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Fußball

24.12.2020

FC Bayern-Profi Leon Goretzka: Der Gewinner in der Krise

Er kam als besserer Nebendarsteller: Aber in kurzer Zeit gewann Leon Goretzka beim FC Bayern an Format – auf und abseits des Platzes.
Bild: Bernadett Szabo Reuters/AP, dpa

Er kam als Nebendarsteller: Aber in kurzer Zeit gewann Leon Goretzka beim FC Bayern an Format – auf und abseits des Platzes. Über einen, der überzeugt.

Verrückte Zeiten damals aber auch. Kein höhnisches Gelächter, als der Fragesteller sich bei Leon Goretzka erkundigt, ob der FC Schalke 04 in der kommenden Saison denn vielleicht der ärgste Konkurrent des FC Bayern werde. Der Mittelfeldspieler führte ernsthaft aus, dass das schon sein könne, schließlich sei der Revierklub in der vergangenen Saison ja auf dem zweiten Platz gelandet und verfüge dazu noch über einen „hervorragenden Trainer“.

Domenico Tedesco hatte die Schalker in der Spielzeit 2017/18 immerhin zur Vizemeisterschaft geführt. Wenige Monate später konnte Tedesco nur noch in der Vergangenheitsform von seiner Tätigkeit als Schalker erzählen. Auf Platz 14 liegend, hatte ihn der Vorstand nach 25 Spieltagen entlassen. Hätten sie ja damals in Gelsenkirchen auch nicht gedacht, dass sie diese Bilanz heute zu erleichterten Durchschnaufen nutzen würden.

Die Bayern sahen in Goretzka zuerst eher eine Alternative

Im August 2018 waren diese Entwicklungen nicht abzusehen. Goretzka hatte nach einigen Hin und Her den Klub verlassen. Ablösefrei. Ein Transfer, für den die Münchner nicht allzu viel Gedankenkraft verwenden brauchten. Junger Nationalspieler ist ohne Überweisung an Schalke zu bekommen. Man muss sich das Leben einen Sportdirektors nicht immer als eines der durchdachten Nächte vorstellen.

Gleichwohl sahen die Bayern in dem damals 23-Jährigen eher eine Alternative als einen Stammspieler. Thiago, James, Javi Martinez, Thomas Müller, Joshua Kimmich – das Münchner Mittelfeld hatte nicht mit Qualitätsmängeln zu kämpfen. Goretzka aber war sich seiner Sache sicher. Über Monate hinweg hatte er sich überlegt, ob er denn nun die Offerte des FC Bayern annehmen sollte oder vielleicht doch lieber zum FC Barcelona wechseln sollte, der auch um ihn buhlte. Die Spitzenklubs sahen in ihm einen verlässlichen Antreiber im Mittelfeld, der vor beiden Toren wertvolle Dienste verrichtet.

Leon Goretzka ist eine der prägenden Gestalten des FC Bayern. Nach dem Sieg in der Champions League sicherte er sich einen Teil des Tornetzes. Ein Erinnerungsstück, das so nicht jeder zu Hause hat.
Bild: Imago Images

Weniger augenscheinlich waren die Ambitionen Goretzkas, nicht nur auf dem Platz eine prägende Rolle einzunehmen. Zwar gehörte er schon zu Schalker Zeiten zu jenen Spielern, denen das Prädikat „mündig“ angeheftet wurde, doch Schalke ist bei aller Aufgeregtheit eben nicht München. „Man braucht nicht das Wort ergreifen, wenn man nicht regelmäßig auf dem Platz steht“, sagte Goretzka bei seiner Vorstellung im Pressestübchen der Bayern.

Für die wirklich großen Transfers lädt der Dauermeister die Journalisten in die Allianz Arena. War für Goretzka nicht nötig. Dass er nun in den kommenden Jahren in unregelmäßigen Abständen das Wort ergreifen würde, hat also sehr viel damit zu tun, dass er sich auf imposant ruhige Art und Weise unentbehrlich im Mittelfeld der Münchner gemacht hat. Goretzka entwickelte sich zu einem der auffälligsten Münchner – auf und abseits des Platzes.

Mit Joshua Kimmich gründete Goretzka die Initiative "We kick Corona"

Nachdem es während eines Länderspiels zu rassistischen Äußerungen auf der Tribüne gekommen war, sagte Goretzka: „Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Da antwortet man auf die Frage nach der Nationalität mit Schalke, Dortmund oder Bochum.“ Recht viel prägnanter hatte zuvor die wenigsten Fußballer auf ähnliche Vorfälle reagiert.

Zu Beginn der Corona-Krise rief er zusammen mit Kimmich die Spendenaktion „We kick Corona“ ins Leben. Mittlerweile kamen auf diesem Weg über fünf Millionen Euro für soziale und karitative Zwecke zusammen. Parallel zu seinem immer sichtbarer werdenden öffentlichen Engagement packte sich Goretzka etliche Kilogramm Muskelmasse auf Arme und Oberkörper. Der einst schmächtige Edelkomparse ist mittlerweile anerkannte Autorität im Mittelfeld.

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Bild: Valeriano Di Domenico/POOL FIFA/Getty/dpa

Zuletzt nutzte er seine Popularität, um sich abermals gegen Rassismus und Diskriminierung einzusetzen. Er besuchte das ehemalige Konzentrationslager in Dachau und traf sich im November mit der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. Am vergangenen Wochenende positionierte er sich in einem Interview mit der Welt am Sonntag gegenüber der AfD. „Speziell durch die Corona-Krise wurde noch offensichtlicher, welche Partei das ist: Für mich ist es keine Alternative, sondern eine Schande für Deutschland.“

Leon Goretzka greift die AfD an

Erwartungsgemäß erhielt er dafür von vielen Seiten Lob – von der AfD logischerweise nicht. So forderte der Bundestagskandidat der AfD Heidelberg, Dr. Malte Kaufmann, ihn auf Twitter auf, er solle „lieber mal seinen vorlauten Mund halten & Fußball spielen. Solche blödsinnigen, substanzlosen Statements sind wir Leid. Noch dazu von abgehobenen Fußball-Söldnern, die in einer Parallelwelt leben & vom realen Leben keine Ahnung haben.“

Dass sich über Substanzlosigkeit trefflich streiten lässt, wird auch sicherlich Kaufmann nicht in Abrede stellen. Deutlich zu vernehmen ist allerdings der Wunsch etlicher sozial engagierte Fans, die hoch bezahlten Profis sollten einen Teil ihrer Reichweite dazu nutzen, sich gesellschaftlich zu positionieren.

Dass nun ausgerechnet Leon Goretzka jener Spieler sein würde, der hier am offensivsten vorgeht, war vor zwei Jahren noch nicht anzunehmen. Aber da galt auch noch der FC Schalke als Titelkandidat.

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