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FC Bayern München

14.11.2019

Bayern-Präsident Uli Hoeneß tritt ab - oder geht das gar nicht?

Uli Hoeneß geht in den Ruhestand.
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Uli Hoeneß geht in den Ruhestand.
Bild: Andreas Gebert, dpa

Plus Er wollte den FC Bayern „durchs große Tor“ verlassen. Sein Verein erfüllt ihm diesen Wunsch: 19 Uhr, Freitagabend, Olympiahalle München, große Bühne, große Gefühle.

Viel mehr Platz war nicht mehr in diesem Fußballerleben. Europameister mit 20 Jahren, einen Elfmeter ins Belgrader Firmament genagelt, Weltmeister, Karriereende mit 27. Zwischendrin ein paar Meisterschaften, drei Europapokalsiege. Überaus wahrscheinlich, dass sich die Persönlichkeitsstruktur unter diesen Eindrücken entwickelt.

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Wer sagt, er habe sich im Verlauf der Jahre nicht verändert, ist entweder ein Schwindler oder allzu simpel gestrickt. Uli Hoeneß hat sich im Lauf der Jahre verändert und ist sich doch treu geblieben. Verfechter der Marktwirtschaft, die auch gerne sozial sein darf – wenn es nur dem FC Bayern nicht schadet. Gerechtigkeitsfanatiker, klar. Vorwiegend, wenn es um seinen Verein geht.

Aber diese Steuergeschichte dann wieder auf der anderen Seite.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß tritt ab - oder geht das gar nicht?

Fähig, zur Versöhnung. Christoph Daum und Willi Lemke wissen Bescheid. Paul Breitner nicht.

Uli Hoeneß, gefühliger Arroganzling. Ein Mann wie der FC Bayern. Uli Hoeneß ist der FC Bayern. Er war der FC Bayern. Wenn der 67-Jährige auf der Jahreshauptversammlung an diesem Freitag sein Mandat als Präsident der Münchner abgibt, ist es der größte Einschnitt in der Geschichte des Vereins.

Als 18-Jähriger schloss sich der Ulmer Metzgerssohn 1970 einem Verein an, der wusste, was er sein will: ein Klub des Establishments und der Arbeiter. Strahlend und erdverbunden. Personifiziert durch den schillernden Franz Beckenbauer und den schlichten Gerd Müller.

Dann kamen Hoeneß und Breitner. Forsche Jünglinge, nicht bereit, sich ein- oder gar unterzuordnen. Mögen es Müller, Beckenbauer und der immerzu schlawinernde Sepp Maier gewesen sein, die für die großen Triumphe von Verein und Nationalmannschaft Pate standen – ohne die juvenilen Antiautoritären waren sie nicht denkbar. Hoeneß und Breitner hatten das Selbstbewusstsein, ihre Bedeutung nicht zu unterschätzen. In dieser Hinsicht immerhin haben sie sich nicht verändert.

Breitner wandte sich immer mal wieder von den Münchnern ab. Posierte mit Mao-Bibel, kickte für den Franco-Klub Real Madrid. Flexibel auf und neben dem Feld. Und somit der Antipode zu Hoeneß.

Uli Hoeneß: Manager mit 27, später Flugzeugabsturz und Gefängnis

Der stürmte immer und immerzu vorwärts. Taktieren sollen die, die es nötig haben. So führte er auch 40 Jahre den FC Bayern. Als ihn 1979 eine Knieverletzung zum Karriere-Ende zwang, mögen andere darüber gestaunt haben, als er 27-jährig den Managerposten bezog. Hoeneß nicht. Er reiste in die USA, sah sich an, auf welch irrsinnige Weise sich Einnahmen steigern ließen. Statt ausschließlich auf volle Stadien und exorbitante Ticketverkäufe zu setzen, boten diese Amerikaner doch tatsächlich Trikots und allerhand Tand mit dem Logo des Klubs an. Merchandising. Seitdem auch in Deutschland.

Wer Hoeneß’ generelle Abscheu für das Internet kennt, wird ihn aber nur schwerlich als Visionär bezeichnen können. Er besitzt weder Email-Adresse noch Social-Media-Account. Berichte aus diesem Internet lässt er sich von seiner Sekretärin ausdrucken. Lässt sich so ein Multimillionen-Euro-Unternehmen führen? Haben Zebras Streifen? Hoeneß passte sich nie dem Zeitgeist an, den Verein aber sehr wohl. Weil er sich nie Meinungen seiner engsten Mitarbeiter verweigerte, weil er sich Expertise ins Haus holte, auch wenn er ihr misstrauisch gegenüberstand. Klinsmann und van Gaal, Sammer und Rehhagel. Den Großteil freilich erledigte er höchstselbst. „Ein Uli Hoeneß lässt den FC Bayern nie im Stich. Und wenn irgendein Problem entsteht, würde ich zur Not hier sogar ein halbes Jahr den Platzwart machen.“ Eine Perspektive, die Lothar Matthäus beinahe verschlossen geblieben wäre. „So lange ich und der Kalle Rummenigge etwas zu sagen haben, wird der nicht mal Greenkeeper im neuen Stadion“, drohte Hoeneß an, als der Rekordnationalspieler 2002 die Mannschaft kritisiert hatte. Mittlerweile tourt Matthäus für den FC Bayern durch die Welt. „Markenbotschafter“ nennt sich der Posten. Die Münchner haben noch jeden untergebracht. Bayerns Erfolg ist nicht aufzuhalten. Von niemandem.

Ein demütiger Hoeneß? Nix da: mia san mia!

Bleibt er doch mal kurzzeitig aus, folgt umgehend der Weg zum Festgeldspeicher. Demut? Mia san Mia. Bajuwarische Arroganz als Alleinstellungsmerkmal.

Hoeneß überlebte 1982 als einziger Passagier einen Flugzeugabsturz, als er auf dem Weg zu einem Länderspiel war. Drei Personen starben. Hoeneß hatte Glück. Er mag den Tag aber nicht als seinen zweiten Geburtstag feiern – zu viel Leid hat er für andere Familien bedeutet. Ein Ereignis, angetan, eine Wesensänderung zu provozieren. Aber nicht doch bei Hoeneß. Bei ihm hatten Herz und Ellbogen schon damals fusioniert, wie es der Kabarettist Django Asül beschreibt. Der Bayern-Macher gluckte weiter über dem Verein. Seinem Verein.

Kritik von Außen kontert er mit jenem übertriebenen Impetus, der auch twitternden Staatsoberhäuptern nicht fremd ist. Um seinen ehemaligen Lieblingsfeind Christoph Daum als Bundestrainer zu verhindern, riskierte Hoeneß seine eigene Existenz. Er äußerte den nur vage bekannten Verdacht, Daum würde Drogen konsumieren. Hätte der nicht aus noch heute unbekannten Gründen einer Haarprobe zugestimmt, Hoeneß hätte sein Wirken bereits vor 19 Jahren einstellen müssen. Mittlerweile haben sich die beiden versöhnt. Daum schrieb seinem alten Gegenspieler Hoeneß einen wohlwollenden Abschiedsbrief für das Vereinsmagazin des FC Bayern: „Danken möchte ich dir für ein sehr persönliches Gespräch, das mir gezeigt hat, dass du ein äußerst nachdenklicher und verzeihender Mensch bist.“

Sieht Juan Bernat möglicherweise anders. Dem spanischen Linksverteidiger unterstellte der Präsident, er habe einen „Scheißdreck“ im Trikot des FC Bayern gespielt. Witzigerweise machten die Münchner bei jener unterhaltsamen Pressekonferenz vor einem Jahr kurz zuvor das Grundgesetz für sich geltend. Von wegen Würde und so. Ein Auftritt, stellvertretend für viele weitere Darbietungen emotionalen Kunstgewerbes. Hoeneß ist leicht aus der selbstauferlegten Reserve zu locken. Nur ein, zwei Andeutungen, die zart die universelle Herrlichkeit des FC Bayern infrage stellen – und aus dem kontrollierten Funktionär wird der rotköpfige Oberfan.

Wehe, jemand greift seinen Klub an. Dann: roter Kopf.
Bild: MIS, Imago Images

Gleichsam irritierend wie beruhigend, dass dieser Polterer ein mindestens ebenso großer Kümmerer ist. Bekannt ist, wie er dem alkoholkranken Gerd Müller den Weg zurück in die Gesellschaft wies. Wie er sich um Mehmet Scholl kümmerte. Dass Sebastian Deisler immer wieder Hoeneß aufsuchte, ehe er wegen Depressionen seine Karriere beendete. Als gerade der zehnte Todestag von Robert Enke begangen wurde, saß Hoeneß neben Teresa Enke auf der Bühne. Er engagiert sich für die von ihm ins Leben gerufene Dominik-Brunner-Stiftung für Zivilcourage.

Auf der anderen Seite diese Steuergeschichte. Die ja ein Betrug war. 28,5 Millionen Euro hinterzogene Steuern konnten nachgewiesen werden. Urteil: dreieinhalb Jahre Haft – freilich nach etwa der Hälfte zur Bewährung ausgesetzt. „Das war’s noch nicht“, prophezeite Hoeneß auf der Mitgliederversammlung, kurz bevor er in die Justizvollzugsanstalt Landsberg einfuhr.

Überraschenderweise war es das wirklich noch nicht. Im Law-And-Order-Bayern haben andere wegen weniger ihre Existenzgrundlage verloren. Hoeneß ist seit jeher CSU-Wähler. Der ehemalige Ministerpräsident Edmund Stoiber sitzt im Aufsichtsrat des FC Bayern. Eine Hand wäscht die andere. Von jeher verbindet die beiden wichtigsten Institutionen des Freistaats mehr als die Rauten im Wappen.

Dass der Resozialisierungscharakter von allen Seiten auf einmal frauenkirchengroß geschrieben wurde, überrascht daher auch nur Preißn. Und die lästigen Lokalrivalen des TSV 1860 München. Aber die „Blauen“ nimmt eh kein „Roter“ ernst.

Überhaupt diese Jahreshauptversammlungen. Immer Seismograf, wie es um die Beziehung zwischen Hoeneß und dem Rest der Bayern-Familie bestellt ist. Auf Konfrontationskurs wie 2007, als ihn ein Fan darauf hinwies, dass die Stimmung wegen der zahlreichen VIP-Zuschauer eher mau sei. Hoeneß-Replik: „Eure Scheiß-Stimmung, da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir.“ Neun Jahre später skandierten die Anhänger: „Uli Hoeneß, du bist der beste Mann.“

Wehe, ihm geht etwas zu Herzen. Dann: schon mal Tränen.
Bild: Sebastian Widmann, Witters

Mit dem Volkskammer-Ergebnis von 97 Prozent wählten sie ihn zu ihrem Oberhaupt, nachdem er wieder in Freiheit war. Im vergangenen Jahr gab es Pfiffe und Buhrufe für den Präsidenten. „Da waren so viele Unwahrheiten drin, dass wir drei Stunden bräuchten, um das zu diskutieren. Ich lehne eine Diskussion auf dem Niveau total ab“, hatte er zuvor eine kritische Wortmeldung abgebügelt.

Und nun? Wenn Hoeneß letztmals als Präsident zum Volk spricht? Die Bayern ziehen vom Audi-Dome in die größere Olympiahalle um. Über 10.000 Mitglieder hätten hier Platz. Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge wird salbungsvolle Worte sprechen. Über die Bedeutung von Hoeneß für den Verein (unermesslich) und die Beziehung der beiden (Status: schwierig). Sie führten die Münchner zu Dauerdominanz in der Liga und europäischen Erfolgen. Sie fanden zuletzt in einem kompromisslosen Geschäft nur noch zu Kompromisslösungen. Wenn zwei führen wollen, lässt sich die Richtung nicht halten.

Hoeneß hatte immer nur ein Ziel

Andererseits: Gibt es einen deutschen Verein, dem es wirtschaftlich besser geht? Der mehr Titel geholt hat? Mehr Fans hat?

Schwarz und Weiß sind keine Kategorien. Hoeneß’ Schaffen war sowieso einzig dem rot-weißen Vorankommen geschuldet. Charakteristisch der leuchtende Schädel, wenn ihm mal wieder etwas ernstlich missfiel. Liedermacher Willy Michl mag der Isarindianer sein, Hoeneß firmiert als Isarhäuptling. Seine wohl größte Herausforderung: Abzutreten – und im Zweifelsfall auch mal zu schweigen. Guter Rat ist, teuer, Hoeneß’ Rat gibt es weiterhin kostenlos. Aber eben nur noch auf Anfrage – hoffen Rummenigge und die weiteren Führungskräfte.

Nun soll der ehemalige Adidas-Chef Herbert Hainer den Verein als Präsident führen, Hoeneß will nur noch Aufsichtsratsmitglied sein. Gelingt das ohne allzu große Einmischung, wäre es sein herausragender Erfolg. Privatleben, nun endlich im Alter von 67 Jahren. Hoeneß auf der Terrasse am Tegernsee. Oder wie er mit Ehefrau Susi Fahrradtouren unternimmt, Samstagnachmittag mit seinen vier Enkelkindern spielt.

Karriere, Flugzeugabsturz, Gefängnis. Zu viel für ein Leben. Uli Hoeneß ist alles zuzutrauen.

Lesen Sie dazu auch: Herbert Hainer: Das ist der Mann, der auf Uli Hoeneß folgen soll

Uli Hoeneß gibt sein Präsidenten-Amt ab. Was bedeutet das für den FC Bayern?
Video: Axel Hechelmann
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