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ERC Ingolstadt

18.01.2021

Daniel Pietta nach Rassismus-Eklat: „Das wird mir nie mehr passieren“

Lieferten sich beim Testspiel in Straubing erst ein Hand- und anschließend ein Wortgefecht, an dessen Ende sich ERCI-Stürmer Daniel Pietta (rechts/links Tigers-Verteidiger Sena Acolatse) zu einer „Affengeste“ hinreißen ließ, für die er neun Partien gesperrt wurde.
Foto: Daniel Pietta

Plus Ingolstadts Stürmer Daniel Pietta spricht vor seinem DEL-Debüt für den ERC Ingolstadt erstmals öffentlich über die wohl dunkelste Woche seines Lebens und Rassismus-Vorwürfe.

Noch schiebt Daniel Pietta Extraschichten. Im roten Trainingstrikot und mit sportlichem Ehrgeiz. Prallen seine Direktschüsse nicht ins Netz, sondern auf das Plexiglas hinter dem Tor, schüttelt er beständig den Kopf. Sein Trainer Doug Shedden, in Sichtweite, sagt: „Daniel weiß, dass er es verbockt hat. Aber er hat extrem hart gearbeitet und sich professionell verhalten. Für einen Starspieler wie ihn ist es nicht leicht, mit solch einer dummen Aktion umzugehen.“

Ja, die dumme Aktion. Kraulende Kratzbewegungen unter der Achsel – eine Affengeste – nach einem Disput mit dem dunkelhäutigen Straubinger Gegenspieler Sena Acolatse. Ein Eklat. Zu neun Spielen Sperre und einer empfindlichen Geldstrafe verurteilte die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) den Top-Center des ERC Ingolstadt. Auch der Klub sanktionierte den 34-Jährigen intern. Wie genau, bleibt ein Geheimnis. Nach Wochen des Büßens feiert Pietta am Dienstag (18.30 Uhr) zuhause gegen die Schwenninger Wild Wings sein erstes Pflichtspiel für die Panther. Zuvor wirft er mit der Neuburger Rundschau einen exklusiven Blick zurück auf ein verkorkstes Jahr 2020. Pietta wirkt nachdenklich, aber fest entschlossen, nach vorne zu schauen.

Herr Pietta, Silvester ist nun schon etwas her. Wie haben Sie auf das Jahr 2020 zurückgeblickt?

Pietta: (schmunzelt) Ich habe versucht, das Jahr direkt abzuschließen und in die Zukunft zu schauen. 2020 könnte man auch streichen. Ob es die Sache mit Krefeld, Corona oder jetzt auch der Dezember war. Ich schaue nach vorne und bin mir sicher, dass 2021 besser wird.

Und trotzdem müssen wir anfangs über dieses Jahr reden. Sie werden am Dienstag Ihr erstes Pflichtspiel für den ERC Ingolstadt bestreiten – mit vier Wochen Verspätung! Über den Grund dafür wurde sogar in kanadischen Medien geschrieben: In einer Vorbereitungspartie gegen die Straubing Tigers haben Sie nach einem Faustkampf Ihren dunkelhäutigen Gegenspieler Sena Acolatse mit einer „Affengeste“ bedacht. Sie wurden daraufhin von der Liga für neun Partien gesperrt und zu einer Geldstrafe verdonnert. Mit etwas Abstand: Wie blicken Sie auf diese Szene zurück?

Pietta: „Was passiert ist, hat leider jeder sehen können. Ich weiß, dass es mit Sicherheit nicht richtig war. Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich das liebend gerne tun. Ich habe mich danach auch dafür entschuldigt. Ich bin kein Mensch, der in diese Richtung denkt. Als ich nach der Szene in die Kabine fuhr, dachte ich mir: ’Oh, Shit! Das war komplett daneben’.

Haben Sie in diesem Moment schon die Tragweite dieser Aktion realisiert?

Pietta: Wie ich schon in meinem Statement gesagt habe: Eigentlich war es in Richtung Straubinger Bank gemeint. Auf dem Eis spielen Emotionen eine Rolle. Da ist man manchmal auch nicht ganz so klar im Kopf. Ich will das nicht beschönigen. Es ist auch keine Ausrede. Es war einfach total daneben. Die Tage danach waren für mich sicherlich die schlimmsten, die man sich so ausmalen kann. Aber wie gesagt: Ich will nicht als Opfer dastehen. Es war nicht richtig, was ich gemacht habe. Und ich bin mir sicher, dass mir das auch nie mehr passieren wird.“

In besagtem Statement auf Ihrer Instagram-Seite schreiben Sie: „Immer und immer wieder kommt mir diese Szene in den Sinn.“ Als Kapitän der Krefeld Pinguine haben Sie sich aktiv für Seenotrettung eingesetzt. Sie sind Gründungsmitglied der antirassistischen Organisation „Hockey is Diversity“. Plötzlich wurden Sie mit Rassismus in Verbindung gebracht.

Pietta: Es tat einfach weh. Die ersten Tage nach der Aktion wusste ich nicht, wie es weitergeht. Ich hatte Bauchschmerzen, hatte zwar Hunger, aber habe nichts runterbekommen. Wenn man nicht selbst in dieser Situation war, kann man das gar nicht so verstehen. Mir ging es nicht gut. Aber nochmals: Ich will nicht auf Mitleid machen. Ich habe meine Strafe dafür bekommen. Ich habe sie abgesessen, habe meine Geldstrafe abbezahlt, aber alles akzeptiert. Ich will nach vorne schauen.

Sie mussten für einen Monat zuschauen, waren fit, trainierten täglich mit, aber konnten nicht eingreifen. Haben Sie so etwas schon einmal in Ihrer Karriere erlebt?

Pietta: So etwas hatte ich noch nicht. Ich habe mal ein paar Spiele mit einem angerissenen hinteren Kreuzband zugesehen und auch schon die eine oder andere Sperre absitzen müssen. Aber es war immer maximal ein Spiel. Das jetzt war mit Abstand die längste und unnötigste Strafe. Es war frustrierend, vor allem in der ersten Woche. Da war man gedanklich auch nicht zu 100 Prozent auf dem Eis, weil so viele Gedanken im Kopf rumschwirrten. Aber ich habe es dann als Saisonvorbereitung ohne Spiel gesehen.

Feiert am Dienstagabend im Heimspiel gegen die Schwenninger Wild Wings seine DEL-Premiere für den ERC Ingolstadt: Center Daniel Pietta.
Foto: Johannes Traub

Wie haben Sie sich in dieser Zeit fitgehalten?

Pietta: Ich habe das Beste daraus gemacht. Im Training habe ich immer versucht, das Bestmögliche rauszuziehen. Ich habe die Reihen mehr oder weniger aufgefüllt. Wenn ich Verteidiger war, war das für mein Defensivspiel gut. Wenn ich Stürmer war, habe ich versucht, mein Ding als Stürmer zu machen. Ich habe Maritta Becker, unsere Fitnesstrainerin, direkt am Anfang angesprochen und gefragt, ob wir zwei-, dreimal die Woche noch etwas extra auf dem Eis und im Kraftraum machen können. Ich glaube, ich habe die Zeit ganz gut genutzt und freue mich jetzt, endlich in einem Pflichtspiel auflaufen zu können.

Waren Sie davor jemals als Verteidiger im Einsatz?

Pietta: Ich bin im Nachwuchs die letzten beiden DNL-Jahre und mein letztes Schüler-Jahr mehr oder weniger als Verteidiger aufgelaufen. Ich glaube, ich habe auch mal drei oder vier Profispiele als Verteidiger spielen dürfen oder müssen. Da war ich aber noch sehr jung.

Befürchten Sie, noch ein paar Partien zu brauchen, bis Sie bei 100 Prozent sind?

Pietta: Das weiß ich nicht. Ich habe ja vier, fünf Wochen auf gutem Niveau trainiert. Natürlich ist ein Spiel immer anders als Training. Aber die Jungs sind ja alle schon gut dabei und haben gute Leistungen gezeigt. Ich glaube, es ist relativ einfach, in die Gruppe reinzukommen.

Trainer Doug Shedden erzählte, er hätte Sie gefragt, mit wem Sie gerne zusammenspielen würden. Was haben Sie geantwortet?

Pietta: Dass es seine Entscheidung ist (lacht). Ich glaube, dass wir viele gute Leute haben, dass viel zusammenpasst. Am Ende des Tages ist es dann aber doch die Entscheidung des Trainers. Ich will auch gar nicht sagen, mit wem ich am Liebsten auf dem Eis stehen würde. Wenn es nicht funktioniert, ist es dann meine Schuld. Ich glaube, egal in welcher Reihe ich bin, kann ich meinen Teil dazu beitragen, dass wir eine sehr gute Saison spielen. Ich bin nicht hierher gewechselt, weil ich mit dem oder dem spielen wollte, sondern weil ich Erfolg haben will und wusste, dass wir eine gute Rolle spielen können.

Angedacht war eine der Top-Reihen der Liga. Sie neben Frederik Storm und Top-Scorer Wayne Simpson, der jetzt aber gut mit Tim Wohlgemuth harmoniert. Shedden will das Pärchen nicht auseinanderreißen...

Pietta: „Ich habe mich selbst in die Situation gebracht, dass die Reihen nicht so waren wie wahrscheinlich angedacht. Aber jetzt funktionieren sie und da muss man ja nicht unbedingt immer gleich zu Beginn etwas ändern. Meine Aufgabe ist es – wie in den vergangenen Jahren auch –, meine Mitspieler besser zu machen und in Szene zu setzen. Ich werde in den ersten zwei, drei Spielen versuchen, es relativ einfach zu halten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn man hinten gut steht und sich nicht zu viele Gedanken macht, ob man im ersten oder zweiten Match punkten muss, die Chancen vorne von allein kommen. Ich weiß, dass ich die Qualität dafür habe.

Sie haben das erste Saison-Viertel von außen verfolgen können. Wie bewerten Sie die Leistung des Teams?

Pietta: Leistungstechnisch sehr gut. Wir haben in jedem Spiel die Chance gehabt zu gewinnen. Punktemäßig haben wir vielleicht zwei, drei Zähler zu wenig. Aber im Großen und Ganzen können wir zufrieden sein.

Als Manko galt noch etwas die Chancenverwertung und das Powerplay. Wie sehen Sie das als jahrelanger Top-Stürmer in Deutschland?

Pietta: Es kommt immer darauf an, von wo man schießt. Aber wir hatten teilweise schon sehr gute Chancen. Manchmal gehen sie rein, manchmal ist der Torwart gut. So ist es einfach. Robert Lewandowski trifft auch nicht jeden Schuss. Oder Sidney Crosby und Leon Draisaitl. Es entscheiden Kleinigkeiten, ob der Puck reingeht oder nicht. Wenn man sich darauf zu sehr versteift, mindert es die Wahrscheinlichkeit, dass man trifft. Man muss da locker an die Sache rangehen. Und das haben die Jungs gemacht.

Sie haben Crosby und Draisaitl angesprochen. Die NHL ist vergangene Woche gestartet. Sind Sie jemand, der gerne über den Tellerrand blickt und sich auch solche Spiele ansieht?

Pietta: Ich hatte ja leider viel Zeit zuletzt. Die U20-WM habe ich mir angeguckt, bin zum Teil auch nachts wachgeblieben, um die ersten zwei Drittel zu sehen. NHL habe ich früher viel mehr verfolgt als heute. Heute schaue ich meistens die Highlights. Wie Tampa Bay spielt, ist schon toll. Am liebsten schaue ich mir aber die Spiele mit den deutschen Jungs an.

Wie sehen Sie sich im harten Kampf um die Playoff-Plätze der DEL-Süd-Gruppe positioniert?

Pietta: Ich glaube, dass wir auf uns schauen sollten. Leistungstechnisch würde ich uns auf jeden Fall in den Top-Vier sehen. Das ist unser Ziel. Am Ende wollen wir dann – wenn wir das erreicht haben – wahrscheinlich noch mehr.

Stand jetzt werden die ersten Playoff-Runden im Best-of-Three-Modus gespielt. Davor kommt es zu gruppenübergreifenden Spielen mit den Nord-Teams. Wenn Sie sich etwas aussuchen dürften: Lieber längere Playoffs oder Duelle gegen die Gruppe Nord?

Pietta: Nö, aussuchen will ich nicht. Ich will beides.

Lassen Sie uns nochmals kurz auf das Jahr 2020 zurückblicken. Sie haben über Monate einen Rechtsstreit mit den Krefeld Pinguinen, Ihrem Heimatverein, bei dem Sie fast Ihre gesamte Karriere verbracht haben, ausgefochten. Ihr bis 2025 laufender Vertrag sei ungültig, sagte der Klub. Er wollte Sie loshaben. An Heiligabend haben Sie sich außergerichtlich geeinigt. Ihr Arbeitspapier wurde aufgelöst, Sie erhielten eine Entschädigung von 300.000 Euro. Ein Weihnachtsgeschenk? Oder traurige Gewissheit, dass es das jetzt mit Ihrem Herzensklub war?

Pietta: Ich bin einfach froh, dass das endlich durch ist. Mehr will ich da aber eigentlich nicht zu sagen. Wie vorhin schon angedeutet, konzentriere ich mich jetzt auf die Zukunft. Mit 2020 will ich schnell abschließen.

Und dennoch: Tut es nicht weh, zu sehen, wie sich Ihr alter Verein gerade präsentiert? Die Identifikationsfigur verjagt, krude Statements, fragwürdige Transfers, Teambesprechungen nach Mitternacht, ein Spielerstreik…

Pietta: Das ist Krefelds Sache. Für eine Handvoll von Spielern, die noch da sind, mit denen ich sehr gut klarkomme und auch trainiert habe im Sommer, tut es mir leid.

Können Sie sich vorstellen, noch einmal in irgendeiner Funktion bei den Krefeld Pinguinen tätig zu sein?

Pietta: Jeder weiß, dass meine Heimat Krefeld ist, dass ich da ein Haus habe, dass ich dort den Sommer über und wahrscheinlich auch nach meiner Karriere sesshaft bin. Ich würde es nicht ausschließen. Stand jetzt aber wahrscheinlich dann eher im Nachwuchs als bei den Pinguinen.

Sie spielen am 31. Januar erstmals wieder gegen Straubing. Wird die Partie einen „fiesen“ Nachgeschmack bekommen?

Pietta: (überlegt) Gegen Straubing ist es immer unangenehm. Sie haben eine gute Mannschaft, die aggressiv spielt. Den Rest wird man sehen.

2020, ein Jahr zum Vergessen. Was sind Daniel Piettas gute Vorsätze für 2021?

Pietta: Jetzt erst einmal im Eishockey Spaß haben. Privat, dass alle gesund bleiben und dass wir auch da viel Spaß haben. Ich bin keiner, der sich groß etwas für ein Jahr vornimmt. Ich schaue weiter in die Zukunft, will einfach fit bleiben und noch einige Jahre, wenn möglich bis 40, Eishockey spielen.

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