Herr Schmidt, wie war die Stimmung in der Heidenheimer Trainingswoche?
FRANK SCHMIDT: Wir hatten uns gegen den Hamburger SV viel vorgenommen. Wir wollten den Turnaround und haben zuhause 0:2 verloren, das war sehr enttäuschend. Das macht mit uns natürlich etwas und jeder geht mit der Situation anders um. So eine Woche hilft aber dabei, zu beobachten, wer die Spieler sind, die diese Situation ausblenden können. Es bringt nichts, einen Schuldigen zu suchen. Wir sind alle zusammen für diese Situation verantwortlich und müssen jetzt den Ballast abschütteln. Wenn wir in Augsburg gewinnen, sieht die Welt schon wieder anders aus.
Wie reagiert man als Trainer auf diese Situation?
SCHMIDT: Zuerst muss man mit sich selbst im Reinen sein. Direkt nach der Niederlage geht man selbst nicht mit der breitesten Brust in die Interviews. Bei mir hilft meistens, eine Nacht darüber zu schlafen. Dann möchte ich schon wieder alles einreißen. Es ist ja auch wichtig, sich selbst zu motivieren. Was die Motivation der Spieler angeht: Wir haben keinen Sportpsychologen und stellen es den Spielern frei, sich Unterstützung in diesem Bereich zu holen. Ich setze auf den gesunden Menschenverstand. Es muss niemand Angst haben, dass er als einzelner Spieler für Misserfolge verantwortlich gemacht wird. Es geht darum, eine positive Gruppendynamik zu erzeugen. Dortmunds Nico Schlotterbeck hat nach dem Sieg gegen uns gesagt, dass der BVB Meister werden will – bei sechs Punkten Abstand zu den Bayern. Wir stehen auch derzeit sechs Punkte hinter dem 15. Platz und dem Relegationsplatz und können das in 13, gerne in 15 Spielen, aufholen.
Inwiefern ist die Partie beim FC Augsburg ein Endspiel für Heidenheim?
SCHMIDT: Diese Situation haben wir ja eigentlich schon im letzten Spiel gehabt. Ich bin kein Freund von solchen Ansagen. Es ist ja auch nicht so, dass man sagen kann: Mit sechs Siegen aus 13 Spielen bleibt man sicher drin. Wenn ich beim Tennis mit 40:0 führe und Aufschlag habe, dann darf ich mir doch auch nicht sagen: Jetzt habe ich drei Matchbälle und einen von denen verwandle ich. Ich will den ersten Matchball verwandeln. Wir arbeiten die ganze Woche dafür, um in Augsburg zu gewinnen. Das und nichts anderes muss unser Ansatz sein.
Auf was kommt es an gegen den FC Augsburg?
SCHMIDT: In erster Linie müssen wir unsere Chancen verwandeln. Die hatten wir zuletzt in jedem Spiel, aber die Verwertung ist ein großes Thema. Spezifisch auf Augsburg gemünzt: Dieses Spiel wird über die Zweikämpfe entschieden, über die 50:50-Situationen. Lange Bälle werden eine große Rolle spielen. Augsburg spielt seit dem Trainerwechsel viel geradliniger und hat mit Gregoritsch einen Zielspieler vorne, der seine Stärken darin hat, Bälle festzumachen und auch weiterzuleiten.
Heidenheim hat die wenigsten Tore, die meisten Gegentore und ist Letzter. Was stimmt Sie zuversichtlich, den Turnaround noch zu schaffen?
SCHMIDT: Dass wir im Spiel sind, auch was die Anzahl unserer Torchancen im ligaweiten Vergleich angeht. Das große Thema ist bei uns die Effektivität. Und ich habe eine Mannschaft, die trotz aller Negativerlebnisse nie den Glauben verliert. Wir gehen jedes Spiel mit einer positiven Grundstimmung an, wir glauben an den Plan. Dabei hilft uns die Erfahrung aus der vorherigen Saison: Einer Mannschaft, die sieben Sekunden vor Schluss im entscheidenden Relegationsspiel das Siegtor schießt, muss ich nicht erklären, dass bis zum Schluss alles möglich ist.
Wie groß sind ihre Hoffnungen in die Neuzugänge? Eren Dinkci etwa ist ein Heimkehrer, die funktionieren in Heidenheim oft nicht schlecht.
SCHMIDT: Eren hat in den vergangenen beiden Spielen schon gezeigt, dass er eine ganz andere Qualität ins Offensivspiel bringt. Chris Conteh konnte bis jetzt leider noch nicht spielen. Hennes Behrens macht es sehr gut auf der linken Seite, er ist ein junger unbekümmerter Spieler. Bei Leo Stergiou hoffe ich, dass er bis zum Wochenende fit wird. Er bringt aus Stuttgart eine Siegermentalität mit.
Im Herbst hatte ein Fan in Leverkusen beim 0:6 eine weiße Fahne gehisst. Hat Sie das geärgert?
SCHMIDT: Es hat mich geärgert, aber unsere Leistung hat mir mehr zu denken gegeben. Mich hat es gewundert, dass der Fan die Fahne überhaupt dabeigehabt hat, offenbar hat er mit etwas gerechnet. Aber diese Niederlage hat uns schon ins Mark getroffen. Es ist nicht unser Ding, aus dem Stadion geschossen zu werden, auch nicht gegen die großen Mannschaften.
Inwiefern nimmt Sie die Saison mit? Nach der vergangenen Spielzeit, als der Klassenerhalt knapp geschafft wurde, sagten Sie: „Es ging darum, den Glauben aufrecht zu erhalten, auch wenn man selbst mausekaputt war.“
SCHMIDT: Ich war damals mausekaputt, man hat es mir auch angesehen, denke ich. Es war eine irre Belastung, nach so einer Saison in die Verlängerung mit der Relegation zu gehen. Jetzt wünsche ich mir das wieder, dass es im Sommer der Fall wäre. Aber ich kann mich schnell regenerieren. Ich kann mich mit Energie druckbetanken, in zwei Tagen alles hinter mir lassen. Aber natürlich ist vieles schwerer als in einer Saison, in der wir erfolgreich sind.
Ist es eine Überlegung, selbst die Brocken hinzuschmeißen, um einen neuen Impuls zu setzen?
SCHMIDT: Ich habe mein Büro direkt neben Vorstandschef Holger Sanwald. Wir reden jeden Tag miteinander und analysieren die Situation. Und wenn wir verloren haben, sagen wir uns nicht: Macht doch nichts. Wir sind sehr ehrgeizig. Natürlich bin ich sehr dankbar für den Rückhalt, den ich hier habe. Ich bin hier aber nicht Trainer aus Selbstzweck. Ich möchte Trainer aus Überzeugung sein. Und wenn ich das Gefühl hätte, dass ich nicht mehr helfen kann, dann muss man auch ehrlich zu sich sein. Aber das ist derzeit gar kein Thema. Wir bewerten die Situation, gehen motiviert in die Trainingswoche und ich spüre das Vertrauen. Ich bin voll auf dem Gaspedal freue mich auf die 13, hoffentlich 15 Spiele, die da kommen.
Wenn ihr Vertrag im Sommer 2027 ausläuft, sind sie 20 Jahre Trainer in Heidenheim. Ist dann Schluss?
SCHMIDT: Ich will nicht von anderen Dingen träumen. Ich brauche all meine Energie für die aktuelle Situation, es ist eine Riesenherausforderung. Ich kann da keine Aussagen treffen, nach dem Motto: Ich mache sicher in Heidenheim weiter. Das ist jetzt einfach nicht das Thema. Wir wollen in dieser Saison die Widerstände überwinden.
Aber Sie haben mit Heidenheim doch alles erlebt, was möglich ist: Bundesliga-Aufstieg, Sieg gegen die Bayern, sogar Europacup. Was soll da noch kommen?
SCHMIDT: Ich möchte die Dinge erst kommentieren, wenn sie entschieden sind. Aber ich bin niemand, der zurückblickt. Erst kürzlich war in Heidenheim die Ehrung der Sportler des Jahres, da haben mir die Leute gesagt: Toll, was ihr erreicht habt. Ich tue mir mit diesem Lob aber schwer, weil ich es als Alibi für die derzeit schlechte Situation empfinde. Mich interessieren nur die Gegenwart und die nächste Aufgabe. Solange das so ist, ist es gut, dass ich Trainer bin.
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