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Kurt Landauer

15.10.2014

Onkel Kurt: Der Präsident, der den FC Bayern erfand

Uri Siegel, 91, mit der Kopie eines Fotos von seinem Onkel Kurt Landauer.
Bild: Till Hofmann

Kurt Landauer war einer der einflussreichsten Präsidenten des FC Bayern München. Er war auch Jude. Die Nationalsozialisten nahmen ihm alles – nur nicht die Liebe zum Verein.

Maria Baumann war völlig aufgelöst an jenem 21. Dezember 1961, einem Donnerstag. Sie hielt die kalte Hand eines Toten. Auf dem Bett lag ihr Mann Kurt Landauer. Mit 77 Jahren hörte sein Herz auf zu schlagen. Schon länger war bekannt, dass Landauer Probleme mit dem Herzen hatte. Der Tod kam dennoch unvermittelt, berichtet Uri Siegel. Der heute 91-Jährige ist der Neffe Landauers. Er war Augenzeuge dieser traurigen Szene vor über einem halben Jahrhundert.

„Ich hätte nicht gedacht, dass mir mein Onkel noch einmal so viel Arbeit macht“, sagte Siegel vergangene Woche in seinem Arbeitszimmer in München-Haidhausen, das voller Erinnerungen steckt – auch an Onkel Kurt, der viermal Präsident des FC Bayern München war. Am Mittwoch strahlt die ARD zur Hauptsendezeit den biografisch angelegten Spielfilm „Landauer – Der Präsident“ aus.

Das größte Talent von Kurt Landauer lag außerhalb des Platzes

Der Film beginnt mit der ersten deutschen Meisterschaft, die der FC Bayern München 1932 gegen Eintracht Frankfurt mit 2:0 für sich entschied. Am Anfang dieser Erfolgsgeschichte steht Kurt Landauer, der seinen Klub liebte und für seinen Klub lebte. 1901, ein Jahr nach der Vereinsgründung, wurde er mit 17 Jahren Mitglied des FC Bayern.

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Er spielte im Tor. Sein größeres Talent lag jedoch außerhalb des Platzes – im Organisieren. Und so dauerte es nicht lange, bis der junge Mann Aufgaben in der Vereinsverwaltung übernahm. Überraschend kam Landauer Ende des Jahres 1913 erstmals ins Präsidentenamt.

Sein Vorgänger Angelo Knorr musste den Posten aufgeben, weil ihm homosexuelle Handlungen vorgeworfen wurden und ein von der Polizei aufgegriffener Stricher Knorr als Kunden nannte. Der Aufruhr im Verein war groß.

Nazis trieben Landauer aus dem Amt

Der Erste Weltkrieg beendete Landauers Amtszeit nach wenigen Monaten. Gleich nach dem Krieg engagierte er sich zwei weitere Male für den FC Bayern München (1919 bis 1921 und 1922 bis 1933) – bis die Nationalsozialisten ihn aus Amt und Beruf trieben. Der jüdische Kaufmann, der dank einer dreijährigen Banklehre in der Schweiz auch mit den Vereinsfinanzen umzugehen verstand, durfte nicht länger als Anzeigenleiter bei den Münchner Neuesten Nachrichten tätig sein.

Sein Ehrenamt im Fußball legte er am 22. März 1933 nieder. Damit war er einem erzwungenen Abgang nicht nur zuvorgekommen. Er sicherte auf diese Weise dem als „Judenklub“ verschrienen FC Bayern gewisse Spielräume bei der Besetzung der Führungspositionen. Der Verein blieb so gut es ging regimekritisch. Erst 1943 kam mit Gausportführer Josef Sauter bis Kriegsende ein Nationalsozialist an die Vereinsspitze. Landauer war zu der Zeit im schweizerischen Exil.

Davor hatte er in seiner Heimatstadt München versucht, mit gelbem Davidsstern an der Jacke weiter die Fäden für den FC Bayern zu ziehen. Was ohne dieses Kennzeichen früher problemlos gelungen war, das war nun zum Scheitern verurteilt.

1955 heirateten Kurt Landauer und Maria Baumann

Nach der Reichskristallnacht im November 1938 kam er ins KZ Dachau. „Mein Onkel hat sich dort mutig verhalten“, sagt Uri Siegel. Der 91-Jährige spielt darauf an, dass Landauer ab und zu bereit war, sich als „rechter Flügelmann“ hinzustellen. An ihm richteten sich die Gefangenen zum Appell in der Früh aus. Wenn den Wachmannschaften etwas nicht passte, bekam das der ehemalige Fußballfunktionär als Erster zu spüren.

Das Wachpersonal betrat nämlich von rechts den Platz, dort, wo Kurt Landauer stand. Nach 33 Tagen durfte er das KZ verlassen. Ihm wurde angerechnet, dass er dekorierter Kämpfer im Ersten Weltkrieg war. Gleichzeitig wurde ihm das Versprechen abgenommen, aus Deutschland auszureisen – unverzüglich und ohne jedes Vermögen. In Genf unterstützte ihn die Kaufmannsfamilie Klauber, die ein Damenmodegeschäft in München hatte. Maria Klauber stand Landauer nahe und wollte mit ihm nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten emigrieren.

Doch er entschied sich anders. Er fuhr aus der Schweiz nicht – wie im Film gezeigt – direkt nach München, sondern suchte zunächst eine andere Frau im Allgäu auf: Maria Baumann aus Memmingen war vor den Gräueltaten der Nazis die Beiköchin der Großmutter in München gewesen, sie führte später den Haushalt von Kurt und einem seiner Brüder. Daraus entwickelte sich eine persönliche Vertrautheit und Nähe. 1955 – sechs Jahre vor Landauers Tod – heirateten die beiden.

Die Nationalsozialisten hatten dem Juden mit dem großen Fußballherzen alles genommen: sein Geld, seine Stellung, seinen Verein und vier Geschwister. Leo, Paul, Franz und Gabriele wurden in Konzentrationslagern oder jüdischen Gettos von den NS-Schergen umgebracht. Alfons hatte sich ohne Zutun der Nazis 1929 in Berlin mit einem Revolver erschossen. Offensichtlich hatte er nach dem Börsencrash viel Geld verloren. Nur Kurt und seine Schwester Henny, die Mutter von Uri Siegel, überlebten unter den Geschwistern den Holocaust.

In seiner letzten Präsidentschaft hatte es Landauer nicht leicht

Dennoch kehrte Kurt Landauer in das Land der Täter zurück. Denn es war sein Land, seine Heimat. Nur wenige Wochen, nachdem er angekommen war im besiegten Deutschland, übte er im Sommer 1947 bereits wieder das Präsidentenamt des FC Bayern München aus. Sein größtes Verdienst in dieser Zeit war wohl, dass er sich erfolgreich bei der Stadt München für ein Spiel- und Trainingsgelände einsetzte. So wurde ein Areal an der Säbener Straße zur Heimstatt des FC Bayern. Zehntausende pilgern heutzutage dorthin, wenn der Rekordmeister zu Saisonbeginn die Fußballstars präsentiert.

Der barocke Landauer, der gutes Essen und Wein mochte, hatte es in seiner letzten Präsidentschaft nicht leicht. Mit 63 übernahm er den Posten wieder, agierte als Patriarch – ziemlich autoritär. Jüngeren Vereinsmitgliedern gefiel dieser Stil des eigenwilligen Machers nicht. Dazu kam das Erstaunen, dass Landauer wieder auf der Bildfläche erschienen war. Bei einigen meldete sich das schlechte Gewissen: Eine konservative, kleinere Fraktion im Verein war dem NS-Regime durchaus nahe gestanden. Und hatten nicht die Nazis einen Teil der Landauer-Familie ermordet?

Es war eine seltsame Melange „aus Scham und Freude“, resümiert Anton Löffelmeier, Mitarbeiter des Münchner Stadtarchivs mit einem Faible für Fußball. 1951 wurde Kurt Landauer abgewählt. Die Enttäuschung saß tief. Aber nicht so tief, dass er verbittert gewesen wäre. Die Klubführung und der frühere Präsident näherten sich wieder an.

Als Bayern München mit dem Abstieg aus der erstklassigen Oberliga Süd 1955 ein sportliches Desaster erlebte und mit der für damalige Verhältnisse gigantischen Schuldenlast von 60 000 Mark in existenzielle Nöte geriet, gehörte Landauer zu den wenigen, die ein zinsloses Darlehen zur Verfügung stellten – aus den Wiedergutmachungszahlungen, die er erhalten hatte. „Wir können ihm nicht genug dafür dankbar sein!“, hieß es 1955 pathetisch in den Vereinsnachrichten.

Landauer war der vermutlich wichtigste Präsident des FC Bayern

Nach seinem Tod geriet der vermutlich wichtigste Präsident des FC Bayern – begraben auf dem Neuen Jüdischen Friedhof im Norden Schwabings – in Vergessenheit. Eine neue Fußballergeneration um Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller eilte national und international von Erfolg zu Erfolg. Das Tagesgeschäft war wichtig, die Planungen für die Zukunft fraßen Energie. Da war offenbar kein Platz mehr für Verdienste der Vergangenheit und für eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Vereins.

Dabei war es Landauer, der die Saat gelegt hatte: Er verpflichtete bereits früh international erfahrene Trainer für sein Team. Er wollte sich mit ausländischen Spitzenklubs messen, was der konservativ eingestellte Deutsche Fußball-Bund kategorisch ablehnte. Er setzte auf eine intensive Jugendarbeit. Und er stellte die Spieler in den Mittelpunkt, forderte Disziplin und förderte die Kicker: Landauer schloss für die Fußballer Unfallversicherungen ab – in den 1920er Jahren etwas völlig Unübliches.

Der Münchner Stadtarchivar Löffelmeier war der Erste, der sich 1996 wieder mit Kurt Landauer beschäftigte. In einem Buch beschrieb er den Fußball in München von den Anfängen 1896 bis zur Gegenwart. Zwangsläufig stieß er auf den Bayern-Präsidenten. „Mir war aber nicht bewusst, welche Tragödie mit dieser Person verbunden war.“

Die Publikation fand in der Öffentlichkeit eher mäßiges Interesse. Und dennoch sickerte das Wissen über Landauer in die Gegenwart ein. In einem ganzseitigen Artikel in der Zeit aus dem Jahr 2003 wurde „Onkel Kurt und die Bayern“ beschrieben. Im Klubmagazin des FC Bayern wurden vor gut zehn Jahren Landauer und Richard „Little“ Dombi, Meistertrainer von 1932, ausführlich gewürdigt.

Schickeria huldigte Kurt Landauer

Die Münchner „Schickeria“, ein Teil der Ultra-Fanbewegung, entdeckte „ihren“ Präsidenten Landauer. Zur Erinnerung an seinen 125. Geburtstag entrollten sie am 3. Oktober 2009 in der Fankurve ein überdimensionales Konterfei Landauers und das Spruchband: „Der FC Bayern war sein Leben – nichts und niemand konnte das ändern.“

Damals saß im Stadion auch Ica Souvignier. Sie wurde neugierig. Wer war dieser groß abgebildete Mann? Die Recherche begann. Souvignier machte ihren Ehemann darauf aufmerksam, der über die „Komplexität der Geschichte“ staunte und heute von einem „Goldfund“ spricht. Er ist der Produzent des Landauer-Films.

Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG, hatte während seiner Zeit als aktiver Spieler bei den „Roten“ nie von einem Kurt Landauer gehört. Die Person Landauer steht seinem Klub „gut zu Gesicht“, findet er heute. Den Film empfindet Rummenigge als „fulminantes Comeback“ eines lange Zeit nicht Beachteten. Autor Dirk Kämper bringt Landauers Verdienste in der aktuellen Biografie bereits im Untertitel auf den Punkt: „Der Mann, der den FC Bayern erfand.“ Für Uri Siegel gibt es noch etwas Wichtigeres. Der Neffe Landauers sagt über ihn: „Er war ein guter Onkel.“

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