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Serie: "Aller Ende ist schwer"
29.11.2023

Über die Schwierigkeit, das richtige Karriereende zu finden

Was tun, wenn die Zeit als Sportler zu Ende geht? Viele tun sich schwer damit, den richtigen Zeitpunkt für das Karriereende zu finden.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Viele Sportlerinnen und Sportler tun sich schwer damit, den richtigen Zeitpunkt für das Karriereende zu finden. Eine Ex-Leichtathletin und Sportpsychologin weiß Rat, auch aus eigenem Erfahren.

Plötzlich ist sie da, diese Angst vor dem schwarzen Loch. Von einem Tag auf den anderen gehören tägliche Routine und gewohnte Abläufe, Kollegen oder Orte, die einem lange vertraut waren, der Vergangenheit an. Frischgebackene Rentner wissen, wie sich das anfühlt, aber auch Sportler, in deren Laufbahnen Siege, Schulterklopfer, Aufmerksamkeit, Preisgelder und (in wenigen Fällen) gut dotierte Verträge wie das tägliche Brot dazugehörten. Nun aber hat irgendjemand das Rampenlicht ausgeknipst. Es beginnt: das Leben danach.

Gerade weil der unvergleichliche Loriot dieser Tage seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, fällt einem dessen Film „Papa ante portas“ ein, in dem einen Verkaufsdirektor von einem Tag auf den anderen in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wird. Er wollte das nicht. Die meisten Sportkarrieren enden ähnlich. Entweder zwingen einen Verschleißerscheinungen aufgrund jahrelanger Dauerbelastung, schwindendes Leistungsvermögen, Ärger oder Frust über sich verabschiedende Sponsoren, den Verband oder das eigene Umfeld zu einer Vollbremsung. In den seltensten Fällen gelingt der Abschied selbstbestimmt. Das Resultat entspricht einem wohlbekannten Schema und endet meist auf dieselbe Weise: Athleta ante portas!

Ein Ende ohne Vorbereitung ist schwierig

Aber wie soll man umgehen mit Sportlerinnen und Sportlern, die immer weitermachen wollen, die selbst den lautesten Schuss ignorieren, es allen aus Trotz noch einmal beweisen wollen und nur in einem schmerzhaften Prozess eingehämmert bekommen, dass ihr Geist zwar nach wie vor willig, aber das Fleisch längst schwach geworden ist? „Ganz ohne Vorbereitung schafft das niemand“, weiß die Sportpsychologin Fabienne Engels, besser bekannt unter ihrem Mädchennamen Kohlmann, auch aus eigener Erfahrung. Zwischen 2007 und 2016 gehörte die heute 34-jährige aus Karlstadt (Unterfranken) zu den besten Leichtathletinnen Deutschlands, war 2010 Europameisterin mit der 4 x 400-Meter-Staffel und nahm 2016 an den Olympischen Spielen in Rio teil. Heute hat sie das Kapitel „Leistungssport“ hinter sich gelassen und genießt ihr anderes Leben im Beruf und als Mutter.

Viele Sportler opfern ihre besten Jahre dem Training und Wettkampf

„Kein Außenstehender kann ermessen, was mit einem passiert, wenn man zum Leistungssportler wird. Da entsteht ein komplett anderer Mensch, dessen Leben in zunehmendem Maße nur noch aus Sport, Sport und nochmals Sport besteht“, lautet Engelsʼ Fazit. 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche geht es ausschließlich um Training, Ernährung, Regeneration und Vorbereitung auf den großen Tag – schlicht um ein Leben, bei dem der eigene Körper zum Kapital geworden ist, das es zu pflegen gilt. Selbst Urlaube und Beziehungen richten sich nach Meisterschaften und Qualifikationswettkämpfen. Nicht umsonst beklagen viele Protagonisten, dass sie ihre besten Jahre, bisweilen sogar ihre ganze Jugend dem Sport geopfert hätten. Engels: „Um richtig gut zu werden, muss man schon ganz früh anfangen. Da wächst man dann automatisch in eine Parallelwelt hinein, findet sich dort ganz gut zurecht, dementsprechend fällt der Ausstieg dann wahnsinnig schwer. Man kennt ja nichts anderes. Irgendwann gibt es nicht mehr den Supersportler, der bei Olympia war und dem sich automatisch alle Türen öffnen, sondern nur noch einen Schreibtischmenschen. Man wird behandelt, wie jeder andere auch. An diesem Verlust ihrer alten Identität zerbrechen viele.“

Fehlende Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen

Es geht um den passenden Zeitpunkt. „Das ist eher ein Bauchgefühl“, beschreibt es die frühere Leistungssportlerin. „Meist fehlt es den Athleten grundsätzlich an der Bereitschaft, sich überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ Wenn aber die Achillessehe reißt, dann stehen die dunklen Gedanken plötzlich mitten im Raum. Fatal wird es, wenn es keinen Plan für danach gibt, mahnt Fabienne Engels. Gesucht wird: eine Art Methadon, eine Ausstiegsdroge für den Sport. Wichtig sei, sich rechtzeitig ein zweites Standbein aufzubauen, beruflich wie privat, um den Übergang möglichst fließend zu gestalten. Dabei geht es darum, eigene Kompetenzen entweder neu zu entdecken oder alte wiederzubeleben, Zeit in Ausbildung, Studium zu stecken oder gar die Perspektive zu wechseln und seine Erfahrungen als Trainer weiterzugeben. Den oft zitierten „richtigen Zeitpunkt“ erkennt man ihrer Meinung nach erst dann, wenn er da ist. „Irgendwann fliegen sie aus dem Kader oder aus der Mannschaft, und guter Rat ist teuer.“

Wie sich allmählich die Gewichte Richtung Karriereende verschieben können, hat Fabienne Engels am eigenen Leib erlebt. Unter dem Einfluss von diversen kleineren und größeren Verletzungen entschloss sie sich schon 2009, in Jena und später in München Psychologie zu studieren. Den Traum, als Sportlerin Olympische Spiele zu erleben, erfüllte sie sich 2016 mit einer Energieleistung. In Rio schied sie dann im Vorlauf aus. „Es hat sich gelohnt, dass ich es so gemacht habe“, rekapituliert sie heute zufrieden. Heute würde sie es wieder so machen. „Ich konnte mir meinen großen Traum erfüllen. Danach habe ich es ausklingen lassen.“ Obwohl sie den Zenit zu diesem Zeitpunkt längst überschritten hatte, war es für sie definitiv der richtige Zeitpunkt. Um auf ihrem persönlichen Höhepunkt abzutreten und ein neues Leben zu beginnen.

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