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Eishockey-U20-Weltmeisterschaft

02.01.2021

Enrico Henriquez-Morales: „Wir können jetzt wieder marschieren“

Bei der U20-Weltmeisterschaft in Edmonton für Team Deutschland im Einsatz: Enrico Henriquez-Morales vom ERC Ingolstadt (rechts, hier mit Mario Zimmermann).
Bild: privat

Plus Ingolstadts neuer Talent-Stürmer Enrico Henriquez-Morales tritt derzeit mit Team Deutschland bei der U20-Weltmeisterschaft in Edmonton an. Die Neuburger Rundschau hat sich vor dem Viertelfinale am Samstag (18 Uhr) gegen Russland mit dem 19-Jährigen ausführlich unterhalten.

Schon am Morgen heulen im Hintergrund die Feuerwehrsirenen. Das Hotelzimmer von Enrico Henriquez-Morales grenzt nicht nur direkt an eines der modernsten Eisstadien der Welt, den Rogers Place, sondern auch an die Downtown der kanadischen Metropole Edmonton. U20-Eishockey-Weltmeisterschaft, Mutterland des Pucksports, die ganz große Bühne. Am Vorabend ist dem deutschen Team durch einen Sieg gegen die Schweiz Historisches gelungen: Zum ersten Mal steht es im Viertelfinale des prestigeträchtigen Jugendturniers – obwohl das Team nach acht Corona-Infektionen zunächst mit halber Kapelle gegen die besten Nachwuchsspieler der Welt antreten musste. Mit dabei: Henriquez-Morales. Fast eine dreiviertel Stunde nimmt sich der 19-jährige Stürmer des ERC Ingolstadt Zeit, um der Neuburger Rundschau zu erklären, was da in Edmonton gerade geschieht und wieso Deutschland selbst in der K.o.-Runde gegen Russland (Samstag, 18 Uhr) nicht chancenlos ist.

Herr Henriquez-Morales, wie schwer sind die Beine gerade?

Henriquez-Morales: Die ersten drei Spiele waren schon ziemlich intensiv. Wir waren vor dem Turnierstart nur einen Tag aus der Quarantäne und hatten zwei lockere Trainingseinheiten. Und dann kamen gleich Finnland und Kanada. Es war schon echt anstrengend. Aber wir haben Gott sei Dank gute Physiotherapeuten dabei. Inzwischen ist mit den Beinen also wieder alles gut.“

Durch einen 5:4-Sieg gegen die Schweiz sind Sie als erste deutsche Mannschaft überhaupt in das Viertelfinale der U20-Weltmeisterschaft eingezogen. Wie feiert man solch ein historisches Ereignis unter Corona-Bedingungen?

Henriquez-Morales: Ehrlich gesagt haben wir gar nicht so viel gefeiert. Klar, die Freude war groß. In der Kabine war eine Wahnsinnsstimmung. Wir haben Deutsch-Rap gehört und mitgesungen. Danach hat jeder das gemacht, was er zur Regeneration nach einem Spiel braucht. Und dann ging es schon relativ schnell ins Teamhotel, um gemeinsam Abend zu Essen und das Spiel der Schweden gegen die Russen anzuschauen.

Lassen Sie uns mal von vorne anfangen. Zunächst war gar nicht vorgesehen, dass Sie mit zur WM fahren...

Henriquez-Morales: Richtig. Ich war erst auf Abruf und bin nur ins Vorbereitungscamp nach Füssen gekommen, weil Nino Kinder und Lukas Reichel aus Berlin positiv auf Corona getestet wurden. Dann hatten wir einen weiteren Fall. Wir waren zu der Zeit nur noch 13 Stürmer. Es war schon relativ glücklich, dass ich da mit reingerutscht bin. Aber klar, jetzt bin ich froh, ein Teil des Teams zu sein. Und so schlecht sind wir ja nun auch nicht (lacht).

Bei Ihrer Ankunft in Edmonton dann gleich der nächste Schock: Acht Ihrer Mitspieler wurden am Flughafen positiv getestet. Das gesamte Team musste für zehn Tage in Quarantäne, die geplanten Vorbereitungspartien fielen aus...

Henriquez-Morales: Einen Tag nach unserer Einreise kam die Nachricht. Es war nicht so prickelnd. Jeder hat erst mal geschluckt. Eigentlich waren nur vier Tage Quarantäne veranschlagt. Dadurch, dass wir dann alle Kontaktpersonen waren, mussten wir auf Anweisung des Bundesstaats Alberta länger in Quarantäne bleiben. Aber ich glaube, wir sind dadurch stärker zusammengewachsen.

Was macht man zehn Tage lang in einem Einzelzimmer?

Henriquez-Morales: Wir haben per Videocall zweimal täglich mit unserem Athletiktrainer trainiert. Nach vier, fünf Tagen haben wir dann von der IIHF (dem Internationalen Eishockeyverband, Anm. d. Red.) Fahrräder bekommen. Wir haben uns schon ganz gut fit gehalten. Natürlich ist es anders als auf dem Eis gewesen, aber besser als nichts. Unser Essen wurde immer in Tüten vor die Tür gestellt. Es wurde geklopft, dann hast du kurz gewartet, deine Maske angezogen und es reingeholt. Wenn wir etwas gebraucht haben – wie Zahnpasta oder so – hat sich unsere Teammanagerin drum gekümmert.

Welche TV-Serie musste dran glauben?

Henriquez-Morales: Ich glaube, inzwischen kenne ich fast ganz Netflix (lacht). Ich habe aber auch viel mit Zuhause telefoniert, der Freundin, meinem Bruder. Das war so der Tagesablauf. Für meine Ausbildung zum Automobilkaufmann steht noch eine Abschlussprüfung nach der WM an. Da habe ich die Zeit in der Quarantäne auch etwas genutzt, um zu lernen.

Gab es wegen eventueller gesundheitlicher Folgen Bedenken im Team? Der Wolfsburger Janik Möser leidet nach einer Corona-Infektion an einer Herzmuskelentzündung. Auch Tyler Kelleher, Ex-Spieler des ERC Ingolstadt, kann nach einer mutmaßlich unentdeckten Ansteckung wegen Müdigkeitserscheinungen erst mal nicht auf’s Eis zurück...

Henriquez-Morales: Ich glaube nicht. Wir hatten davor keinerlei Symptome. Unsere Ärzte haben sich super gekümmert. Nach der Quarantäne wurden Herztests, Belastungs-EKGs, Blutentnahme und solche Dinge gemacht. Es wurde alles abgesichert. Und am Ende liegt die Entscheidung ohnehin beim Spieler, ob er sich bereit fühlt oder nicht.

Sie konnten dennoch nur mit drei Sturmreihen und fünf Verteidigern Ihre ersten drei Partien bestreiten. Beim 3:5 gegen Finnland hat das Team noch gut dagegengehalten. Am Tag darauf setzte es dann eine 2:16-Klatsche gegen Kanada. Was ist passiert?

Henriquez-Morales: Eigentlich haben wir die ersten zehn Minuten relativ gut begonnen. Der Knackpunkt war dann, glaube ich, das vierte Tor der Kanadier. Die Uhr stand schon auf null, der Puck war aber noch nicht über der Linie. Kein Mensch wusste, wieso das zählt. Von da an waren wir mit dem Kopf vielleicht nicht mehr so da. Wir haben versucht, uns zu pushen. Aber wir konnten machen, was wir wollten, es lief einfach nichts. Und bei denen war jeder Schuss drin. Es war schon hart, das nach dem Spiel abzuschütteln. Wir haben uns nur ein paar Kleinigkeiten in der Videoanalyse angesehen. Hätten wir das ganze Spiel analysiert, jeden Fehler und alles, wären wir wahrscheinlich den ganzen Tag beschäftigt gewesen. Wir haben dann gegen die Slowakei und die Schweiz eine gute Antwort gegeben und mit einer tollen Charakterleistung verdient das Viertelfinale erreicht.

Auch die Schweiz wurde von Kanada mit 0:10 nach Hause geschickt. Österreich hat in vier Gruppenspielen nur einmal getroffen. So mancher nordamerikanische Eishockey-Experte schlug vor, das Teilnehmerfeld der WM von zehn Teams auf acht oder sechs zu verkleinern, um solch hohen Ergebnissen entgegenzuwirken. Wie sehen Sie das?

Henriquez-Morales: Ich fände das eine schlechte Idee. Jeder, der hier ist, hat sich seine Teilnahme an diesem Turnier verdient. Österreich hat sich in der B-WM den Aufstieg erkämpft. Natürlich gibt es da einen wahnsinnigen Unterschied zu den Top-Nationen. Aber auf der anderen Seite gäbe es bei einer Verkleinerung ja auch keine Chance mehr für Überraschungsteams.

Gegen die Schweiz standen Sie dann wieder in Teamstärke auf dem Eis. Wie würden Sie Leuten, die selbst nie Eishockey gespielt haben, den Unterschied erklären zwischen einer Partie mit drei und mit vier vollen Reihen?

Henriquez-Morales: Das kommt immer auf das Ergebnis an. Gegen härtere Gegner, gegen die du einfach marschieren willst, willst du mit vier Reihen kurze Wechsel haben, damit deine Top-Leute – wenn es knapp wird – noch Luft haben und richtig aufdrehen können. Da kann es schon mal passieren, dass du die letzten fünf Minuten nur noch mit zwei Reihen spielst.

Im Gegensatz zu Europa hat die U20-WM in Nordamerika einen enorm hohen Stellenwert. Kriegen Sie das trotz Geisterspielen überhaupt mit?

Henriquez-Morales: Wir wohnen in einem Hotel, das direkt an das Stadion angebaut ist. Es gibt einen gläsernen Gang, von dem man auf die Straße sehen kann. Als wir gegen Kanada gespielt haben, standen da ein paar Fans mit Fahnen. Aber ansonsten kriegt man relativ wenig mit. Was aber auffällt, ist die ausführliche Berichterstattung. Alle Nachrichtensender hier sind auf die WM fixiert. Dieses Turnier ist schon etwas Besonderes. Es sind ja immerhin die heranwachsenden Superstars, die hier mitspielen.“

In Deutschland treten Sie bei Rosenheim in der Oberliga an. Jetzt plötzlich stehen Sie Talenten gegenüber, die in ein paar Jahren eine große Rolle in der NHL, der besten Liga der Welt, übernehmen werden. Wie ist das?

Henriquez-Morales: Auch wenn wir wegen Corona angehalten sind, uns so gut es geht von anderen Teams fernzuhalten und man deshalb nicht so richtig in Kontakt mit diesen Spielern kommt: Es ist ein tolles Gefühl. Bei denen sieht alles so leicht aus. Wenn man ihre Tricks selbst probieren will, denkst du, du würdest stolpern oder dir die Handgelenke brechen (lacht). Natürlich würde man sich irgendwie auch wünschen, so weit zu kommen. Aber ich schaue jetzt einfach mal Schritt für Schritt, von der Oberliga in die DEL. Mit einem Profivertrag bei Ingolstadt hat es ja schon mal geklappt, worüber ich echt froh bin.

Für Scouts ist die U20-WM die wohl wichtigste Veranstaltung des Jahres. Bei Deutschland blicken Sie vor allem auf eine Reihe, die alles überstrahlt: Tim Stützle, J.J. Peterka und Florian Elias. Mal ehrlich: Nervt es etwas, deshalb gar nicht so wirklich wahrgenommen zu werden?

Henriquez-Morales: Mir geht’s da nicht schlimm damit. Das sind Ausnahmetalente, keine Frage. Und sie sind enorm wichtig für das Team. Wir brauchen sie definitiv. Aber ich glaube, andere, die vielleicht nicht den Offensivtouch haben wie diese drei, sind genauso wichtig. Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen. Diese Reihe hat die Tore geschossen, die anderen haben versucht, Gegentreffer zu verhindern. Es ist insgesamt eine gute Teamleistung.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer eigenen Leistung?

Henriquez-Morales: Ich hatte im ersten Spiel einen etwas holprigen Start. Aber ich glaube, das war bei jedem so. Dann ist man immer besser reingekommen. Weil jetzt ein paar Spieler zurückgekommen sind, können wir auch wieder mehr marschieren. Ich bin eigentlich recht zufrieden mit meiner Leistung.“

Auch beim ERC Ingolstadt freut man sich, dass Sie Teil dieser Mannschaft sein können. Haben Sie denn aktuell Kontakt zu Sportdirektor Larry Mitchell?

Henriquez-Morales: Wir haben mal ein bisschen geschrieben, auch wegen der Corona-Situation hier. Er hat gefragt, wie es mir geht, ob ich einer der Betroffenen bin. Ansonsten haben wir nicht viel Kontakt. Das ruht gerade etwas. Nach dem Turnier werden wir sicher wieder telefonieren und dann werde ich vermutlich auch ein bisschen öfter in Ingolstadt sein.

Wie geht es für Sie weiter nach der WM?

Henriquez-Morales: Ich habe meine schriftlichen Abschlussprüfungen bestanden und jetzt nur noch eine mündliche Prüfung Mitte Januar. Dann habe ich meine Ausbildung abgeschlossen und der Weg geht erst mal als Eishockeyspieler weiter. Für mich ist dann wichtig, öfter in Ingolstadt zu trainieren, einfach auch, um besser ins Team reinzukommen. Klar, mit ein paar Teamkameraden schreibt man ab und zu, aber ansonsten ist da noch nicht so der große Kontakt da. Aber ich verfolge auf jeden Fall die Spiele. Gegen Augsburg habe ich zwei Drittel sehen können. Bei uns in der Kabine läuft eigentlich durchgehend DEL.

Der ERC Ingolstadt hat mit Ryan Kuffner gerade einen weiteren Stürmer verpflichtet, um auf Ausfälle reagieren zu können. Theoretisch hätten Sie in solch einem Fall einspringen können. Waren Sie enttäuscht?

Henriquez-Morales: Nein, enttäuscht bin ich nicht. Klar, die Chance zu meinem ersten DEL-Einsatz zu kommen, falls jemand ausfällt, ist jetzt noch etwas geringer. Aber gerade in Corona-Zeiten kann alles passieren. Ich bin nicht traurig, sondern zuversichtlich. Natürlich würde ich mich wahnsinnig freuen, wenn es in dieser Saison schon klappt. Wenn nicht, ist es auch nicht unbedingt ein Beinbruch. Der Plan war ohnehin, erst mal noch in der Oberliga Spielpraxis zu sammeln und mich bestmöglich auf die DEL vorzubereiten.

Sie treffen jetzt im Viertelfinale auf Russland. Und dann?

Henriquez-Morales: Wir wollten ins Viertelfinale. Das haben wir jetzt erreicht. Es wird auf jeden Fall ein schweres Spiel. Russland hat viel Qualität im Team. Sie spielen hart, sind schnell, haben ein gutes Powerplay. Aber wenn wir mit Leidenschaft spielen, uns an unser System halten und alles für die Mannschaft tun, können wir auch ins Halbfinale kommen. Die Uhrzeit kommt uns ein wenig zugute. Dadurch, dass das Spiel schon um 18 Uhr deutscher Zeit beginnt, werden uns sicherlich viele Leute unterstützen.“

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