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Geschichte(Teil 1)

12.01.2021

Erinnerungen: So schön war es in Altenbaindt

Der Autor Wolfgang Pfaffenberger aus Wertingen.
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Der Autor Wolfgang Pfaffenberger aus Wertingen.

Wolfgang Pfaffenberger aus Wertingen schildert seine Kindheitserinnerungen an die Nachkriegszeit

Es sind Kindheitserinnerungen aus schweren Zeiten. Der Wertinger Wolfgang Pfaffenberger beschreibt seine Eindrücke und Erlebnisse während der Nachkriegszeit in dem kleinen Dorf Altenbaindt. Der Autor erinnert sich an seine „Sommerfreuden“ während der sogenannten „schlechten Zeit“ und lädt mit prallen Bildern den Leser in die Lebensumstände seiner Kindheit ein. Er berichtet von Stimmungen und Arbeiten auf dem Bauernhof, erzählt von seinen persönlichen Eindrücken und Erlebnissen in dem kleinen Dorf Altenbaindt und berichtet von der kargen, ungeheizten nächtlichen Kammer und von dem Schicksal der Flüchtlingsfamilie Gilg.

In einer Mischung aus kindlicher Erinnerung und erwachsener Erzählung nimmt Pfaffenberger, der pensionierte Studiendirektor und langjährige Lehrer am Wertinger Gymnasium, den noch heute viele ehemalige Schüler kennen, den Leser mit in das dörfliche Leben.

Der Vater ist in russischer Gefangenschaft, die junge Mutter Leni lebt mit dem zweijährigen Sohn Wolfgang in Göggingen am Rande der bombardierten Stadt Augsburg. Die Verbindung zur Familie im Landkreis Dillingen ist stark. Mutter und Sohn verbringen viele Sommer bei ihren Verwandten, der Familie Schuhmair in Altenbaindt.

Die Mutter ist fröhlicher Natur, fleißig und packt bei der Ernte mit an. Darüber hinaus ist sie geschickt, näht, strickt und flickt. Deshalb ist sie auf dem Schuhmair-Hof gerne gesehen und eine große Hilfe. Im Gegenzug erhält sie Naturalien, die ihr und ihrem kleinen Sohn Wolfgang das Überleben sichern. Der schmale Band „ Mein Altenbaindt im Landkreis Dillingen. Erinnerungen an meine Kindheit 1946-1954“ ist ausgeschmückt mit Originalfotografien und bunten Zeichnungen und gibt tiefe Einblicke in das dörfliche Leben der Nachkriegszeit in der Region. In drei Teilen berichtet die Wertinger Zeitung in Auszügen aus dem Band „ Mein Altenbaindt“ im Landkreis Dillingen.

Hier nun der erste Teil: „Ein Teil meiner frühesten Erinnerungen sind auf die vielen Sommer gerichtet von 1946 bis 1953/54, die ich mit meiner Mutter im Schuhmair-Hof verbrachte. Darüber soll die folgende Aufzeichnung erzählen, aus dem Blickwinkel meiner kindlichen Erinnerungen.

Millionen von Kindern mussten die Schrecken dieses apokalyptischen Weltkrieges – vor allem in den Städten – hautnah miterleben und mit ansehen, wie grausam Tod und Vernichtung, über sie herein brachen. Erst viel später wurde mir bewusst, welch unvergleichliches Glück mir unverdient zuteilgeworden war, nicht im Bombensturm über Augsburg verschüttet worden zu sein.

Meine Erzählung über die Sommerfreuden mögen einen kleinen Eindruck geben, wie still und friedlich eine ländliche Dorfgemeinde war – inmitten des Horrors der Nachkriegszeit.

Eines Tages im August wohl stand ich – kaum zweijährig – als „Nackapudel“ wie man sagte, im Hof von Schuhmair vor meinem geliebten und mageren Schäferhund Rolf; der nicht mir , sondern zum Anwesen gehörte.

Er war mein Lieblingstier und begleitete mich auch auf Streifzügen in den Weisinger Forst und mit Ochsen und Heufuhrwerk in den Reichenbach. Dass es eine entbehrungsreiche, arme und höchst gefährliche Zeit war, blieb mir zum Glück verborgen – vor allem Dank meiner immer sorgenden und frohgemuten Mutter.

Der Hof der Schuhmairs, etwas abseits im Zwickel gelegen, hatte eine prächtige Lage am bergig bewaldeten Rand des Donautales. Tante Ella zeigte mir an klaren Tagen, dass man, nach Norden schauend, die Türme von Dillingen von der Küche aus sehen konnte. Das beeindruckte mich stark – doch so weit konnte noch niemand fahren. Ich war doch mit meiner kleinen Welt sehr zufrieden, verkroch mich oft im Heuboden, bis der Staub in der Nase kitzelte.

Im Stall hatte ich Respekt vor den großen Kühen, die alle einen Namen trugen und täglich zweimal gemolken wurden. Loni, Burgi, Scheck, Zenta, Lotte, Laura.

In einer Ecke des Stalles gab es meistens auch Kälbchen, die meine Sorge und mein Mitleid ganz besonders anregten. Doch war ich beruhigt, wenn sie an die Zitzen ihrer Mütter von Tante Ella herangeführt wurden. Schweine gab es auch – in einem eigenen Stall – doch deren Gestank und Gequietsche beunruhigten mein kindliches Gemüt gewaltig.

Dann drängte es mich freiheitsliebend wieder hinaus in Hof und Garten. Hühner liefen querbeet, auch kreuz und quer über die staubige Straße. Es gab ja 1946 so gut wie keinen motorisierten Verkehr- und die Straße von Weisingen nach Glött, die heute hinter dem Lokal „Alp Altenbaindt“ vorbeiführt, war damals noch in weiter Ferne.

Ich als ganz kleiner Bub, bald drei beziehungsweise vier Jahre alt, hatte (also) das einmalige Vorrecht, immerfort spielen zu dürfen- und niemals arbeiten zu müssen. Freilich - auch dies war mir nicht bewusst, sondern für das Kind einfach Geschenk.

Die Nächte verbrachte ich in der Kammer im ersten Stock, anfangs noch mit meiner Mutter, später mit vier und fünf Jahren alleine. Das Zimmer war ungeheizt, schmucklos und alles andere als einladend. Ich vermisste mein wohlig-weiches Bettchen zuhause in Göggingen, denn das sperrige Oberbett legte sich wie ein kalter Sack auf meinen Körper.

Meine Mutter meinte manchmal, ich solle doch froh sein, dass es uns in Altenbaindt so gut gehe – wie im Schlaraffenland. Obwohl ich dieses Wort zum ersten Mal hörte, war mir der Sinn sofort klar: Und ich war wieder völlig glücklich und zufrieden mit mir und meiner kleinen Welt.“ (waul)

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