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Nachfolge

19.02.2018

Dem TSV Wertingen schlägt die Stunde

Bernhard Rauch, Präsident des TSV Wertingen ist seit acht Jahren im Amt. Jetzt sagt er: „Es reicht“.
Bild: Archiv-Foto: Günther Herdin

 Der größte Verein im Zusamtal will am Freitag bei einer außerordentlichen Versammlung eine wichtige Frage klären – die Schicksalsfrage? Das vierköpfige Präsidium zeigt sich amtsmüde, eine Nachfolge ist nicht in Sicht.

Der größte Verein in Wertingen mit 1352 Mitgliedern steht am kommenden Freitag vor einer Schicksalsfrage. Um 19 Uhr geht es im Sportheim im Rahmen einer außerordentlichen Mitgliederversammlung um die Nachfolge des vierköpfigen Präsidiums des TSV Wertingen, das geschlossen seinen Dienst quittieren will. Das kommt nicht ohne Vorwarnung. Schon seit zwei Jahren kündigt Präsident Bernhard Rauch seinen Rückzug an. Und mit ihm auch seine Stellvertreter Anton Deisenhofer, Helmut Sendlinger und Schriftführerin Sofie Niesner. Die Gründe sind hauptsächlich altersbedingt – ein Generationswechsel stehe an, sagt der 63 Jahre alte Rauch. „Acht Jahre sind genug“, findet der Präsident, dass seine Amtszeit nun zu Ende gehen soll. Auch Deisenhofer und Sendlinger haben, ebenso wie Sofie Niesner, die 60 schon überschritten.

Das Problem der Nachfolge beschäftigt den Verein seit etlicher Zeit. Eine Findungskommission, bestehend aus Mitgliedern der Kernabteilungen und Bürgermeister Willy Lehmeier, hatte mit der Suche nach einer neuen Vereinsführung keinen Erfolg. Bernhard Rauch ist momentan ratlos: „Das alles hat nichts gebracht.“

Ein schwerer Schlag sei schon der Tod des langjährigen Schatzmeisters Erwin Wirth für den Verein gewesen. „Der war wie ein Geschäftsführer für uns, hat alles gemacht“, sieht Rauch noch heute eine Lücke. Der Verein habe zwischenzeitlich eine Bürokraft auf 450 Euro-Basis in seiner Geschäftsstelle eingestellt und die Buchhaltung außer Haus gegeben. Dennoch bleibe genügend zu tun wie Mitgliederverwaltung, Bestandsverwaltung oder Förderanträge stellen. Nach einem Ehrenamt, wie dem eines Sportvereinspräsidenten, würde sich heute niemand drängen, bedauert Bernhard Rauch und zeigt gleichzeitig ein gewisses Verständnis. Denn junge Menschen seien meist beruflich und familiär eingespannt. Junge Menschen unter den Mitgliedern seien oft viel unterwegs, müssen beispielsweise im Falle eines Studiums den Wohnort wechseln, deshalb seien diese schwer zu generieren.

Für Rauch ist ein Generationswechsel wichtig, denn auch in den Sportvereinen würde sich vieles ändern: „Es ist die Frage, ob unsere Sportarten noch alle zeitgemäß sind“, überlegt der Vereinschef, ob das klassische Angebot im Verein wie Turnen, Fuß- und Handball heutzutage alleine ausreichend ist.

Die Führung des TSV Wertingen hat schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Nachdem Präsident Walter Nuber 2009 nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben war, übernahm Anton Deisenhofer kommissarisch für ein Jahr den Vorsitz. Im Mai 2010 wurde dann mit Bernhard Rauch ein Nachfolger im Amt gefunden.

Günther Pischel stand dem Verein 15 Jahre lang als Präsident vor. Die Glanzzeiten von damals, als der TSV nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftlich im Leben der Stadt eine Rolle spielte, seien vorbei, denkt Pischel nach: „Es passiert nichts mehr beim TSV außerhalb des Sports“. Das sei zu wenig. Pischel erinnert sich an Begegnungen mit internationalen Mannschaften, die es früher gegeben hatte und an andere gesellschaftliche Anlässe. Pischel weiß, dass sich die Zeiten geändert haben, es schwieriger geworden sei, einen Verein zu leiten. „Früher hat man Fußball noch für ein Trinkgeld gemacht, heute macht kein Trainer in den unteren Klassen mehr was unter 1000 Euro.“ Der Kommerz nehme überhand, deshalb wolle sich niemand mehr ein Führungsamt in einem großen Verein aufbürden. Hinzu kämen die Vorschriften, die immer umfangreicher und komplizierter würden.

Alfons Strasser, Kreisvorsitzender des Bayerischen Landessportverbandes, bestätigt Pischels Meinung. Ein großer Verein könne heute nur noch im Team geführt werden, meint Strasser. Ein Problem sei es, wenn – wie in Wertingen – das ganze Team seine Aufgaben abgeben wolle. Dafür gebe es keine Patentlösung. „Es wäre jedenfalls sehr schade, wenn ein Verein, der so verwurzelt ist, nicht erhalten werden könnte, oder in einzelne Abteilungen zerfällt,“ überlegt Strasser.

„Wertingen ist ein schwieriger Verein wegen seiner Größe und der Zahl der Abteilungen“, meint auch Günter Wirth, Ehrenmitglied im Kreis Dillingen des Bayerischen Landessportverbandes. Der Buttenwiesener Wirth war selbst lange Zeit Funktionär, machte zusammen mit seiner Frau Edeltraud viele Lehrgänge im Sportbereich. Deshalb weiß er, dass es gerade für jüngere Leute schwierig ist, so ein Amt auszuführen. Wirth: „Jeder, der heute im Beruf steht, wird von seiner Firma beansprucht.“ Da bleibe keine Zeit für ein leitendes Ehrenamt. Präsident Bernhard Rauch geht eine mögliche Lösung im Kopf herum. „Wenn eine solche Position finanziert wird, dann findest du sofort Jemanden,“ denkt Rauch.

Der TSV Schwabmünchen, der sich in einer ähnlichen Lage wie Wertingen befindet, denkt in dieser Hinsicht derzeit laut nach. Vorsitzender Hans Nebauer, seit 24 Jahren im Amt, will seinen Posten aufgeben. Auch er findet keinen Nachfolger: Zu umfangreich seien die Aufgaben, die ein ehrenamtlicher Vorsitzender in einem Großverein zu bewältigen habe. Der TSV Schwabmünchen hat derzeit 3350 Mitglieder. Der Verein werde mehr und mehr zu einem Dienstleistungsunternehmen, sagt Nebauer, die Verantwortung sei enorm. Auch spiele das Geld eine viel wichtigere Rolle als früher, die Ansprüche der Mitglieder würden größer, rechtliche und steuerliche Bedingungen immer schwieriger. Nebauer spricht von einem „Vereinsmanager“, der notwendig sei. Der TSV Schwabmünchen denkt deshalb an die Anstellung eines professionellen Geschäftsführers.

In Wertingen ist dieser Gedanke noch nicht spruchreif. Was aber passiert, wenn das Noch-Präsidium nun seine Ämter niederlegt, obwohl es keine Nachfolger gibt? Robert Häfele, Leiter der Geschäftsstelle Schwaben des Bayerischen Landessportverbandes in Augsburg, beschreibt das schlimmste Szenario, das eintreffen könnte. „Letzte Möglichkeit wäre eine Zwangsverwaltung.“ Die Stadt oder Gemeinde müsste dann tätig werden und einen Vorsitzenden bestellen. Das sei meist ein Rechtsanwalt, der die Vereinsgeschäfte abwickelt. Auch Günter Wirth kennt diese Möglichkeit, sieht aber in so einem Falle schwarz. „Ein Zwangsverwalter arbeitet für sich, dann macht der Verein meist pleite.“ Was dann noch bleibt, sei die Auflösung. "Kommentar

Präsidenten des TSV Wertingen nach dem Zweiten Weltkrieg: 1947 – 1949 Karl Förg, 1949 – 1953 Karl Strasser, 1953 – 1960 Hans Albrecht, 1960 Josef Winklhofer, 1960 – 1988 Karl Förg, 1988 – 2003 Günther Pischel, 2003 – 2009 Walter Nuber, 2009 – 2010 Anton Deisenhofer (kommissarisch), seit 1. Mai 2010 Bernhard Rauch

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