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Claudia Neumann

06.06.2016

So geht die erste EM-Kommentatorin mit Sprüchen über Frauen im Fußball um

Sportreporterin Claudia Neumann kommentiert für das ZDF zwei EM-Spiele.
Bild: Rainer Jensen, dpa

Mit Claudia Neumann kommentiert bei der EM erstmals eine Frau. Wir haben mit ihr über Anfeindungen und Vorurteile gesprochen und darüber, wie es ist, "immer die Erste" zu sein.

Frau Neumann, Sie kommentieren als erste Frau bei einer Europameisterschaft der Männer. Mal ehrlich: Können Sie verstehen, dass Sie immer wieder auf das Thema „Frau in einer Männerdomäne“ angesprochen werden?

Claudia Neumann: Verstehen kann ich es, weil ich das Geschäft ganz gut kenne. Aber ich würde mir wünschen, dass es nicht so wäre. Ich fände es viel schöner, wenn das schon eine relativ normale Geschichte wäre, statt dauernd darüber zu reden.

Stört Sie die Reduzierung auf die Rolle als „Erste“?

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Neumann: Ich würde nicht sagen, dass ich darauf reduziert werde. Aber diese Aufmerksamkeit aufgrund der Tatsache, dass ich eine Frau bin, mag ich nicht. Entweder bekomme ich Aufmerksamkeit, weil ich es vernünftig mache oder weil ich es schlecht mache. (lacht) Aber nicht weil ich eine Frau bin. Der Fußball ist nun wirklich kein Punkt, wo wir die Gender-Frage diskutieren müssten - schon gar nicht im Jahr 2016. Mittlerweile gibt es ganz viele Kolleginnen, die im Fußball arbeiten, auch in leitenden Funktionen. Das wird kurioserweise immer übersehen.

Frauenfußball unterscheidet sich von der Spielweise her vom Männerfußball. Kommentieren Frauen auch anders?

Neumann: Ich versuche so zu kommentieren, wie es meinem Naturell entspricht. Und das ist, glaube ich, nicht viel anders als bei Männern, weil ich den Fußball genauso erlebe. Der einzige wahrnehmbare Unterschied ist die Stimme. Da kann ich nur insofern darauf Einfluss nehmen, dass ich bei Spielen, bei denen es noch nicht um den WM- oder in diesem Fall EM-Pokal geht, die Emotionalität nicht gleich bei jeder Strafraum-Annäherung auf die Spitze treibe. Da kann ich dosieren.

Claudia Neumann: Ich habe mehr Männerfußball als Frauenfußball gesehen

Geht es auch darum, dass der eine oder andere eine Frauenstimme, sobald sie energischer wird, schneller als unangenehm empfindet?

Neumann: Klar. Es ist ungewohnt, dass eine Frauenstimme in dieser Form über Fußball spricht. Und das über 90 Minuten. Ich selbst habe gar keine hohe Stimme als Frau. Ich werde oft am Telefon für einen Mann gehalten. Aber es ist und bleibt eine Frauenstimme, die Klanglage ist eine andere. Das ist in erster Linie Gewohnheit, hat mit Toleranz und Akzeptanz zu tun. Wenn man von vornherein dagegen ist, wird man sie auch nach zehn Mal nicht schön finden. Auf der anderen Seite sage ich Ihnen: Es gibt auch männliche Kollegen, bei denen ich sage: Die ideale Stimme hat der nicht. Das ist eine Geschmacksfrage.

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Das ist der deutsche EM-Kader
Bild: dpa

Sie haben unter anderem die Frauenfußball-Weltmeisterschaften 2011 und 2015 kommentiert. Auf welche Änderungen müssen Sie sich einstellen, wenn Sie Männerspiele kommentieren?

Neumann: Ich muss mich nicht auf Änderungen einstellen, weil ich viel mehr Männerfußball als Frauenfußball gesehen habe. Meine Berichte betreffen zu 95 Prozent Männerfußball. Ich habe ihn auch schon live kommentiert. Das ist nur ein bisschen untergegangen, weil es Olympia war und überwiegend im Livestream gesendet wurde. Es war auch nicht in meinem Interesse, die Leute da mit dem Finger drauf zu stoßen. (lacht) Männerfußball zu kommentieren kann sogar angenehmer sein, weil die Ereignisdichte höher ist und man sich dadurch mehr beim Spiel befindet. Andererseits ist das Tempo viel höher, sodass strittige Situationen schwieriger einzuordnen sind.

Wie gehen Sie mit Anfeindungen, mit Sprüchen über Frauen und Fußball um?

Neumann: Wir müssen da ein paar Sachen trennen. Wir leben in einer Zeit, in der der eine oder andere über die sozialen Netzwerke ein Hobby betreibt, das nicht nach meinem Geschmack ist, womit ich mich aber arrangiere. Ich persönlich habe da Erfahrung, allerdings nicht annähernd so viel wie prominente Kollegen von mir. Aus meiner Sicht ist es kein Zufall, dass die am meisten kritisierten Kommentatoren die exponierten und die besten sind. Wer mit seiner Arbeit viele Menschen erreicht, muss damit rechnen – nicht nur in unserer Branche. Gerade in Grillrunden, wenn alle zusammen sitzen und zuhören, schaukeln sich Kommentare schnell hoch. Da muss sich nur einmal jeder selbst überprüfen: Wer in Gesellschaft guckt, hat immer etwas zu dem zu sagen, was er sieht. Da beklage ich mich gar nicht darüber. Das hat nichts mit mir persönlich zu tun, die kennen mich ja nicht.

Glauben Sie, dass es Zuschauer gibt, die Sie nicht überzeugen können, egal wie gut Ihre Leistung als Kommentatorin ist?

Neumann: Ja, absolut. Das ist sogar ein relativ großer Anteil. Ich glaube, dass unsere Gesellschaft in vielen Teilen längst noch nicht so modern ist, wie sich das mancher wünscht. Es gibt Menschen, die Neuem gegenüber aufgeschlossener sind als andere, die erst einmal reflektieren. Es gibt Menschen, die mit totaler Ablehnung reagieren, wenn ihnen etwas Liebgewonnenes weggenommen werden soll. Und der Lieblingsbereich des deutschen Mannes ist der Fußball. Ich will diese Leute nicht bekehren. Sie haben das Recht zu sagen, es gefällt ihnen nicht. Für die beiden Spiele kann ich ihnen die Qual nicht nehmen. Da müssen sie entweder den Ton ausschalten oder vielleicht doch hereinhören.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass Sie von einer Frauenquote im Sportjournalismus nicht viel halten. Wie sind Sie selbst so weit gekommen?

Neumann: Mein Werdegang war der normale Werdegang tausend anderer Kollegen meiner Generation. Ich bin genau in die Hochphase des Sports im Privatfernsehen hineingeraten. Ich glaube, dass es mir eher von Vorteil war, weiblich zu sein. Wenn 50 ähnliche talentierte Kollegen da waren, war ich als Frau eine Ausnahme. Und es gab zu der Zeit nun einmal wesentlich weniger Frauen, die sich für Sport interessiert haben. Das sind alles Sachen, die sich mittlerweile peu à peu ausgleichen. Lesen Sie dazu auch: "Fußball ist Claudia Neumanns Leben"

Sind Ihre männlichen Kollegen wie Béla Réthy Vorbilder für Sie oder gibt es andere Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?

Neumann: Vorbilder wäre vielleicht eins zu hoch gegriffen. Ich will niemanden kopieren. Aber selbstverständlich respektiere ich die sehr und schaue auch zu ihnen auf. Gerade Béla Réthy und Marcel Reif sind für mich Vertreter dieses Genres, die außergewöhnlich gut sind. Ich gucke mir da nichts ab, aber wenn ich sie treffe, frage ich sie schon einmal nach einem kleinen Tipp. Ich würde auch jede Frau fragen, die einen Erfahrungsvorschuss auf einem Gebiet hat. Die finde ich nur jetzt gerade nicht. (lacht)

Claudia Neumann hätte auch "Vatikan gegen Malta" kommentiert

Wie würden Sie Ihren Stil als Kommentatorin beschreiben?

Neumann: Sachlich, fachlich, am Spiel orientiert. Definitiv ohne große Entertainment-Einschläge. Ich versuche, das sprachlich sauber zu machen.

Sie kommentieren die Spiele Wales gegen Slowakei und Italien gegen Schweden. Konnten Sie sich die Partien aussuchen?

Neumann: Nein. Das haben ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz und Christoph Hamm, ZDF-EM-Programmchef, so eingeteilt. Ich bin zufrieden damit. Ich hätte auch Vatikan gegen Malta kommentiert. Völlig wurscht.

Sie bringen 25 Jahre Erfahrung mit. Werden Sie vor dem ersten EM-Spiel besonders aufregt sein?

Neumann: Das kann ich Ihnen erst hinterher sagen. Grundsätzlich bin ich nicht sehr aufgeregt. Ich habe schon viele Live-Situationen wie Reporterschalten erlebt. Ich glaube, ich habe insgesamt eine gesunde Art von erhöhter Aufmerksamkeit. Etwas mehr Adrenalin, aber nicht zu viel. Wenn es mich belasten würde, würde ich es nicht machen.

Was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Neumann: Wir gehören auf jeden Fall zum Kreis der Topfavoriten. Wir wissen alle, dass die deutsche Mannschaft, wenn es darauf ankommt, die Eindrücke von Testspielen vergessen machen kann. Wir haben klasse Spieler und einen tollen Trainer mit einer klaren Idee, wie Fußball gespielt werden soll: mit der von Pep Guardiola geprägten Flexibilität. Ich hoffe darauf und eigentlich glaube ich auch, dass Deutschland es schafft. Aber man kann keine Siege programmieren, das wissen wir von den Bayern. Ein schlechter Tag, fünf Prozent weniger Energie reichen, um auszuscheiden.

Haben Sie einen Lieblingsspieler im deutschen Team?

Neumann: Ich mag Spieler, die richtig gut mit dem Ball umgehen können, Techniker. Da kann ein Mario Götze herausstechen. Deswegen finde ich es so unglaublich schade, dass er in den letzten Jahren so wenig Spielzeit hatte. Wobei ich natürlich nachvollziehen kann, warum das so ist. Ihm fehlt ein bisschen die Explosivität. Völlig konterkarierend zu dem, was ich sage, ist Thomas Müller. Das ist verrückt, wie der Fußball spielt. Wo der sich überall aufhält, wie der sich bewegt, das finde ich faszinierend. Bei Müller stimmt das Gesamtpaket. Wenn er vor die Kamera tritt, ist das erfrischend anders.

Besteht eine Chance, dass Sie ein Deutschland-Spiel kommentieren, sollte Deutschland die Vorrunde überstehen?

Neumann: Nein. Es ist eine feste Verabredung dass ich die beiden Spiele mache. Danach gehe ich nach Paris und mache Zusammenfassungen, Berichte, Interviews. All das, was ich seit vielen, vielen Jahren mache. Damit bin ich auch sehr zufrieden.

Um ihre Sicherheit möchte sich Neumann nicht sorgen

Die EM in Frankreich wird von starken Sicherheitsvorkehrungen begleitet sein. Wie nehmen Sie das wahr? Machen Sie sich Sorgen um Ihre Sicherheit?

Neumann: Nein, ich versuche mir überhaupt keine Gedanken darüber zu machen. Bis jetzt ist mir das auch gut gelungen. Es ist ja völlig wurscht, ob ich nach Paris, Brüssel, Madrid fahre: Diese Bedrohungslage ist überall. Ich glaube, es ist sinnvoll, das in dem Zusammenhang auszublenden. Ich fahre lieber Fahrrad als in die Metro zu gehen. Das habe ich bei allen Großveranstaltungen der letzten zehn Jahre gemacht, weil ich mich lieber überirdisch als unterirdisch bewege. Da fühle ich mich in Paris auch besser, was die Bedrohungslage betrifft.

Ergreifen die Kollegen beim ZDF Maßnahmen oder ist alles wie immer?

Neumann: Wir werden informiert. Es stand den Kollegen auch frei, bei dem Ereignis dabei zu sein. Ich weiß von einigen, dass sie aufgrund ihrer Familiensituation zurückgezogen haben.

Sie haben einmal gesagt, Fußball sei halt nicht Eiskunstlauf – was meinen Sie damit?

Neumann: Das ist natürlich eine Phrase. Wenn ich im Fußballmetier arbeite, dann weiß ich, dass es nicht immer im geschliffenen Deutsch daher geht. Da muss ich auch einmal mit der schlechten Laune eines Interviewpartners rechnen. Man muss auch einstecken können.

Zur Person: Die 52-jährige Sportreporterin ist in Gelsenkirchen-Buer, unweit der alten Schalker Glückauf-Kampfbahn, geboren und in Gladbeck aufgewachsen. 2011 war sie die erste Frau im deutschen Fernsehen, die Spiele einer Fußball-WM kommentierte – sieben Partien der Frauen-WM in Deutschland. In Frankreich ist sie nun wieder Pionierin. Dieses Mal bei den Männern.

Die Fragen stellte Niklas Molter.

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