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Robert Enke

07.11.2019

Teresa Enke erinnert an ihren Mann: "Ich bin der Rob mit dem kaputten Kopp"

Robert Enke starb 2009 im Alter von 32 Jahren. Der Torhüter von Hannover 96 litt an einer Depression.
Bild: Imago Images

Plus Seine Depressionen kosteten Robert Enke das Leben. Sein Todestag jährt sich am Sonntag zum zehnten Mal. Ehefrau Teresa erinnert an einen Mann, der viel mehr war als ein Kranker.

Es fällt ihr nicht leicht, aber sie hat den Weg bewusst gewählt. Teresa Enke ist wieder zurück in Hannover, lebt wieder hier, geht durch die Straßen, durch die sie früher mit ihrem Mann Robert gegangen ist. "Hier", sagt sie, "hat er am liebsten gesessen." Sie setzt sich kurz auf die Bank neben den Mann, der dort noch immer verweilt.

Den "Sidewalk Judge", den Richter des Bürgersteigs. Eine Bronzestatue vor Hannovers Luisenhof, einer gehobenen Einkaufsmeile der Stadt. Liebevoll legt Teresa Enke ihren rechten Arm um den starren Beobachter. "Robbi hat das früher immer gemacht, wenn wir hier waren", sagt sie und tätschelt ihm kurz die Schulter. Stets soll er dem Mann dabei ins Ohr geflüstert haben: Na, immer noch alleine hier?

Es ist eine Szene aus der NDR-Dokumentation anlässlich des zehnten Todestages des ehemaligen Nationaltorhüters, der zuletzt bei Hannover 96 unter Vertrag stand. "Robert Enke – auch Helden haben Depressionen", heißt der Film von Henning Rütten. Am Sonntagabend um 23.45 Uhr läuft er im NDR. In Hannover wurde er vorab gezeigt. Viele einstige Wegbegleiter sind gekommen, um den Film zu sehen – und an Robert Enke zu erinnern.

Teresa Enke erinnert an ihren Mann: "Ich bin der Rob mit dem kaputten Kopp"
Teresa Enke ist die Vorsitzende der Robert-Enke-Stiftung.
Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die Enkes brachten sieben Straßenhunde aus Spanien mit nach Hannover

In ihren Worten schwingt die Zuneigung und Liebe zu einem Mann mit, der sich trotz schwerer Schicksalsschläge immer um andere gekümmert hat. Um seine Familie, seine Freunde, seine Mitspieler, ja selbst für diesen einsamen Mann aus Bronze auf einer Bank, an dem viele oft achtlos vorbeigehen, hatte er ein Herz. Und für seine Tiere. Sieben Straßenhunde brachten er und seine Frau aus Spanien mit nach Hannover.

Ein bunt gemischtes Rudel, nicht immer leicht zu bändigen. "Der Alamo", erzählt Teresa Enke, der habe sein Häufchen stets vor den gleichen Baum im Garten der Enkes gemacht. "Robbi hat immer gesagt, lass doch, das gibt mir Sicherheit."

Feste Strukturen waren wichtig für Robert Enke. Veränderungen machten ihm Angst, brachten seine Welt ins Wanken. Manchmal so sehr, dass die Krankheit durchbrach. Die Krankheit, die ihn dazu brachte, sich am 10. November 2009 auf ein Bahngleis zu stellen.

"Robbi hat sich nicht selbst getötet. Es war die Krankheit, die ihn getötet hat."

Dem Lokführer hat Teresa Enke einen Brief geschrieben. "Ohne diese Krankheit hätte er das bedacht und nie gemacht, Robbi hatte das nicht auf dem Schirm. Robbi hätte nie gewollt, einen anderen Menschen mit reinzuziehen und für sein Leben zu zeichnen." Das wollte sie dem Mann gerne sagen. Was sie allen anderen sagen will, ist das: "Robbi hat sich nicht selbst getötet. Es war die Krankheit, die ihn getötet hat." Es war die Depression.

Der Tod von Ex-Nationaltorhüter Robert Enke sorgte für große Bestürzung unter Fußballfans und löste eine öffentliche Debatte aus. Er litt an Depressionen und beging Suizid.
Bild: dpa/Peter Steffen

Eine Krankheit, die in Schüben verläuft. Niemand kann sagen, ob oder wann sie wiederkehrt. 2009 in Hannover brach sie bei Enke das dritte Mal aus. Das erste Mal greift sie nach ihm, als er 1999 nach Istanbul wechselt. Enke will sofort wieder weg. Er überwindet die Panik, die Krankheit, bleibt drei Jahre und wird Leistungsträger unter Trainer Jupp Heynckes.

Ein paar Jahre später kommt die Depression wieder – diesmal in Barcelona, wo er sich unter Louis van Gaal nicht durchsetzen kann.

Wenn Robert Enke den Kopf neigt, weiß seine Frau Teresa: Es geht ihm schlecht

Teresa Enke versucht, mit der Krankheit ihres Mannes umzugehen und schon kleinste Anzeichen zu deuten. Wenn er den Kopf neigt, weiß sie: Es geht ihm schlecht. "Kopf gerade!", ruft sie ihm dann zu. Manchmal, sagt sie, macht sie auch Fehler. Wenn sie ihm sagt, er solle doch endlich aufstehen aus dem Bett. Weil es ihr schwerfällt zu verstehen, dass er das nicht kann. Dass es keine Absicht ist, dass er liegen bleibt. Dass er keine Wahl hat.

Oft habe sie ihren Mann gefragt, wie sich diese Krankheit anfühlt. Doch wie soll jemand Gefühle beschreiben, wenn genau diese ihm fehlen? Was fühlt man, wenn man nichts mehr fühlt? Keine Freude, aber auch keinen Schmerz. Einfach nichts. Robert Enke versucht es in Bildern auszudrücken. Er führt Tagebuch und er redet mit seiner Frau.

Ein Virtual-Reality-Projekt soll Depressionen simulieren

Nach diesen Aufzeichnungen und Erinnerungen hat die Stiftung, die Teresa Enke nach dem Tod ihres Mannes gegründet hat, eine Brille entwickelt. "Impression Depression" heißt das Virtual-Reality-Projekt. Zusätzlich zu der Brille ziehen Menschen eine zehn Kilogramm schwere Bleiweste an, danach können sie eintauchen in die Gedankenwelt von Robert Enke. Wie er in der Kabine vor dem Länderspiel sitzt und denkt: "Ich fühl mich so schlapp – wie soll ich gleich spielen?" Wie er in einen Tunnel gezogen wird und mit sich selbst ins Gericht geht. "Versager! Nicht mal weinen kann ich." Es ist keine Reise, die man einfach so absolviert. "Wir begleiten die Leute davor und danach", sagt Teresa Enke.

Sie will für Aufklärung sorgen und Transparenz. Nach dem Tod ihres Mannes tritt sie am nächsten Tag vor die Presse. Berichtet unter Tränen über die Krankheit, die ihren Mann das Leben kostete. "Wir dachten, mit Liebe schaffen wir das!" Ein Satz, der bis heute nachhallt. Drei Jahre zuvor verlieren Teresa und Robert Enke ihre Tochter Lara, die mit einem Herzfehler auf die Welt kommt. "Doch daran lag es nicht", sagt Teresa Enke. Ihr Mann ist gefestigt. Er ist Kapitän in Hannover, er ist die Nummer eins der deutschen Nationalmannschaft.

Sein damaliger Trainer fragt sich: Wie konnte mir das entgehen?

"Wir haben alle nichts mitbekommen", sagt Dieter Hecking, der drei Jahre lang in Hannover Trainer von Robert Enke war. Drei Monate vor dessen Suizid hat sich der Verein von ihm getrennt. Und doch fragt er sich: "Wie konnte mir das entgehen?" Der Physiotherapeut von 96, einer der wenigen, die Enke eingeweiht hatte, beruhigt ihn damals. Der Torhüter wollte seine Krankheit verbergen.

Jörg Neblung, sein Berater und enger Freund, erinnert sich: "Wir haben mit ihm gesprochen, dass er sich in stationäre Therapie begibt, und auch über Zwangseinweisung nachgedacht." Doch was wäre gewesen, wenn er dadurch das Vertrauen in seine einzigen Vertrauten verloren hätte? "Die Gefahr war da", sagt Neblung und benennt das Hauptproblem: "Robert hatte Angst, wenn er sich offenbart, nie wieder auf dieses Level in den Profifußball zurückzukehren." Kurz vor dem Gang in die Klinik zieht er zurück, belügt sein Umfeld. Sagt, es gehe ihm besser. Er täuscht alle. Schuld ist die Depression. Der Irrglaube, sie verstecken zu müssen, bringt ihm den Tod.

Bis heute fällt es Teresa Enke nicht leicht, darüber zu sprechen. Das merkt man, als ihre Stimme am Montag immer wieder einmal brüchig wird. Sie macht es dennoch. Es ist das Vermächtnis ihres Mannes, das sie erfüllen will. Sie will versuchen, so vielen wie möglich zu helfen, mit dieser Krankheit umzugehen. Und sie will, dass ihr Mann in Erinnerung bleibt. Nicht als derjenige, der an einem kalten Novembertag vor zehn Jahren an einem Bahngleis stand und seiner Krankheit unterlag. Sondern als lebensfroher Mensch. Ein Mann mit schwarzem Humor, der manchmal sogar in seiner Krankheit noch über sich selbst witzeln konnte: "Ich bin der Rob mit dem kaputten Kopp." Als einer, der sogar für eine kalte Bronzestatue Wärme übrig hatte.

"Nur wer vergessen wird, ist tot", sagt Teresa Enke. Robert Enke soll leben.

Wichtiger Hinweis: Hier bekommen Sie Hilfe bei Depressionen

Leider kann es passieren, dass depressiv erkrankte Menschen sich nach Berichten dieser Art in der Ansicht bestärkt sehen, dass das Leben wenig Sinn habe. Sollte es Ihnen so ergehen, kontaktieren Sie bitte umgehend Ihren Hausarzt oder die Telefonseelsorge. Hilfe finden Sie bei kostenlosen Hotlines wie 0800-1110111 oder 0800-3344533.

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Teresa Enke: "Wir dachten, mit Liebe geht das"

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