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02.07.2020

Vorsicht! Wer Fan dieser Vereine wird, ist selbst schuld

Es ist doch einfach nicht zu fassen: Die Treue ihrer Fans stellen viele Vereine – wie zum Beispiel der 1. FC Nürnberg – fast jedes Jahr auf eine harte Probe.
Bild: Imago Sportfotodienst

Es gibt Vereine, die ihren Fans alles abverlangen – und dennoch verehrt werden. Wir erzählen die Geschichten von Demütigungen, Insolvenzen und haarsträubenden Pannen.

Es gibt Situationen, in denen man selbst als neutraler Zuschauer mit den Fans anderer Vereine leidet. Jüngstes Beispiel: der erneute Nicht-Aufstieg des Hamburger SV. Dem einst ruhmreichen Traditionsklub hätte gegen den mit eher überschaubaren Glamour ausgestatteten SV Sandhausen ein Punkt für die Relegation gereicht. Das Ergebnis ist bekannt. Der HSV ist aber beileibe nicht der einzige Verein, der kaum eine Demütigung auslässt. Eine Übersicht:

1. FC Nürnberg

Der Club gilt als Pionier der Fan-Demütigung. Egal, was die anderen Vereine sich an Peinlichkeiten leisten: Meistens hat man es in Nürnberg schon hinter sich. Der Club stieg in den 60ern als aktueller Meister und 2008 als aktueller Pokalsieger ab, steht gefühlt alle paar Jahre vor der Insolvenz und ist ein Meister darin, scheinbar bombensichere Vorsprünge in letzter Sekunde zu verspielen. Jüngstes Beispiel: Am letzten Spieltag der Zweitligasaison rutschten die Franken noch in die Abstiegsrelegation. All das folgt einem Leitsatz: Der Club is a Depp.

Deppenskala Wer Club-Fan ist, den kann fast nichts schrecken. Die Skala zeigt neun von zehn zwangsversteigerte Aro-Teppiche an.

Der Abstieg 2017: Die Sechziger Fanol Perdedaj, Sascha Mölders, Florian Neuhaus und Daniel Adlung (von links nach rechts) sind bitter enttäuscht.
Bild: Peter Kneffel, dpa

TSV 1860 München

Der Löwe ist der König der Tiere – die Löwen sind die Könige unter den Fan-Peinigern. Kein anderer Klub mutet seinen Anhängern derart viel Leid zu. Immer wenn man meint, der Tiefpunkt sei erreicht, legt der TSV 1860 noch einen drauf: Abstieg aus der 2. Liga? Ach was, Lizenzentzug und runter in die Regionalliga! Als ob die sportliche Talfahrt nicht genug wäre, stehen sich in der Giesinger Führungsetage traditionell mindestens zwei bis aufs Blut verfeindete Lager gegenüber. Infolge dieser Scharmützel wenden sich auch Oberlöwen mit scheinbar unendlich dickem Fell wie Daniel Bierofka mit Grausen ab. Die zaghafte Hoffnung auf bessere Zeiten keimt ab und an auf, aber macht eigentlich nur die erwartbaren Rückschläge noch schlimmer. Dazu kommen Hohn und Spott von den ungleich erfolgreicheren anderen bayerischen Bundesliga-Klubs. Stadionsprecher Stefan Schneider hat all das Leid trefflich zusammengefasst: Manche gehen zur Domina, ich geh zu Sechzig!"

Wildmosometer: Tendenz in Richtung unendlich. Irgendwo auf einem Campingplatz beißt Werner Lorant in eine Packung Nikotinkaugummis. Einziger Vorteil: Wer es mit den Löwen hält, der empfindet die Nackenschläge des echten Lebens als harmlose Kitzeleien.

Ein Bild als Symbol für HSV-Situation: Adrian Fein, Josha Vagnoman und Torwart Julian Pollersbeck nach dem 1:5 des HSV gegen Sandhausen.
Bild: Valeria Witters

Hamburger SV

Irgendwann flankte Manni nicht mehr auf Horstens Kopf und Happels Grant war nur noch eine Erinnerung. Immerhin raffte sich der Verein anschließend alle Jubeljahre noch mal zu waghalsigen Europapokalnächten auf. Hier mal ein 4:4 gegen Juventus, später verhinderte gegen Werder Bremen eine Papierkugel den Einzug ins Finale der Europa League (die damals noch Uefa-Cup hieß). Dramatisch alles, klar. Aber eher Grund für Folklore denn Verzweiflung. Fortan aber musste Uwe Seeler im Halbjahresrythmus erklären, wie sehr er sich um den HSV sorgt. Ein milliardenschwerer Logistiker wollte gegen ein geringes Entgelt Mitspracherecht bei der Neuausrichtung. Der Dino wankte zusehends, hielt sich aber durch eine Fähigkeit, die weiter südlich als Bayern-Dusel in Fußball-Lexika Einzug hielt, in der ersten Bundesliga. Duseln ohne Können endet aber unweigerlich im Chaos. Die Bundesliga-Uhr tickt seit zwei Jahren nicht mehr. Es ist kein Manni in Sicht, kein Horst und kein österreichischer Grantler.

Uweseelometer: Anhänger bayerischer Traditionsvereine würden über einen singulären Abstieg lächeln. Was dem HSV Unglück ist, ist ihr Normalzustand. Auf der nach oben offenen Skala gerade mal eins-kommafünf ernsthaft besorgte Uwe Seelers.

1. FC Kaiserslautern

Es gab Zeiten, da hatte der FC Bayern die Lederhosen voll, wenn das Auswärtsspiel am Betzenberg anstand – mittlerweile holt sich der chronisch klamme FCK selbst von der zweiten Mannschaft des FCB Klatschen ab. Der aktuelle Schuldenberg könnte die einstmals stolzen roten Teufel, aktuell in der 3. Liga gestrandet, in die Insolvenz zwingen. Dazu hat der Klub mit Torwarttrainer-Guru Gerald Ehrmann die letzten Überreste besserer Tage vom Hof gejagt. Jüngste Demütigung: Aktuell wird ein Investor gesucht. Angesichts der jüngeren Geschichte wird das wohl ein Getränkemarkt oder ein Handyladen sein. Der selbst auch bald pleite ist.

Briegelprügel: Großer Schmerz. In die Pfalz kommt der Fußballgott nur noch zum Weinen. Sieben von zehn Ehrmann-Handschuhen.

Dynamo Dresden

Ich hau Ihnen in die Fresse, mehr sind Sie nicht wert." Die sachliche Replik von Willi Konrad, einem Gefolgsmann des damaligen Präsidenten Rolf-Jürgen Otto, auf eine unverschämte Frage bezüglich möglicher finanzieller Ungereimtheiten zeigt, mit wie viel Verve der damalige Präsident Dynamos und sein Team seinen Verein vor hässlichen Schmutzkampagnen schützen wollte. Es muss sich um ein Justizirrtum handeln, dass Otto, der ehemalige Box-Veranstalter und Kneipenbesitzer, später wegen Veruntreuung von drei Millionen Mark ins Gefängnis musste. Dummerweise nahm der Leumund der Dresdener unter Otto Schaden, weil der DFB die Erschleichung der Lizenz" attestierte. Wenige Jahre später dann: Lizenzentzug, Abstieg in die Drittklassigkeit. Der frenetischen Liebe der Fans kann auch der Pendelverkehr zwischen zweiter und dritter Liga nichts anhaben. Nachdem eine Corona-Quarantäne die Profis erst mit zweiwöchiger Verspätung den Re-Start begehen ließ, fühlte sich der Klub verständlicherweise benachteiligt. Das aber ändert nichts an dem abermaligen Abstieg aus der zweiten Liga.

Ottos Leidograf:  Der ehemalige Präsident fragte den Journalisten aus verständlicher Sorge, ob er noch ganz richtig im Kopp sei". Fragen sich die Fans heute noch, wenn es darum geht, weshalb sie noch Fan des Vereins sind. Daher: regelmäßige Albträume von Ottos Lizenzanträgen.

FC Schalke 04

Zitat Rudi Assauer: Wenn es einen Fußballgott gibt, ist er ungerecht. Der ist für mich gestorben." Der Fußballgott ist tot, Patrick Andersson hatte ihn getötet. Vier Minuten lang fühlten sich die Schalker im Mai 2001 als Meister, ehe der Münchner Abwehrchef ganz Gelsenkirchen erst verstummen und dann verzweifeln ließ. Die Fans hatten sich mit dem Bundesliga-Bestechungsskandal 1971 arrangiert, über die Amtszeit von Sonnenkönig Günter Eichberg zu Beginn der 90er Jahre lachen sie mittlerweile auf Schalke. Der Glaube an den Fußballgott kam Assauer und mit ihm der gesamten Schalker Gefolgschaft erst 2001 ab. Er sollte seinen Weg nicht mehr zurückfinden. Sich einen russischen Gaslieferant als Gönner und einen Großschlächter als Boss zu leisten, sind aber nun auch wahrlich kein wohl bestelltes Feld für einen romantisch veranlagten Gott.

Glückab-Skala: Immerhin sind die Kollegen aus Lüdenscheid-Nord seit geraumer Zeit auch schon nicht mehr Meister geworden. Schlechtes Zeichen, wenn das eigene Glück das Leid der anderen ist. Das macht vier angelutschte Assauer-Zigarren auf der Skala.

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