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Fußball: Sucht als Geschäftsmodell: Wie der Fußball mit Sportwetten verdient

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Sucht als Geschäftsmodell: Wie der Fußball mit Sportwetten verdient

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    Wenn beim VfB Stuttgart (hier Toptorschütze Serhou Guirassy) in dieser Saison gejubelt wird, ist auch ein Wettanbieter auf der Brust deutlich zu sehen.
    Wenn beim VfB Stuttgart (hier Toptorschütze Serhou Guirassy) in dieser Saison gejubelt wird, ist auch ein Wettanbieter auf der Brust deutlich zu sehen. Foto: Tom Weller, dpa

    Gerade einmal zweieinhalb Monate sind es noch, ehe in Deutschland die Fußball-EM beginnt. Schon jetzt ist klar, dass dieses Turnier in einer Hinsicht eine Neuerung darstellen wird: Mit dem Anbieter Betano wird es erstmals bei einer Europameisterschaft einen Sportwettenanbieter geben, der zum offiziellen Sponsorenfeld des Turniers gehört. Es ist ein Umstand, der Suchtforscher die Hände über den Kopf zusammenschlagen lässt – denn das Geschäft mit dem vermeintlich leicht verdienten Geld sorgt seit Jahren für zerbrochene Existenzen. 

    Alleine in Deutschland wiesen 2023 laut einer Untersuchung der Universität Bremen 2,4 Prozent der Bevölkerung – also etwa zwei Millionen Menschen – eine Glücksspielstörung auf. Etwa eine halbe Million gelten als schwere Fälle. Hinter jeder Zahl stecken Schicksale: Jede Suchtberatungsstelle kann Geschichten liefern von Familienvätern, die die gemeinsamen Ersparnisse verzocken und Schulden anhäufen, die meist um die 50.000 Euro liegen. Schließlich soll die nächste Wette die Verluste zuvor wieder ausgleichen. 

    Während der Fußball-EM werden vermehrt Sportwetten abgeschlossen

    Das Bündnis gegen Sportwetten-Werbung, hinter dem Experten der Uni Bremen, der Fanverband Unsere Kurve oder Präventionsprojekte der Bundesländer stehen, kritisierte daraufhin bereits, dass die Organisatoren der EM – der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Uefa – beim Schutz vor problematischem Glücksspiel versagen. Sylvia Schenk von Transparency International kritisiert, dass die EM Sportwetten salonfähig mache: "Mögliche Kollateralschäden – wie die erheblichen Suchtgefahren – werden hingegen ausgeblendet oder bagatellisiert." Auch Konrad Landgraf von der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern gehört zu den Unterzeichnern der Kritik.

    Schon ohne den Deal mit Betano blickt Landgraf mit bangem Blick auf die EM. Denn schon während eines solchen Großturniers werden erfahrungsgemäß deutlich mehr Wetten als sonst abgeschlossen: "Und je mehr Menschen an Sportwetten teilnehmen, desto mehr Menschen können potenziell eine Glücksspielproblematik entwickeln." Zudem stellt eine EM auch für diejenigen eine Belastungsprobe dar, die von der Sucht losgekommen sind und nun "trocken" leben: "Sie werden in dieser Zeit mit besonders viel Werbung für Sportwetten konfrontiert sein."

    Der Umsatz der Sportwetten-Branche lag 2023 bei 7,72 Milliarden Euro

    Dabei gilt ohnehin schon: Wer sich für Fußball interessiert, wird in allen Bereichen mit Wett-Werbung überflutet. Viele Bundesligavereine haben Sponsorendeals mit Wettanbietern. Beim VfB Stuttgart prangt mit Winamax sogar einer auf der Brust. Laut einem Bericht des Deutschlandfunks hat die Glücksspielbranche europaweit inzwischen den höchsten Anteil beim Trikotsponsoring. Laut Uefa wirbt mehr als jeder fünfte Profiverein auf dem Trikot für Sportwetten. Sportwetten sind ein Milliardengeschäft: Nach Angaben des Deutschen Sportwettenverbandes (DSWV) lag der bundesweite Umsatz der Branche im vergangenen Jahr bei 7,72 Milliarden Euro. Es ist ein Geschäft, bei dem auch der DFB und die Deutsche Fußball-Liga kräftig mitverdienen wollen. Beide haben Werbeverträge mit großen Anbietern: Die DFL wirbt wie auch der FC Bayern München für Tipico, der DFB für Bwin. 

    Das führt dazu, dass bei jeder Übertragung von Bundesliga- oder DFB-Pokal-Spielen auch die Logos und Werbespots der Wettanbieter zu sehen sind. Für Konrad Landgraf ein Unding: "Das Geld, das die Fußballvereine hier einnehmen, stammt zu einem erheblichen Teil von Menschen mit eben einer Glücksspielproblematik. Die Sportvereine haben eine Verantwortung gegenüber ihren Fans und ihren Mitgliedern, der sie durch eine Kooperation mit Wettanbietern nicht gerecht werden." Andere Länder gehen einen anderen Weg: In Italien ist Sportwettenwerbung seit 2018 kategorisch verboten. Hierzulande steigt die Zahl derjenigen, die süchtig nach Sportwetten sind, stetig: Alleine in Bayern hat sich die Zahl derer, die deswegen eine Beratungsstelle aufgesucht hat, zwischen 2016 und 2022 fast verdreifacht.

    DFB und DFL verweisen auf die Präventionsarbeit

    Der DFB und die DFL verweisen auf Anfrage unserer Redaktion auf die Präventionsarbeit, die jeweils geleistet werde: So werden beim DFB jährlich 200.000 Euro dafür ausgegeben, während es bei der DFL zur Lizenzierungsordnung gehöre, die Spieler bis in den Jugendbereich hinsichtlich der Risiken zu schulen. Für alle Suchtforscher ist aber klar: Die beste Prävention wäre es, komplett auf das Geld der Wettanbieter zu verzichten. Für den ehemaligen Sportreporter Werner Hansch, der nach seiner Karriere spielsüchtig wurde, steht fest: "Die Spielsucht gehört zum Geschäftsmodell der Wettanbieter." Eine halbe Million Euro habe er mit Sportwetten verzockt.

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