger Tennis spielen, wenn alles in der Umgebung wäre. Wenn ich wüsste, die Reiserei ist nicht so weit. Aber da unser Sport extrem international aufgestellt ist, ist das schwierig.

Das Training macht Philipp Kohlschreiber weiterhin Spaß.
Bild: Daniel Bockwoldt/dpa

Es steckt auch viel hartes Training in einer Profi-Karriere. Dieser Teil macht ihnen weiterhin Spaß?

Philipp Kohlschreiber: Ja, das macht mir Spaß. So spare ich mir das Fitnessstudio, in das ich mit einem Bürojob gehen müsste. Ich arbeite in meinem Beruf an mir selbst. Ich schlage quasi zwei Fliegen mit einer Klappe.

Aber gibt es schon Momente, in denen Sie auf Ihre Karriere zurück blicken?

Philipp Kohlschreiber: Nein, ich bin eigentlich nicht so, dass ich in der Vergangenheit schwelgen muss, um mir Selbstbestätigung zu holen. Ich bekomme es jetzt natürlich mehr und mehr mit, weil die Fragen von Reportern kommen. Oder die Leute irgendwelche Statistiken heraus ziehen und mir mitteilen, was ich in meiner Karriere alles erreicht habe. Mir ist es nicht so wichtig zu sagen, ich war so lange ein guter Tennisspieler. Ich stapel lieber ein bisschen tiefer und sage, das war ganz okay. Natürlich weiß ich, dass nicht viele 15 Jahre lang unter den Top50 oder Top100 waren. Aber ich persönlich habe so was noch nie nachgeschaut.

Wann war Ihnen eigentlich klar, dass Sie mit Tennisspielen Geld verdienen wollen?

Philipp Kohlschreiber: Das war wohl so mit 16. Ich erinnere mich gut an die Frage meines damaligen Klassenlehrers. Er fragte, was wir später mal machen wollen. Ich habe überlegt, worin ich gut bin. Handwerklich bin ich nicht gut, habe zwei linke Hände und auch nicht das Interesse dafür. Ich habe dann gesagt, dass ich Tennisprofi werde. Als die Schule vorbei war mit der Mittleren Reife habe ich es einfach versucht.

Die meisten scheitern mit dem Vorhaben, im Profi-Sport Fuß zu fassen...

Philipp Kohlschreiber: Mir mir haben damals so viele im Klub trainiert, aber die haben es eben nicht geschafft. Die meisten bleiben auf der Strecke. Das gilt für den gesamten Profisport. Man kann das nicht planen, egal wie gut die Voraussetzungen sind. Man braucht ein Quäntchen Glück, man braucht die richtigen Trainer, die richtigen Leute im Umfeld. Du musst verletzungsfrei bleiben. Da hatte ich natürlich schon sehr viel Glück. Allerdings ist es so, dass man sich Glück auch erarbeiten kann, wenn man tüchtig und fleißig ist. Trotzdem gibt es nicht den einen Weg zum Erfolg. Jeder ist anders. Im Rückblick könnte man sagen: Hätte ich dies oder jenes gemacht, wäre es vielleicht noch besser gelaufen. Dafür müsste man sein Leben noch einmal leben können. Aber ich glaube, dass man mit dieser Einstellung unglücklich wird im Leben. Vielleicht habe ich mein Maximum erreicht, vielleicht auch nicht. Das steht in den Sternen. Ich weiß, dass ich schon immer ein sehr akkurater Profi war und bin. Deswegen bin ich sehr happy, wie mein Sportlerleben bisher verlaufen ist.

Wann haben Sie Ihr bestes Tennis gespielt?

Philipp Kohlschreiber: Das ist schwierig zu sagen. Meine Karriere ist nie in extremen Wellen verlaufen. Ich war immer ein sehr konstanter Spieler. Klar, als ich 16. in der Weltrangliste war, als ich in Wimbledon im Viertelfinale war – das war sicherlich mein bestes Jahr. Aber ich war so viele jahre in den ersten 20 gestanden, dass es nicht dieses eine Super-Highlight-Jahr gibt.

Gibt es um gekehrt eine Niederlage, die Sie bis heute schmerzt?

Philipp Kohlschreiber: Das war 2008 bei den Australian Open. Ich habe erst Andy Roddick in fünf Sätzen geschlagen und stand im Achtelfinale. Dort habe ich dann gegen Jarkko Nieminen verloren. Damals war mir noch gar nicht so bewusst, wie bitter das war. Ein Sieg in dieser Partie hätte wohl noch einmal einen richtigen Karriereschub bedeutet. Aber sollte nicht sein. So ist es halt im Sport.

Wie eng ist noch der Kontakt in Ihre Heimatstadt Augsburg?

Philipp Kohlschreiber: Meine Eltern leben in Königsbrunn, dass liegt gleich neben Augsburg. Ich versuche sie so oft wie möglich zu besuchen. Meiner Mama ist das natürlich zu wenig. Momentan geht es ja eh nicht. Ich muss aber auch gestehen, dass ich nach einigen Wochen unterwegs auch immer ganz froh bin, wenn ich ein paar Tage die Beine hoch legen kann. Einfach mal rumgammeln und die Sachen machen, auf die man Bock hat. Wenn du unterwegs bist, ist jeden Tag volles Programm. Denn allein auf dem Hotelzimmer sitzen und in den Fernseher schauen ist auf Dauer nicht so schön. Deswegen holt man das dann nach, wenn man heimkommt.

Zur Person: Philipp Kohlschreiber, 36, ist einer der besten deutschen Tennisspieler und seit 2001 Profi. Der gebürtige Augsburger startete seine Karriere beim TCA. Momentan steht er in der Weltrangliste auf Platz 74, sein Karriere-Bestwert war Rang 16 (2012). Kohlschreiber gewann acht Turniere auf der ATP World Tour und sammelte insgesamt knapp 13 Millionen Dollar Preisgelder ein. 2018 heiratete Kohlschreiber in Kitzbühel seine langjährige Freundin Lena Alberti.

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