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Verkehrssoziologe im Interview

07.07.2010

Das Phänomen Autokorso

Freundinnen feiern gemeinsam nach einem Sieg der deutschen Elf im Autokorso.
Bild: wk lof

Ist das Spiel der deutschen Elf oder der Autokorso danach die eigentliche Attraktion? Der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr (50) über pingelige Cabriofahrer, verzierte Krücken und die Zukunft des Autokorsos. Von Sarah Wenger

Während der Fußball-WM könnte man schon einmal ins Zweifeln geraten: Ist das Spiel der deutschen Elf oder der Autokorso danach die eigentliche Attraktion? Der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr (50) spricht über pingelige Cabriofahrer, verzierte Krücken und Ursprung und Zukunft des Autokorsos.

Die Fußball-WM ist in vollem Gange. Freuen Sie sich bereits auf die Autokorsos nach dem Halbfinalspiel?

Ich war für einige Tage in Berlin und konnte die Situation gut beobachten. Mein Eindruck ist, dass der Charme verloren gegangen ist und das Maß an Rücksichtlosigkeit zugenommen hat. Bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land vor vier Jahren haben alle noch verständnisvoll reagiert.

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Was ist passiert?

Das hat mit der Leistung der deutschen Mannschaft zu tun. Die Dominanz mit der sie spielt, überträgt sich auch auf die Fans. Die leben diese Dominanz über den Autokorso aus. Es überwiegen nicht wie im Jahr 2006 Freude, Überraschung und dieses "seid alle umarmt"-Gefühl. Vor vier Jahren war die Erwartungshaltung gering - das zeigt auch der Begriff "Sommermärchen".

Wann ist die Begeisterung nach Deutschland geschwappt?

Das war im Jahr 2002 (während der WM in Japan und Südkorea, Anm. d. Red.). Vor mittlerweile acht Jahren haben die Menschen über die Medien mitbekommen, wie die Fans in Südeuropa feiern. Klar kannte die ältere Generation das schon von früheren Fernsehbildern, aber die Masse kennt das Phänomen seit 2002. Autokorsos waren ein Metropolen- und sind ein Medienphänomen. Als Deutschland dann 2006 Gastgeberland war, haben die Fans das einfach übernommen. Damals gab es Public Viewing nur in den Metropolen. Sobald sich die Feiermeilen geleert haben, ging es mit dem Auto durch die Stadt. Die Medien haben diese Art zu feiern verbreitet. Ich weiß noch, wie im 2000-Seelen-Dorf meiner Eltern auf einmal vier junge Männer 'rumgefahren sind.

Führen denn andere Fans den Autokorso an, als während der letzten beiden Weltmeisterschaften?

Das ist gewiss so. Schon alleine wegen des Alters. In Autokorsos sind vor allem Fahranfänger unterwegs. Die waren dann also 2002 18 Jahre alt und sind heute 26. Vor acht Jahren ging es los und auch vor vier Jahren war alles noch neu: Da sind Vater und Sohn gemeinsam unterwegs gewesen, das war witzig. Vielleicht verklärt man die Erinnerungen aber im Nachhinein auch. In diesem Jahr fährt mehrheitlich die Art von Fans im Autokorso, die zeigen wollen, wer sie sind und was für ein Auto sie fahren.

Woher kommt das Phänomen Autokorso überhaupt?

Seit der Renaissance ließen sich Herrscher in Triumphwagen am Volk vorbeiführen. Und nach dem Zweiten Weltkrieg hat man den durchmarschierenden Rückkehrern zugejubelt. Nach Fußballspielen feiern die Autofahrer sich selbst. Mit einer Ausnahme: Wenn die Mannschaft im Autokorso durch die Stadt fährt, wird ihr zugejubelt. Man muss sich überlegen, was da während der WM passiert: Man rüstet einen Alltagsgegenstand, das Auto, um: Fahnen, Spiegelschoner, Magnetstreifen - davon profitiert mittlerweile eine ganze Zuliefererindustrie. Früher gab es Autokorsos vor allem in Südeuropa. Dort sind die Fans einmal um den Brunnen gefahren und haben nicht die ganze Stadt eingenommen. In Deutschland funktioniert der Autokorso nur noch, wenn man ihn wie eine Demonstration behandelt - mit Polizeiautos flankiert und so eben auch schützt.

Der Deutsche interpretiert den Autokorso also anders, als der Südeuropäer. Warum?

Deutschland ist eine Autonation. Der Gedanke des Fans ist folgender: Ich brauche ein gutes Cabrio für den Korso, das mache ich zuvor vielleicht noch sauber und erst dann hänge ich meine Flaggen daran. Man möchte in der Masse feiern, aber der angetrunkene Pöbel, der soll draußen bleiben und bitte nicht ins geputzte Cabrio steigen. In Südeuropa fahren die Fans in fremden Autos mit. Sie freuen sich einfach. Ähnlich, wie es bei uns bei einem Hochzeits-Autokorso der Fall ist.

Gibt es beim Autokorso gewisse Spielregeln, die es einzuhalten gilt?

Na klar. Wichtig ist natürlich, nüchtern zu fahren. Auch sollten sich die Fans nicht so weit aus dem Auto lehnen, dass sie schon fast herausfallen, bevor es überhaupt los geht. Ein Problem ist, dass Autokorsos mittlerweile den gesamten Verkehr lahm legen.

Können Sie eine Prognose abgeben: Quo vadis Autokorso?

Ich rechne in Zukunft mit weniger Autokorsos. Ein Grund sind die zahlreichen Public Viewing-Angebote. Dort geht es bei dieser WM direkt nach dem Spiel weiter, egal ob mit Musik oder Moderation. Die Fanmeilen leeren sich zwar ein Stück weit, aber viele bleiben und fahren dann eben nicht mit dem Auto. Außerdem fehlt bereits jetzt das verbindende Element. 2006 sind die Fans der gegnerischen Nationalmannschaften noch gemeinsam losgefahren, in diesem Jahr sind nur noch Deutsche unterwegs. Vor vier Jahren standen viele Fans an der Straße und haben den Autokorso beobachtet. Den Autofahrern fehlt diese Rückmeldung. "Ach, oh, da fährt ein Autokorso", ist ihnen eben nicht genug.

Wird dann künftig anders gefeiert?

Ich habe in den letzten Tagen mit Fahnen geschmückte Fahrräder gesehen. Ein Fan war sogar mit verzierten Krücken unterwegs. Da sieht man, was alles möglich ist. Vielleicht tanzen die Menschen irgendwann auf den Straßen. Mir ist wichtig, dass die Fans begreifen, dass der Autokorso aus der Emotion heraus geboren und daher nicht beliebig zu wiederholen ist. Dieses Gefühl lässt sich nicht reproduzieren. Von Sarah Wenger

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