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WM
29.06.2019

Ihre letzte Chance

Nilla Fischer ist das Aushängeschild der schwedischen Mannschaft – nicht nur aus sportlicher Sicht

Vielleicht ist da ja die richtige Kraftquelle für die schwedischen Fußballerinnen, um den Fluch der Vergangenheit zu vertreiben: ein Schloss aus dem 17. Jahrhundert in einer riesigen Parklandschaft in dem Dorf Parigné. Mitten in den Weiten der Bretagne. Wer Ruhe braucht, ist im Château du Bois Guy genau richtig. Allerdings ist Rennes schon wieder so weit weg, dass es vor dem Viertelfinale Deutschland gegen Schweden nicht unbedingt von Vorteil sein muss, hier so weit abseits beherbergt zu sein. Über die fast einstündige An- und Abreise im klimatisierten Bus haben sich schon andere Teilnehmer der Frauen-WM beschwert.

Zudem würden sich Spielerinnen wie Nilla Fischer doch am liebsten zwischendrin mal ablenken, was in den Sommermonaten in Rennes leicht gewährleistet wäre. Fußläufig vom Stadion kommt ein Potpourri junger Menschen zusammen, die schon auf den Grünflächen, aber vor allem rund um den Place Saint-Anne die französische Lebensart mit ausgesprochener Lässigkeit ausüben. Jeder scheint irgendwie willkommen. Egal, welcher Gesinnung, welcher Hautfarbe.

Ist es nicht genau das, wofür die 34-Jährige einsteht? Keine tritt dermaßen kraftvoll für ihre Überzeugungen ein, wie die 1,76 Meter große Vorkämpferin, die sich vor wenigen Wochen gerade als Kapitänin des VfL Wolfsburg mit dem Double aus Deutschland verabschiedet hat. Die in Schweden vor fünf Jahren zur „Lesbischen Frau des Jahres“ gewählte Abwehrspielerin meldet sich selbst bei der Frauen-WM zu Wort, wenn ihr manche Schlagzeilen nicht passten. Etwa die Bild beim deutschen WM-Start gegen China, als von einem hässlichen Auftaktsieg „dank unserer Hübschesten“, Giulia Gwinn, die Rede war. „Komm schon „Bild“-Zeitung, es ist 2019. Das macht mich wütend“, twitterte die 179-fache Nationalspielerin.

Jeder Anflug von Sexismus ekelt sie an. Sie zieht mit Ehefrau Maria-Michaela und dem anderthalb Jahren Sohn Neo in diesem Sommer zurück in die schwedische Natur und wird noch für den Erstligisten Linköpings FC weiterspielen. Aktuell beschäftigt sie aber sportlich noch etwas Größeres: Im Duell gegen Deutschland ist ihr bewusst, dass es ihre letzte Gelegenheit ist, den ewigen Widersacher bei einer WM zu besiegen. „Es fühlt sich an, als würden wir seit Jahren sagen, dass es jetzt an der Zeit ist“, sagt Fischer. Doch ihre Mannschaft hat bislang nur bedingt überzeugt.

Gut möglich, dass sich Schwedens Auswahl also mal wieder gegen das DFB-Team von hohen Ambitionen verabschiedet. Aber zum Glück gibt es ja eine wie Fischer, die viel mehr hinterlässt. In Wolfsburg war sie es, die die Regenbogenbinde einführte, um ein Zeichen „gegen Ausgrenzung und für Vielfalt im Fußball zu setzen“, wie es vergangenen Sommer in einer VfL-Presseerklärung hieß. Selbst war der Verein nicht auf diese Idee gekommen, was übrigens die deutsche Nationaltorhüterin Almuth Schult einmal spitz anmerkte. Sie hat in der gemeinsamen Zeit im Verein einen besonderen Bezug zu der Persönlichkeit entwickelt.

„Wir waren sechs Jahre lang auf einem Zimmer: Sie ist eine ganz außergewöhnliche Spielerin“, erzählte die deutsche Torfrau „Durch sie habe ich das schwedische Volk lieben gelernt“. Die beiden wollen sich übrigens bald wieder besuchen. Wo und wann, steht noch nicht fest, aber bestimmt nicht in einem abgelegenen Schlosshotel in der bretonischen Provinz. Frank Hellmann

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